Theaterprojekt Geheimsache "Dau"

Wenn Fiktion Wirklichkeit wird: Der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky will in Berlin die Mauer wieder errichten - samt einer Stadt in der Stadt. Das internationale Projekt hat gewaltige Dimensionen und ist logistisch ein Albtraum.

Von Peter Laudenbach

Es könnte die spektakulärste Berliner Kunstaktion seit Christos Verhüllung des Reichstags werden. Der russische Filmregisseur und Installationskünstler Ilya Khrzhanovsky will vom 12. Oktober an ein Areal rund um die Staatsoper Unter den Linden samt Bebelplatz, Werderschem Markt, Bauakademie und Schinkelplatz in eine Art temporäre Diktatursimulation verwandeln, inklusive neu errichteter Mauer und strengen Passkontrollen. Am Ende des "Dau"-Projekts soll pünktlich zum Jahrestag des Mauerfalls auch die reanimierte Kunstmauer am 9. November einstürzen. Auf dem Gelände sollen Konzerte und Performances aller Art stattfinden. Zu den Beteiligten zählt, so ist zu hören, die Prominenz der etwas radikaleren Kunst, von dem Regisseur Romeo Castellucci über die Schmerzperformerin Marina Abramović bis zum Graffiti-Weltstar und Kunstmarktverweigerer Banksy. Auch der Filmregisseur Tom Tykwer soll mit seiner Firma X Filme an "Dau" beteiligt sein. Bei der Unternehmung sollen 13 Filme von Khrzhanovsky uraufgeführt werden. Dieser Filmmarathon, der eigentliche Kern des Projekts, ist der Versuch, ähnlich wie in der Berliner Großinstallation Wirklichkeit, Geschichte und ihre Simulation, Fiktion und ihre Produktion möglichst bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander kurzzuschließen.

Für die Filmproduktion hat Khrzhanovsky in der Ukraine eine künstliche Stadt errichtet, die detailgetreue Rekonstruktion eines isolierten Areals, in dem in der Sowjetunion Atomwissenschaftler arbeiteten. Das Großlabor wird bei Khrzhanovsky zum Soziallabor. Die Filmreihe unternimmt eine Zeitreise von 1938 bis 1968, die Dreharbeiten mit bis zu 400 Mitwirkenden zogen sich über mehrere Jahre hin, von 2008 bis 2011. Immer wieder war das frei finanzierte Projekt schon aufgrund seiner gewaltigen Dimensionen gefährdet. Der Regisseur, ein charmanter Mensch, hat stoisch weitergemacht. Nur wenige Filmausschnitte und Bilder des bis vor Kurzem geradezu konspirativ gegen die Außenwelt abgeschirmten Projekts sind bisher bekannt. Sie sind in ihrer kompletten Schwarz-Weiß-Künstlichkeit spektakulär.

Von den Beteiligten verlangte Khrzhanovsky nicht nur strikte Geheimhaltung, sondern auch eine weitreichende Übereignung des eigenen Lebens an die kollektiv produzierte Fiktion. Dass alles, was nicht zur historischen Zeit der Erzählung passte, von Smartphones bis zu Jeans, vom Set verbannt war, zählte noch zu den leichteren Übungen. Nicht nur die Schauspiel-Crew, auch der gesamte Stab war konsequent im Stil der erzählten Epoche gekleidet. Angeblich war selbst die Verpflegung der Produktion an Kost und Ernährungsgewohnheiten der 1930er-Jahre ausgerichtet. Beteiligte berichten, dass sie während der langen Zwölf-Stunden-Drehtage und Wochen vollends in der anderen Ära lebten.

Schon weil die Dreharbeiten auf dem abgelegenen Gelände sich so lange hinzogen, und viele der Beteiligten über Monate und Jahre involviert waren, dürfte die Unterscheidung zwischen der eigenen Gegenwart und der filmisch rekonstruierten Epoche mit der Zeit angefangen haben, zu verschwimmen. Die Frage, was real ist, wird absurd, wenn die Fiktion so konsequent inszeniert wird, dass sie alle Wirklichkeitsreste aufzusaugen scheint. Auch deshalb passt das Projekt gut zum Immersions-schwerpunkt der Berliner Festspiele, die sich der Realisierung der Installation angenommen haben. Keine andere Berliner Kulturinstitution dürfte über die Kraft, die Ressourcen, die Kontakte und vor allem den nötigen Mut für so ein durchaus riskantes Vorhaben verfügen. Die ursprünglich geplante Bespielung der Volksbühne und der umliegenden Straßenzüge scheiterte in der vergangenen Spielzeit am damaligen Kurzzeitintendanten Chris Dercon.

Logistisch ist das Vorhaben ein Albtraum. Genehmigungen des Straßen- und Grünflächenamts Mitte, der Verkehrslenkung Berlin, von Feuerwehr und Denkmalschutz müssen eingeholt werden. Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, hatte in den letzten Wochen gelegentlich zwölfstündige Arbeitstage. Inzwischen hat sich die Senatskanzlei eingeschaltet, der Regierende Bürgermeister Müller befürwortet das Projekt entschieden, auch wenn er es für "gewöhnungsbedürftig" hält. Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft befürchten ein "Event" und zeigen sich skeptisch.

Nach der Berliner Premiere sollen im November in Paris und im Dezember in London ähnlich aufwendige Installationen im Stadtraum folgen. Und weil so ein Großprojekt wuchtige Überschriften braucht, sind die jeweiligen Titel der Trilogie die Hommage an die Parole der Französischen Revolution: "Freiheit" (Berlin), "Gleichheit" (Paris), "Brüderlichkeit" (London). Darin liegt eine gewisse Ironie: Ein russischer Avantgardekünstler erinnert westeuropäische Metropolen an subversive Forderungen, die am Beginn der aufgeklärten Moderne und der viel beschworenen europäischen Werte standen.