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Theaterpremiere:Ärger im Villenviertel

Westend; Deutsches Theater Berlin

Gesellschaftsdiagnose zwischen Larmoyanz und Selbstgerechtigkeit: Eduard (Ulrich Matthes) und Charlotte (Anja Schneider).

(Foto: Arno Declair)

Selten harmloses und zähes Ende der westlichen Wohlstandswelt: Moritz Rinkes neues Stück "Westend" wurde am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt.

Eduard, so nennt Moritz Rinke einen Berliner Schönheitschirurgen in den besten Midlife-Crisis-Jahren, hat große Pläne. Er freut sich über die alte Villa, die er und seine Frau Charlotte eben gekauft haben. Noch ist das Haus eine Baustelle, aber ihr Ausbau beschwingt den Fachmann für optimierte Nasenkrümmungen und formvollendet gestraffte Brüste. Er träumt von Empfängen für "tout Berlin", also den Kundenstamm seiner Verschönerungskünste. Charlotte, eine Sängerin, probt im noch leeren Salon für ihren Auftritt in Haydns Oratorium "Die Schöpfung" in der Philharmonie. Für Unruhe im Idyll sorgt Eduards Jugendfreund Michael. Er kommt von einem Einsatz für Ärzte ohne Grenzen aus Afghanistan zurück und weiß eindringlich von amputierten Kinderbeinen und der Wirkung von Splitterbomben zu berichten. Dafür, dass auch ein erotisches Flirren nicht fehlt, ist Lilly zuständig, die Tochter eines promisken Filmregisseurs aus der Nachbarschaft. Es kommt, wie es genregerecht kommen muss: Eduard kann den Reizen der Nachbarstochter nicht widerstehen, seine Gattin hat schon länger etwas mit Eduards Jugendfreund Michael, und am Ende ist Charlotte schwanger.

Weil wir, anders als Plot und Personal vermuten lassen, nicht in einer Degeto-Schmonzette, sondern im Deutschen Theater Berlin bei der Uraufführung von Moritz Rinkes neuem Stück sind, wird die Beziehungswirrsal so bedeutungsschwer aufgeladen, als müssten die Besserverdienenden aus der Ästhetikbranche für sämtliche Krisen westlicher Wohlstandsregionen herhalten, mindestens. Schon der Stücktitel, entliehen beim Namen eines Villenviertels im alten Berliner Westen, signalisiert, dass es hier ums große Ganze geht: "Westend". Zwecks Bedeutungssteigerung mittels herbeizitierter historischer und literarischer Echoräume verweisen nicht nur Namen, Figurenkonstellation und einige Motive auf Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften". Eduard muss auch noch ausgerechnet in Weimar, ausgerechnet im Hotel Elephant mit der Nachbarstochter Lilly absteigen und anschließend die KZ-Gedenkstätte Buchenwald besuchen. Es ist das Konzentrationslager, in dem, so ein Zufall, der Vater der russischen Geliebten von Lillys Vater gelitten hat. Wie Rinke mit einem kurzen, unverbindlichen Schlenker ein Konzentrationslager in seinen Plot einbaut, um sein Klischeepersonal irgendwie interessant zu machen, ist obszön.

Die lästigen Unteren kommen nur als unzuverlässige Mitarbeiter einer Umzugsfirma vor

Dazu passt, wie sein Stück ausgerechnet die gelangweilten Villenbewohner zu Symptomträgern gesellschaftlicher Krisenzustände machen will. Im Kontrast dazu kann es dank Eduards Jugendfreund Michael echte Not nur in Kriegsgebieten der Dritten Welt, also weit weg, entdecken. Im kompletten Desinteresse an den weniger saturierten Mitmenschen des eigenen Landes war Goethes Eduard aus den "Wahlverwandtschaften" wesentlich klarer und ehrlicher als sein Wiedergänger bei Rinke. Rinkes Eduard wird zur kulturpessimistischen Plaudertasche, wenn er die Angst vorm Alter als Großproblem westlicher Gesellschaften diagnostiziert. Die lästige Unterschicht kommt nur in Form unzuverlässiger Mitarbeiter einer Umzugsfirma vor. Da ist Goethes Eduard weniger verschwurbelt. Der Baron erklärt unverstellt, was er vom Pöbel außerhalb seines Schlosses hält: "Ich mag mit Bürgern und Bauern nichts zu tun haben, wenn ich ihnen nicht geradezu befehlen kann." Das ist unausgesprochen auch die Haltung von Rinkes Figuren, die des ganzen Mitgefühls und der Sympathie ihres Autors gewiss sein können. Als Gesellschaftsdiagnose, als die Rinke sein Stück verstanden wissen will, zeichnet es sich durch eine unangenehme Kombination aus Larmoyanz, Milieuautismus und einer von Ironiesignalen schlecht kaschierten Selbstgerechtigkeit aus.

Stephan Kimmig, erfahren in Rinke-Uraufführungen, hat das am Deutschen Theater sehr breit, tempolos und mit einem Hang dazu, jede noch so banale Aktion endlos auszuspielen, inszeniert. Es sind die Schauspieler, allen voran eine bestens aufgelegte Anja Schneider als Charlotte und Ulrich Matthes als Eduard, die versuchen müssen, den Abend zu retten. Im Kontrast zu Matthes' zappeligem Eduard, der sich dauernd etwas zu aufgeregt über sich selbst zu freuen scheint, gibt Paul Grill seinem Michael eine stoische, wortkarge Härte. Linn Reusse macht aus Lilly ein Upperclass-Girlie. So harmlos und zäh wie an diesem Theaterabend dürfte sich das drohende Ende der westlichen Wohlstandswelten selten in die Länge gezogen haben.

© SZ vom 27.12.2018
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