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Theaterstück über Ada Lovelace, Heldin der Informatik:Puppenprogramm

Frau Ada denkt Unerhörtes (UA); Schauspiel Leipzig

Körper und Geist, Mensch und Maschine: Katharina Schmidt als Ada Lovelace sowie Julius Forster und Felix Axel Preißler als künstliche Geschöpfe in der Uraufführung von "Frau Ada denkt Unerhörtes" am Schauspiel Leipzig.

(Foto: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig)

Das Schauspiel Leipzig macht die Computerpionierin Ada Lovelace zur Protagonistin einer klugen und lustigen Uraufführung.

Diese Frau war ihrer Zeit weit voraus. Ein Jahrhundert, bevor die programmierbaren Rechner entwickelt wurden, die heute als Computer unser Leben bestimmen, hat Ada Lovelace bereits deren Möglichkeit erkannt und die Mathematik als Sprache zu lesen verstanden. Die visionäre Britin, Tochter von Lord Byron, gilt als erste Programmiererin der Welt, Vordenkerin des digitalen Zeitalters.

Zu einer Zeit, als Frauen der Zugang zu Universitäten und öffentlichen Bibliotheken verwehrt war, setzte sich Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace, wie sie mit vollem Namen hieß (1815 - 1852), wissenschaftlich mit Entwürfen des Mathematikers Charles Babbage zu einer dampfgetriebenen Rechenmaschine auseinander, der sogenannten Analytical Engine. Lovelace begriff, dass eine solche analytische Maschine nicht nur rechnen, sondern auch Sprache und sogar Musik umsetzen könnte. Ihre 1843 verfassten Erläuterungen zu möglichen Berechnungen mit dieser Maschine (die nie gebaut wurde) gelten als erstes Programm und machten Lovelace später zu einer Heldin der Informatik. Die Programmiersprache Ada ist nach ihr benannt. Seit 2009 wird jedes Jahr am zweiten Dienstag im Oktober der Ada Lovelace Day begangen, an dem Frauen und ihre Werke in Wissenschaft, Technik und Mathematik gefeiert werden.

Auch am Schauspiel Leipzig kommt die Computerpionierin derzeit zu Ehren: in dem Stück "Frau Ada denkt Unerhörtes" von Martina Clavadetscher, uraufgeführt in der Spielstätte Diskothek in einer klugen, beschwingenden, schön verspielt komischen Inszenierung von Katrin Plötner. Es ist ein Theaterabend über eine faszinierende Frau in den patriarchalen Strukturen des 19. Jahrhunderts. Auch ein anregendes Spiel mit Körper und Geist, Künstlichkeit und Natur, Schöpfer und Geschöpf. Gespielt wird auf nahezu leerer Bühne vor einem tapezierten Rundhorizont, der ein Urwaldparadies signalisiert, einen Kunstgarten Eden.

Später wird ein nüchternes Hightech-Labor daraus. Die Schweizerin Clavadetscher, Jahrgang 1979, entwirft gerne Weltuntergangsszenarien, etwa in ihrem Stück "Der letzte Europäer" (2017) oder in dem Roman "Knochenlieder", mit dem sie 2017 auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis stand, einer poetischen Familienapokalyse. Auch bei "Frau Ada denkt Unerhörtes" bleibt es nicht beim Biografiespiel mit Versatzstücken aus Ada Lovelaces kurzem Leben - sie starb mit 36 Jahren an Krebs, weshalb die Autorin das Stück wie in einem fiebrigen Gedankendelirium kurz vor Adas Tod als Lebensrückschau erzählt. Dann stirbt Ada und erwacht im zweiten Teil des Dramas als künstliche Intelligenz zu neuem, perfektioniertem Leben: als Roboterfrau in einem Forschungslabor, programmiert von zwei Wissenschaftlern und einer Wissenschaftlerin, denen ihr Geschöpf - "Es" - bald schon unheimlich wird. Denn die KI-Frau, die sich selber Ada nennt, entwickelt nicht nur ein eigenes Bewusstsein, sondern auch ein sehr starkes Selbstbewusstsein. Die Schwächen des Menschen erkennend, nimmt sich die Maschine im Namen der Evolution seine Überwindung vor. So endet das Stück mit einer posthumanen Horrorvision, wie sie in Kinofilmen und Science-Fiction-Stoffen schon zuhauf durchgespielt wurde. "Der Mensch", sagt Es, "ist nicht nachhaltig genug."

Schon als Kind erträumte sie sich eine Allzweckmaschine, die Puppen zum Laufen bringt

So wenig originell diese KI-Dystopie am Ende sein mag, die radikale Fortschreibung von Ada Lovelaces Denkansätzen in einer vielleicht nahen Zukunft funktioniert - und sie ist im Sinne der "Selbstoptimierung", zu der Ada von ihrer autoritären Mutter strikt angehalten wurde, letztlich nur konsequent. Clavadetscher spannt geschickt einen Bogen vom 19. Jahrhundert, der Epoche der düsteren Romantik, in der etwa Mary Shelley ihren "Frankenstein" schuf, ins Digitalzeitalter. Das Spiel mit künstlichen Geschöpfen hat sie ihrem Stück insofern direkt eingeschrieben, als sie im ersten Teil ihrer Ada zwei sprechende Puppen-Figuren an die Seite gesellt, gespielt von Julius Forster und Felix Axel Preißler, beide in hautfarbenen Stramplern, grobmotorisch sich bewegend wie Plastikgliedermänner.

Sie sind Adas Freunde, Zuhörer, Dialog- und Ansprechpartner. Auch die herrische Mutter ist bei Anne Cathrin Buhtz ein Vollautomat (mit viktorianischer Perücke und Rüschenreifrock), der sich wie aufgezogen durch diesen Fiebertraum bewegt. Wenn sie nicht gerade umfällt und die Beine in die Höhe streckt. Sehr lustig, wie diese strenge Gluckenpuppe die beiden Puppenmänner mit zackigem Unterarmschlag immer wieder aus dem Feld räumt, damit sie ihre Tochter nicht auf dumme Gedanken bringen. Die alleinerziehende Lady Byron setzte mit strengen Disziplinarmaßnahmen alles daran, dass bei ihrer Tochter nicht das dunkle Romantiker-Gen und das unberechenbare Temperament ihres (abwesenden) Vaters, des Dichtergenies Byron, durchschlägt. Weshalb sie Ada von Kindheit an alles Musische auszutreiben versuchte und sie stattdessen zu den Naturwissenschaften anhielt. Gefühle wurden geächtet, der Körper zum Feind erklärt. Im Stück fordert die Mutter Perfektion ein mit den Worten: "Jedes Anzeichen von Schwäche ist auszulöschen, denn der kleinste Fehler ist der Untergang jeder Frau (...) Wir haben makellos zu sein."

Ironie des Schicksals, dass aus Ada dann ein Mathegenie von exorbitanter Leidenschaft und Fantasie wurde. Schon als Kind schmiedete sie Pläne für eine dampfbetriebene Maschine, die Pferde zum Fliegen und ihre Puppen zum Laufen bringen würde. Meistens krank und abgekapselt, später Mutter von drei Kindern ersann sie das, was sie "poetische Wissenschaft" nannte. Die junge, empathisch sich in Ada hineindenkende Katharina Schmidt ist mitreißend in dieser Rolle. Im schwarzen Samtkleid gegenüber der Mutter oft eine gebeugte Haltung einnehmend, erwacht sie auf den Schwingen des Intellekts zu ansteckender Kraft und Größe. Auch im schwächer inszenierten zweiten Teil, mit den arg klischeehaften Forscherlingen im Labor, weiß sie mit roboterkühler Überlegenheit zu überzeugen. Was machst du da, wird sie von den Wissenschaftlern gefragt. Darauf sie: "Alles besser."