Theaterfestival "Radikal jung" "Hallo, hier bin ich!"

Der Münchner Philipp Moschitz arbeitet als Schauspieler und immer öfter auch als Regisseur. Er ist überzeugt: Im Konkurrenzkampf um Inszenierungen hilft eine Portion Frechsein immer weiter

Interview von Christiane Lutz

Bisschen arg hoch gestapelt? Ach was, da geht doch noch mehr. Die Familien Malingear und Ratinois konkurrieren in "Um die Wette" darum, wer das schönere Mobiliar und überhaupt das bessere Leben hat.

(Foto: Alexi Pelekanos)

Philipp Moschitz redet extrem schnell und viel, mit der Energie eines jungen Hundes. Er hat gerade Entwarnung bekommen: Er muss doch nicht für einen Sänger einspringen in Pforzheim, wo er die Rock-Oper "Everyman" inszeniert hat. Seit vier Jahren arbeitet Moschitz, gelernter Schauspieler und Sänger, auch als Regisseur. In München hat er zum Beispiel "Alice" und "Das Abschiedsdinner" am Metropoltheater inszeniert, bei "Radikal jung" ist er mit "Um die Wette" zu Gast.

SZ: Warum machen Sie Regie, wo Sie doch studierter Schauspieler sind?

Philipp Moschitz: Warum ein Multitalent? Blöd, ne? (lacht)

Sehr bescheiden.

Selbstbewusstsein braucht man in dem Beruf. Als Schauspieler extrem, als Regisseur vielleicht nicht unbedingt.

Meinen Sie? Warum?

Als Regisseur gibt es Inszenierungen, bei denen ich bis zur Premiere nicht da hin gekommen bin, wo ich hin wollte. Doch dann ist die Arbeit abgegeben. Als Schauspieler aber musst du das Ding weiter rocken, es verteidigen, auch wenn die Kritiken dagegen knallen und das Publikum ausbleibt.

Brauchen Sie beides, um erfüllt zu sein?

Es ist zur Zeit verdammt viel auf einmal, ich hab in den letzten drei Monaten 80 Vorstellungen gespielt. "Black Rider" am Metropoltheater, dann die Hauptrolle "Catch me if you can" in Hamburg. Aber ich sehe mich als Künstler, der sich auf verschiedene Weisen ausdrückt. Ich brauche beides.

Also: Wie sind Sie Regisseur geworden?

Nach meinem Schauspielstudium hatte ich einen Job bei Serien wie "Sturm der Liebe". Ich war dafür da, dass der Schauspieler sich auskennt: Was ist der Anschluss? Wie geht es der Figur? Da kriegst du einen schnellen Blick, was stimmt und was nicht stimmt. Dann kam mir 2015 die Idee, "Tschick" von Wolfgang Herrndorf zu inszenieren. Die München-Rechte waren erstaunlicherweise frei. Eigentlich waren acht Vorstellungen an der Theaterakademie geplant, aber auf einmal waren 40 Vorstellungen ausverkauft. Ich hab frech Intendanten und Dramaturgen von anderen Theatern eingeladen und gesagt, ich wolle bei ihnen auch mal so was machen.

Philipp Moschitz, 34, ist in Osnabrück geboren und hat dort das Theater entdeckt. Er studierte Schauspiel an der Theaterakademie August Everding, als nächstes inszeniert er "Shakespeare in Love" in Wunsiedel.

(Foto: Kate Mosch)

Wie wichtig ist Frechsein und Selbstmarketing als Regisseur?

Sehr wichtig. Ich habe keine Agentur, also verschicke ich Trailer, Kritiken, Premiereneinladungen an Häuser, mit denen ich sowieso schon in Kontakt stehe. Ich fahre auf Premieren und sage "Hallo, hier bin ich, erinnern Sie sich?" Ich kann Gott sei Dank gut auf Menschen zugehen. Jetzt, zehn Jahre nach Studienabschluss, trägt das Klinkenputzen Früchte. Jetzt werde ich überstädtisch wahrgenommen.

Es läuft also von allein?

Ja. Es rufen Theater an, bei denen ich als Schauspieler immer spielen wollte. Crazy!

Wie viel Glück ist beim Erfolg dabei?

Total viel. Dass ich als unstudierter Regisseur gerade so viele Angebote bekomme, ist Riesenglück. Aber auch ein Ergebnis aus guten Stücken, guten Setzungen, wahrscheinlich Talent und viel Freude. Ich hab so viele Kollegen, die nicht zu hunderttausend Prozent dahinter stehen. Aber wenn du brennst und mit einem guten Stoff, mit guten Leuten arbeitest, und wenn dann die Theatergeister das Publikum und die Kreativen kitzeln, dann kann's was werden.

Gibt es viel Neid unter Regisseuren? Die Plätze an renommierten Theatern sind rar, die Konkurrenz ist groß.

Das weiß ich gar nicht. Ich hab gar keine Zeit, neidisch zu sein.

Die Jury von "Radikal jung" kann ja gar nicht alle Inszenierungen junger Regisseure gesehen haben, wenn sie eine Auswahl trifft. Ist so ein Festival fair?

Ja, weil man ja die Juroren einladen könnte. Man muss die Chuzpe haben, zu sagen, kommt mal vorbei. Das hab ich gemacht. Und sie kamen.

"Um die Wette" von Eugène Labiche ist ihr Stück bei "Radikal jung", eine Farce um zwei um Wohlstand konkurrierende Familien. Mögen Sie es?

Anfangs konnte ich nichts damit anfangen. Das Stück läuft unter dem Namen "Trüffel Trüffel Trüffel " an den Kammerspielen, mit so hohem Tempo, dass man bloß nicht mitkriegt, um was es eigentlich geht. Ich wollte es knacken. Wir haben uns Fragen gestellt wie: Warum ist es schön, nicht mit dem zufrieden zu sein, was man hat? Warum muss man immer nach etwas Besserem streben? Und warum sieht man den Menschen gern beim Scheitern zu.

Was kann "Radikal jung" jungen Regisseuren bringen?

Austausch! Neue Ästhetiken sehen! Für mich ist Miteinander Inspiration. Andersartigkeit erst recht. Jetzt hab ich endlich mal wieder eine Woche Zeit, Theater zu schauen.

Sie haben gerade "Everyman", eine sogenannte Rock-Oper, am Stadttheater Pforzheim inszeniert. Wie lief das?

Der Everyman, also der "Jedermann", war zudem für mich erst mal so ein Stoff wo ich dachte, oh Gott! Moral? Also entschied ich, die Vorlage stark zu überhöhen: Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" war meine Inspiration. Ich hab zum ersten Mal mit einem Chor gearbeitet, mit Tänzern, einem Orchester - und einer Heavy-Metal-Band. Bei der Premiere war der letzte Ton verklungen, und alle sprangen auf und jubelten, 15 Minuten lang Standing Ovations. Any questions?

Sind Sie ein guter Motivator?

Total. Das ist eine Stärke von mir: Leute zum Spielen zu bringen. Als Kopf einer Produktion habe ich mir außerdem geschworen, immer positiv zu sein.