Theaterpreis "Der Faust":Geht doch

Lesezeit: 4 min

Theaterpreis "Der Faust": Willkommen im Klub: Der Regisseur Florian Lutz erhält den "Faust" für seine Operninszenierung "Wozzeck" am Staatstheater Kassel, wo er neuer Intendant ist. Links André Kaczmarczyk.

Willkommen im Klub: Der Regisseur Florian Lutz erhält den "Faust" für seine Operninszenierung "Wozzeck" am Staatstheater Kassel, wo er neuer Intendant ist. Links André Kaczmarczyk.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Im Düsseldorfer Schauspielhaus wurde der Theaterpreis "Der Faust" verliehen - in so vielen Kategorien wie noch nie. Und auch so glanz- und lustvoll wie noch nie.

Von Christine Dössel

Das deutsche Theater und Glamour - das geht eigentlich nicht zusammen. Sich selbst zu feiern, Spaß zu haben und dabei zu funkeln, damit hat sich die Branche immer schwergetan. Man bespielt schließlich die Bretter, die die schwere Welt bedeuten - und nicht den roten Teppich. Was hat man nicht schon für öde, bekenntnishaft spröde Preisverleihungen und Jubiläumsfeiern mitgemacht! Selbst beim Deutschen Theaterpreis "Der Faust", der eine Art Pendant ist zur "Lola", dem Deutschen Filmpreis, war der Glanz- und Partyfaktor bislang eher mau.

Nun ging nach zweijähriger Corona-Karenz mit lediglich digitalen Preisvergaben erstmals wieder eine "Faust"-Gala über die Bühne, im sensationell sanierten Düsseldorfer Schauspielhaus - und siehe: Plötzlich hat es funktioniert. Das Format wirkte wie ausgewechselt. Die Theatermenschen auch. Es war, wie der Regisseur Andreas Kriegenburg bei der anschließenden Feier im von funkelndem Discokugellicht durchströmten Foyer sagte, "die vergnüglichste, heiterste, kurzweiligste, aber auch professionellste Faust-Preisverleihung der letzten Jahre". Ja, das war es. Auch Achim Freyer war angetan von der "wunderbaren Darbietung, die ich nie erwartet hätte". Der 88-jährige Regisseur, Bühnenbildner und Maler, einst Meisterschüler bei Bertolt Brecht, wurde mit dem "Faust" für sein Lebenswerk geehrt. Die gleichalte Theaterintendantin und Dramaturgin Nele Hertling ließ in ihrer freundschaftlichen Laudatio die 70 Jahre seines künstlerischen Schaffens Revue passieren, und dann erhoben sich alle im Saal und applaudierten dem großen Meister, der in seinem schwarzen Talar und mit weißem Zauselbart wie ein gütiger Kunstrichter wirkte. "Kunst ist Kampf ist Müssen ist Liebe", so sein Credo.

Theaterpreis "Der Faust": Der Regisseur und bildende Künstler Achim Freyer, ausgezeichnet mit dem "Faust" für sein Lebenswerk.

Der Regisseur und bildende Künstler Achim Freyer, ausgezeichnet mit dem "Faust" für sein Lebenswerk.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Zum Gelingen dieser so freud- und stimmungsvollen Gala trug neben dem Ambiente des Düsseldorfer Schauspielhauses auch maßgeblich dessen Star bei, der Schauspieler und Regisseur André Kaczmarczyk. Der führte im Revue-Bühnenbild seiner jüngst herausgekommenen "Cabaret"-Inszenierung als Moderator durch den Abend, im lasziven Outfit und Gestus jenes genderfluiden "Kit Kat Club"-Entertainers, den er in dem Musical auch selber spielt. "Willkommen! Bienvenue! Welcome!" Mit dem berühmten "Cabaret"-Song begrüßte der charismatische Kaczmarczyk die "Ladies and Gentlemen und alle, die sich dazwischen befinden".

Entertainer-Qualitäten als Redner wie als Zwischendurch-Moderator bewies auch Carsten Brosda, der Hamburger Senator für Kultur und Medien, der in seiner Eigenschaft als Präsident des Deutschen Bühnenvereins die besondere Kraft des Theaters beschwor: nämlich als Ort, um auszuprobieren, "wie es anders sein könnte, als es ist". Dass die neue nordrhein-westfälische Kulturministerin Ina Brandes (CDU) nicht persönlich erschien, sondern nur eine Videogrußbotschaft schickte, wurde mit Kritik und Spott aufgenommen, was sie allerdings wettmachen konnte, indem sie mehr Geld für die Kultur zusagte.

Der "Faust" ist ein Preis aus den Reihen des Theaters selbst. Er wird seit 2006 vom Deutschen Bühnenverein in Kooperation mit den Bundesländern, der Kulturstiftung der Länder und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergeben. Alle Theater können Vorschläge machen, und dann gibt es mehrere Gremien und eine finale Jury, die über die Nominierungen und schließlich über die Preisträger und Preisträgerinnen entscheiden. Da geht auch vieles nach Proporz; danach, wer jetzt mal vor- und drankommen müsste. Wichtig ist, dass das Theater in seiner ganzen Vielschichtigkeit sichtbar wird - auch die freie Szene ist inzwischen inkludiert.

Theaterpreis "Der Faust": Beste Darstellerin: Lina Beckmann.

Beste Darstellerin: Lina Beckmann.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

So diversifiziert wie in diesem Jahr war der "Faust" noch nie. Neben dem Preis für ein Lebenswerk wurde er in dreizehn weiteren Kategorien verliehen, viele davon neu eingeführt wie etwa der Preis für "Ton und Medien" (an Paul Hankinson und Jonas Holle für die Musik in Christopher Rüpings Inszenierung "Das neue Leben" am Schauspielhaus Bochum). Oder die Kategorie "Genrespringer" (an Bernhard Herbordt und Melanie Mohren für "Das Schaudepot" in Kooperation mit dem Theater Rampe Stuttgart). Als "Darsteller:in Schauspiel" räumte mal wieder die furiose Lina Beckmann den Preis ab, die in der Titelrolle von "Richard the Kid & the King" am Hamburger Schauspielhaus schon mit höchsten Ehren, etwa dem Gertrud-Eysoldt-Ring 2022, bedacht wurde. Der Preis für die beste Schauspielregie ging an Jette Steckel für "Das mangelnde Licht", Thalia Theater Hamburg. In der Sparte Musiktheater wurden Florian Lutz, der neue Intendant des Staatstheaters Kassel, für seine dortige "Wozzeck"-Inszenierung ausgezeichnet und die Sängerin Marlis Petersen für ihre Emilia Marty in "Die Sache Makropulos" (Berliner Staatsoper). In der Kategorie "Inszenierung Theater für junges Publikum" ging der Preis an Liesbeth Coltof und ihr Ensemble für "Miroloi" (Junges DT Berlin), in der Kategorie "Raum" an Katja Haß für "Die Träume der Abwesenden" am Münchner Residenztheater.

Viele bewegende Momente. Die gebürtige Brasilianerin Adriana Braga Peretzki, ausgezeichnet in der Kategorie "Kostüm" (für Frank Castorfs "Molière" in Köln), verwies darauf, dass sie als Ankleiderin begann und so ein Weg "für jemanden wie mich nicht selbstverständlich ist". Sehr berührend auch der Auftritt der 81-jährigen, unglaublich mädchenhaften Beatrice Cordua, die in der Kategorie "Darsteller:in Tanz" gewann (sie wirkt nackt in Florentina Holzingers "A Divine Comedy" mit): "Ich habe ein Leben lang gehampelt und gestrampelt und es geliebt." Leider ging es im Schweinsgalopp durch den Abend, sodass die Filmausschnitte aus den nominierten Produktionen viel zu kurz blieben, "fitzelhaft", wie Lina Beckmann zu Recht bedauerte. Die Anreißer haben Lust und neugierig gemacht. Getrübt wurde die Stimmung nur, als Eidin Jalali, ausgezeichnet für "Die Leiden des jungen Azzlack" am Schauspiel Leipzig (Kategorie "Darsteller:in Theater für junges Publikum") auf die Situation in Iran verwies - und das Theater zu "medienwirksamen Protestaktionen" aufforderte. Es solle herauskommen aus seiner "Bubble" und seinen auf der Bühne verkündeten Werten "Taten folgen lassen". Er bekam dafür viel pflichtschuldigen Applaus. Aber es war auch in Ordnung, dass dann noch ausgiebig gefeiert wurde. Freude schenkt Kraft. Und die wird das Theater brauchen.

Zur SZ-Startseite

Theaterkritik
:Nichts für Feiglinge

Wie ist das, wenn man beruflich ins Theater geht? Über Freud und Leid einer Kritikerin.

Lesen Sie mehr zum Thema