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Theaterstück mit John Malkovich:Nennt ihn einfach Gott

Fotoprobe ´Just Call me God" mit John Malkovich

"Just Call me God" mit John Malkovich

(Foto: dpa)

In "Just Call Me God" spielt John Malkovich eine Figur, die gerade überall präsent ist: den Diktator. Nun gastiert das Stück im Residenztheater.

Dieser Text über die Proben zu "Just Call Me God" ist erstmals zur Uraufführung im März an der Hamburger Elbphilharmonie erschienen. Am Samstag gastiert das Stück im Münchner Residenztheater.

Eben noch plauderte John Malkovich mit der Kostümhospitantin über die schicken Herrenschuhe, die er in einem Schaufenster auf dem Weg ins Münchner Residenztheater gesehen hat - und einen Augenblick später brüllt er sich als tyrannischer Despot die Seele aus dem Leib. Malkovich gehört zweifellos nicht zu den Schauspielern, die sich warmspielen müssen. Der 63-Jährige steht auf der Probebühne des Residenztheaters, in ausgeleierten Jogginghosen, mit Plastikwumme in der Hand, und ist mit einem Wimpernschlag ganz Satur Diman Cha, Diktator eines fiktiven Bürgerkriegslandes.

Die Proben für das Stück "Just Call Me God" laufen auf Hochtouren, die Zeit ist knapp. Aber früher zu beginnen, hätte Regisseur Michael Sturminger "feig" gefunden. Weil die Schauspielerin Sophie von Kessel wegen den Proben für ein anderes Stück München gerade nicht verlassen kann, hat Sturminger alle Beteiligten kurzerhand in die bayerische Landeshauptstadt bestellt. Obwohl das Stück an diesem Mittwoch in Hamburg Weltpremiere feiern wird, in der Elbphilharmonie. Danach gibt es Gastspiele in München, London, Moskau und Wien.

Aus der Politik hält er sich raus, aber Anspielungen gibt es viele

Elbphilharmonie

"Lieber für Kultur viel Geld ausgeben als für reiche Leute"

Es ist nicht das erste Mal, dass der österreichische Regisseur Michael Sturminger und der Hollywoodstar John Malkovich zusammenarbeiten. Meistens arbeiten sie sich dabei an exzentrischen Männerfiguren ab wie dem Schwerenöter Casanova oder dem Serienmörder Jack Unterweger. In "Just Call Me God" spielt Malkovich einen Diktator, der sich für gottgleich hält: Satur Diman Chas letzte Stunde hat eigentlich schon geschlagen, da schießt er noch mal wild um sich, erst mit dem Gewehr, dann mit Worten. Nur eine Journalistin (Sophie von Kessel) überlebt den Kugelregen. Wird er sie auch töten?

"Michael sucht diese Stoffe immer für mich aus, nicht ich. Das ist es wohl, was er in mir sieht", sagt Malkovich zwischen zwei Probendurchläufen. Mit der Figur habe er aber trotzdem nicht viel gemein. Im Gespräch mit der SZ sagte er einmal: "Ich versuche, selbst irgendwie leer zu sein, damit die Gefühle der Figur für mich unvermeidlich werden. Ich schaffe keine Figuren, sie gehen eher durch mich hindurch." Seine Dialoge hat Malkovich teils selbst geschrieben, auch wenn Sturminger eine erste Version vorgelegt hat. "Ich habe getan, was ich immer tue: Meinen Senf dazu gegeben und mir hier und da ein bisschen Unsinn einfallen lassen", sagt er. Der Frage, ob seine Figur etwas mit Donald Trump zu tun habe, weicht der Schauspieler aus.

Sein Spiel ist Kommentar genug

Malkovich will kein Futter für schnelle Headlines liefern. Sein Spiel ist Kommentar genug. Und Anspielungen auf Trump finden sich jede Menge in dem Stück. Beispielsweise wenn Diman Cha alle Journalisten als Killer, als Lügner beschimpft. Einmal reflektiert er darüber, wie viele Likes ihm ein Live-Video von der Hinrichtung der Journalistin bringen könnte. Malkovich spielt Diman Cha mit einem fiktiven Akzent, der ihn nirgendwo richtig verorten lässt. Dabei ist der Tyrann gerade überall, in Nordkorea, in der Türkei, in den USA. Diman Chas Outfit erinnert an den ugandischen Diktator Idi Amin oder den späten Gaddafi, das Bühnenbild lässt an einen nordkoreanischen Parteitag denken.

Neben der Journalistin überlebt auch Diman Chas Hofmusiker. Der Komponist und Organist Martin Haselböck ist eng in das Spiel eingebunden, und zwar buchstäblich - er wird von Diman Cha auf den Stuhl vor der großen Orgel gefesselt und gezwungen, so aufzuspielen, wie es dem Tyrannen beliebt, mal fröhlich, mal feierlich, mal ernst. Musik von Bach, Ligeti, Messiaen. Das zeigt, wie tief Diman Chas Macht zu greifen versucht - sie diktiert selbst den Zuschauern die Gefühle. Und es zeigt auch, dass das letztendlich nicht funktionieren kann, dass es die absolute Macht nicht gibt. Haselböcks Orgelspiel trägt immer etwas Anarchisches in sich: Selbst seinen feierlichsten Klängen liegt ein warnendes Beben zugrunde.

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Sophie von Kessel brüllt Diman Cha einmal entgegen: "This is a nightmare, a fucking horror circus!" Ein Albtraum sei das, ein verdammter Horrorzirkus. Ob es am Ende eine Erlösung gibt? Die Aussichten sind nicht die besten. Als die Journalistin den Diktator erschießen will und dabei zögert, lacht er nur: "Ihr seid voller Angst, weil ihr begreift, dass wir giftig sind, hochansteckend." Wenn wir versuchen, die Tyrannen mit ihren Mitteln auszumerzen, machen wir uns selbst zu welchen.