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Theaterpremiere in Bamberg:Wo die Urkraft ist

Bamberg

Viel zu tun: Oliver Niemeier als „Reichskanzler von Atlantis“.

(Foto: Martin Kaufhold)

Eine schwarze Komödie über die Reichsbürger am Theater Bamberg wirkt wie krude Erfindung, aber alle Verschwörungstheorien darin findet man auch im Internet.

Daheim bei Burkhard und Jutta ist die Welt noch in Ordnung. "In einer Ordnung, dass kein Grashalm quer steht", wie der Hausherr nach der morgendlichen Observierung des Vorgartens zufrieden feststellt. Der Himmel preußisch blau, Kaiserwetter "von der Maas bis an die Memel". Die "Grenzen des Reichs", sie sind gewahrt.

Auch drinnen: das pure Reihenhäuschenspießerglück. Statt Handy und Internet gibt es noch das gute alte Fax und ein Tastentelefon. Jutta ("sie ist eine gute Frau") backt altdeutschen Apfelkuchen und lädt ihren Gatten mit der arischen Ur-Kraft Vril auf - sie tut das über ihre langen Haare, mit denen sie kosmische Energie empfängt. Solcherart gestärkt kann sich Reichskanzler Fürst Burkhard seinen Pflichten als Regent widmen: Beschwerdebriefe schreiben, den "Reichsinnenminister" empfangen, eine Neujahrsansprache mit Napoleon-Fake-Zitaten formulieren. Burkhard ist nahe am Burnout, aber hilft ja nichts. Das Deutsche Reich in den Grenzen von 1871 muss wiederhergestellt, die Weltverschwörung unterbunden werden. "Heil und Sieg!" Nazis aber - nein, Nazis sind sie erklärtermaßen nicht. Nazis sind "pfui". Es ist das ETA-Hoffmann-Theater Bamberg, das in seinem Studio ein solches Paralleluniversum eingerichtet hat: in dem Stück "Der Reichskanzler von Atlantis" von Björn SC Deigner. Der Autor, Jahrgang 1983, bereitet darin die Geschichtsklitterungen und rechtsesoterischen Verschwörungstheorien der Reichsbürgerbewegung satirisch auf - als schwarze Farce, gespeist aus dem Urschlamm deutschnationaler Lügen und Mythen, dem fauligen Sumpf aus Faschismus und Antisemitismus.

Als harmlose Spinner tut die Reichsbürger keiner mehr ab - auch das Theater nicht

Lange Zeit hat man kaum Notiz von den "Reichsbürgern" genommen, hat sie als rückwärtsgewandte Fantasten belächelt. Offiziellen Schätzungen zufolge gibt es landesweit etwa 19 000 von ihnen, Esoteriker, Waffennarren, Rechtsnationale - vieles sammelt sich in diesem Becken. Die Reichsbürger erkennen die Bundesrepublik und ihre Gesetze nicht an, wähnen sich in der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches, rufen ihre eigenen Kleinstaaten aus und verteidigen diese schon mal mit Gewalt, so wie der Nürnberger, der 2016 durch seine Wohnungstür einen Polizisten erschoss. Als harmlose, weltfremde Spinner tut sie seither keiner mehr ab.

Auch nicht das Theater. Konstantin und Annalena Küspert haben 2018 in ihrem Stück "Der Reichsbürger" die Psyche eines solchen Menschen auszuleuchten versucht. Und auch in Björn SC Deigners Satire bleibt es nicht beim nur lachhaften Kaiserreich-Schmarrn, sondern es spitzt sich die Situation durch den Besuch einer Gerichtsvollzieherin, Frau Semmerling, und die Einflüsterungen eines untoten Antisemiten, Rudolf von Sebottendorf, unheilvoll zu. Starker Tobak ist es so oder so.

Krude und ziemlich verwirrend, vor allem der Geisterkram. Wer arisch-germanisch-verschwörungstheoretisch nicht eingelesen ist, dürfte vieles, was da an Gespenstern und Kulten über die Bühne spukt, für alberne Erfindungen und Humbug halten. Aber es gibt nichts, was es nicht gibt. Das versunkene Atlantis der Arier. Der Haarkult der "Vril-Gesellschaft". Der stramme Rudolf von Sebottendorf, Gründer der geheimen Thule-Gesellschaft - lässt sich alles recherchieren. Selbst der als jüdischer Widergänger und Dibbuk bemühte Hennoch Kohn, von dem es heißt, er habe unter dem Namen Helmut Kohl Deutschland regiert und sei "Vater von Angela Merkel", selbst dieser "Bilderberger" ist keine Kopfgeburt des Autors, sondern geistert als Verschwörerfigur tatsächlich durch Internetforen. Die Regisseurin Brit Bartkowiak lässt es bei der Uraufführung mit Lust rumpeln, nebeln und raunen, fährt Gartenzwerg-Slapstick, Schwellkopfmasken und überhaupt viel szenisches Geschütz auf, um die Komödienmechanik zu schmieren. Das buchstäblich einfalls(türchen)reiche Bühnenbild von Nikolaus Frinke reduziert die heimischen vier Wände auf eine einzige Symbolwand: mit Schubladen, Klappen, Schranktürchen und einem ausziehbaren Kanzlerschreibtisch. My Home is my Kastl. Das hat was. Gattin Jutta (Katharina Brenner) strahlt hausfrauenemsig aus sämtlichen Luken und mausert sich zur eigentlichen Chefin. Während der überforderte Burkhard, bei Oliver Niemeier ein pantoffelheldenhafter Pferdeschwanz-Softie, zunehmend zu ihrem Patienten wird. Oder sagen wir: Untertan. Der Abend hat Schmiss und Irritationspotenzial, aber Biss hat er nicht. Er verpufft - wenn auch mit einem vokalen "Peng!"