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Theaterpolitik:Zahlen und Gefühle

'Sex und Liebe' nach Shakespeare

Sewan Latchinian, Jahrgang 1961, leitet seit 2014 das gebeutelte Volkstheater Rostock. Jetzt wurde er fristlos gekündigt, so wie schon mal im März 2015. Diesmal ist der Bruch endgültig.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Intendant Sewan Latchinian wurde in Rostock fristlos entlassen. Jetzt endgültig. Zum Abschied zeigt er "Sex und Liebe" in Unterwäsche.

Die letzte Aufführung des Intendanten Sewan Latchinian in Rostock handelte vom großen Durcheinander der Gefühle, vom Irrsinn der Lust und den Abgründen der Hingabe. "Sex und Liebe" ist ein Reigen aus Shakespear'schen Paar-Geschichten, den Latchinian und Martin Stefke, der Dramaturg am Volkstheater Rostock, aus den Klassikern "Romeo und Julia" und "Ein Sommernachtstraum" montiert haben. Es spielten vor allem Studierende des zweiten Semesters der Rostocker Hochschule für Musik und Theater. Tragik und Witz verbanden sich auf spielerische Art. Und die Inszenierung entfaltete im Katharinensaal der Hochschule einen besonderen Charme, weil sie auch eine Improvisation war: ein letztes künstlerisches Aufbegehren Latchinians nur vier Tage nach seiner fristlosen Kündigung durch den Hauptausschuss der Rostocker Bürgerschaft.

Diese Entlassung ist das Ende eines großen Missverständnisses, das dem traditionsreichen Rostocker Volkstheater seit geraumer Zeit schon ein bundesweites Medienecho einbringt. Als Latchinian 2014 nach erfolgreichen Jahren an der Neuen Bühne Senftenberg offiziell in Rostock anfing, dachte der parteilose Oberbürgermeister Roland Methling noch, Latchinian sei der richtige Mann, um einen Plan umzusetzen, der längst gefasst war: nämlich das Vier-Sparten-Haus nach den Erkenntnissen eines Gutachtens um zwei Sparten zu kappen, auf dass es rentabler werde. Und Latchinian dachte, trotz dieses Planes alle vier Sparten halten zu können, wenn er nur sparsam und gut genug arbeite.

Latchinian hat sich getäuscht. Seine Gegner waren zu mächtig, denn die verordnete Verkleinerung des Volkstheaters ist ja nicht nur eine Volte lokaler Standortpolitik. Sie findet im Rahmen eines landesweiten Rationalisierungsprozesses statt. Es gibt eine Zielvereinbarung zwischen Stadt und rot-schwarzer Landesregierung. In der steht, dass das Land Zuschüsse zurückziehe, wenn das Volkstheater sich nicht nach Plan verändere. Latchinians Kampfgeist im Dienste des Rostocker Theaters drohte also richtig Geld zu kosten.

Latchinian wurde schon mal entlassen. Im Frühjahr 2015 für etwa einen Monat, weil er in einer Rede die Kulturpolitik Mecklenburg-Vorpommerns mit dem Vandalismus der Terrormiliz IS gegen Weltkulturerbe-Stätten im Irak verglich. Aber Roland Methling, als Oberbürgermeister erster Gesellschafter der Volkstheater GmbH, brachte die Kündigung damals nicht durch die Bürgerschaft. Latchinian machte sich wieder an die Arbeit im Dienste eines Vier-Sparten-Volkstheaters, das die straffen wirtschaftlichen Vorgaben erfüllen sollte.

Aber er konnte Methling nicht überzeugen. Methling war erst angetan, als der scheidende Geschäftsführer Stefan Rosinski sein sogenanntes Hybridmodell einbrachte: Dieses Modell sieht ein Volkstheater vor, das Orchester und Musiktheater erhält, dafür aber sein Schauspiel nur noch aus Gastspielen, Koproduktionen sowie einem Mini-Ensemble speist. Von Februar an sollte Latchinian dieses Modell eilig umsetzen. Aber als Mensch des Theaters fand er sich darin nicht wieder. Er bot an, gegen eine Abfindung von 150 000 Euro aus seinem bis 2019 laufenden Vertrag auszusteigen. Das war Methling zu teuer. Er nutzte offenbar lieber die erste Gelegenheit zur fristlosen Kündigung. Und die kam, als Latchinian Aufsichtsrat und Betriebsrat darüber informierte, welchen Schauspielern die Theater GmbH im Herbst betriebsbedingt kündigen will. "Ich habe mich vor meine Schauspieler gestellt", sagt Latchinian. Er findet seine Kündigung "völlig ungerechtfertigt". Er will dagegen klagen.

Einen Nachfolger gibt es schon: Joachim Kümmritz

13 Seiten umfasste die Begründung zu der Frage, warum Latchinian das Vertrauen verspielt habe. Der Hauptausschuss der Bürgerschaft stimmte mehrheitlich zu. Einen Nachfolger gibt es auch schon: Joachim Kümmritz, 67, ist bis Juli noch Intendant in Schwerin und seit März 2014 auch Intendant der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz. Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) hat Kümmritz in der Ostsee-Zeitung gelobt: "Er hat in nur zwei Jahren in Neustrelitz die Einnahmen um 20 Prozent gesteigert." Kümmritz selbst ließ der SZ ausrichten, es sei ihm noch zu früh für Statements.

Die Stimmung am Volkstheater muss zuletzt schlecht gewesen sein. Die Zuschauerzahlen waren mäßig. Die Querelen gingen an Latchinian nicht spurlos vorbei. Aber es war ihm wichtig, das Projekt mit den Talenten der Hochschule noch zu Ende zu bringen. Auf der Bühne des Volkstheaters durfte er nach der Entlassung nicht mehr arbeiten. Die geplante Kulisse kam dadurch nicht zum Einsatz, er ließ "Sex und Liebe" in Unterwäsche und auf den ansteigenden Sitzreihen des Katharinensaals spielen. Das funktionierte. Es gab lauten Applaus im ausverkauften Saal. Und anschließend wirkte Latchinian nicht besonders sentimental. Den Abschied nannte er "auch eine Befreiung".

© SZ vom 13.06.2016
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