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Theaterfestival:Jenseits aller Post-irgendwas-Zweifel

Sie wollen nicht, sie müssen, auch sich küssen, zur Not verkehrt herum: Vincent Riebeek und Florentina Holzinger in "Schönheitsabend".

(Foto: Karolina Wiernik)

Klauen, Zweifeln, Provozieren: Die zwölfte Ausgabe von "Radikal jung" am Münchner Volkstheater zeigte, was den Bühnennachwuchs derzeit umtreibt.

Von Egbert Tholl

"Alles ist Theater", lautete das Motto der diesjährigen Ausgabe des Festivals "Radikal jung" am Münchner Volkstheater. Nach dessen Ablauf weiß man: Es gibt Theater ohne Menschen, ohne Text, ja sogar ohne eigentliche Aufführung. Keine dieser Erkenntnisse ist ursächlich neu. Interessant daran ist indes, dass man hier konzentriert jene Diskurse wiederfindet, die die Stadttheater derzeit insgesamt umtreiben. Und so wurde "Radikal jung" in seiner zwölften Ausgabe weit mehr als ein Pulsmesser einer neuen Generationen von Theatermachern, es wurde zur Diskussion des Theaters an sich.

Bei allen Idiosynkrasien der auswählenden Jury, bestehend aus dem Dramaturgen Kilian Engels, der Schauspielerin Annette Paulmann und dem Publizisten C. Bernd Sucher, war "Radikal jung" auch immer ein klein wenig Leistungsschau, ohne allerdings den Absolutheitsanspruch, den etwa das Berliner Theatertreffen erhebt. Hier geht es vielmehr um das Interessanteste, was in Zeiten, in denen die Stadttheater alle möglichen Theaterformen amalgamieren und freie Gruppen auf gestandene Schauspieler treffen lassen, nicht so leicht zu identifizieren ist. Die Jungen sind da auch nur noch eine Sensation unter vielen vermeintlichen.

Mehr als die Hälfte der zehn ausgewählten Produktionen eint ein Umstand: eine große Skepsis gegenüber dem traditionellen Repräsentationstheater. Das Trio Gregor Glogowski, Alisa Hecke und Benjamin Hoesch stellt einen Turm mit Scheinwerfern auf die Bühne und lässt diese in einem genau festgelegten Ablauf erglühen, rhythmisiert durch einen dem Sirren der Lampen selbst abgelauschten Soundtrack. Die Technik allein wird zum Protagonisten, und der Inhalt von "Flimmerskotom" besteht in den Assoziationen der Zuschauer.

Der Portugiese Tiago Rodrigues lässt zwei Tänzer Shakespeares "Antonius und Cleopatra" erzählen, beschreiben und ein klein wenig körperlich nachempfinden, als beobachteten die beiden einen theatralischen Vorgang, der aber gar nicht vorhanden ist. Ähnlich, aber viel persönlicher und ohne jede Distanz erzählen Marja Christians und Isabel Schwenk Hebbels "Judith", nutzen das Drama dabei für einem sie selbst haltlos involvierenden, sehr lustigen Diskurs über Geschlechter-Definition, Macht und Lust. Und die Gruppe Monster Truck zeigt selbst gar nichts mehr, sondern schickt in "Regie 2" das Publikum in eine andere Veranstaltung. Diese kann dann auch eine höchst repräsentative sein - in München ist es eine Motorrad-Show. Damit unterläuft die Gießener Truppe jegliche Erwartungshaltung ans Theater - mit einem Gag freilich, der nicht sehr oft funktioniert und im Laufe eines Abends schnell verpufft.

Und so kann man feststellen, dass sich die Jungen auch gerne etwas ausborgen. Monster Truck ganze Veranstaltungen, die Scheinwerfer-Aficionados die Technikfaszination der frühen Arbeiten Romeo Castelluccis, Daniel Foerster mit seiner "Fräulein Julie" aus Frankfurt die in Gestalt seiner Hauptdarstellerin Katharina Bach kondensierte Hysterie exponierter Volksbühnen-Darstellerinnen wie etwa Sophie Rois, das Regie-Chamäleon Ersan Mondtag die extrem artifizielle Puppenästhetik einer Susanne Kennedy. An Mondtags "Tyrannis" lässt sich eine weitere Erkenntnis exemplarisch festmachen: Er erfindet mit stupendem Handwerk einen grandiosen Raum, erzählt darin ein bisschen Horror und vielleicht noch weniger als ein bisschen Tschechow (durch eine Balkontür scheint ein Birkenwäldchen herein), weiß aber bald nicht mehr, worum es ihm eigentlich geht. Bei Kennedy erzwingt der Inhalt, der Stoff die Form; Mondtag schafft Form und weiß nicht viel damit anzufangen.

So schön der Wille zur Form auch ist, oft ist er ein Zeichen für die Themenscheu des Theaters

Dieses Dilemma begegnet einen in Varianten derzeit häufig im Theater: Die Auseinandersetzung mit einem Thema wird ersetzt durch eine Gestaltung von Oberflächen, die als Inhalt allein oft schon ausreichen müssen. So schön der Formwille an sich ist: Er ist, exzessiv bedient, auch ein Zeichen für die Angst der Theater, sich auf etwas einlassen zu wollen. Lieber diskutiert man Inhalte in Podiumsveranstaltungen und Lesungen und lässt auf der Bühne selbst das Denken außen vor.

So ist nicht weiter verwunderlich, dass der Preis des Publikums an eine Produktion ging, die in einer spannenden Stunde ein spannendes Leben erzählt, prägnant, kompakt, mit flotter Musik und einem tollen Tänzer. Mathieu Létuvé erzählt die Geschichte von Jake LaMotta, dem Boxer, dem der Film "Raging Bull" von Martin Scorsese 1980 ein Denkmal setzte. Létuvé spielt selbst ein bisschen mit in seiner gleichnamigen Produktion aus Rouen, er berichtet vor allem und verlässt sich in der physischen Vergegenwärtigung ganz auf den Tänzer Frédéric Faula. Hier gibt es keine Zweifel an der Macht des Darstellung, kein Infragestellen, keine Post-irgendwas-Zweifel; hier gibt es einfach einen satten Theaterabend, und das Publikum ist begeistert.

Doch für das mitreißendste Erlebnis muss man den Stadttheaterkontext völlig verlassen, auch wenn Florentina Holzinger und Vincent Riebeek mit "Schönheitsabend" auf Repräsentation rekurrieren. Zunächst stellen sie ein Ballett dar, "Scheherazade" von 1910, wegen seiner Freizügigkeit damals ein veritabler Skandal. Aber eben: Sie stellen dar, spielen nicht nach. Sie finden eine ganz eigene, sehr persönliche, für die eigenen Körper schonungslose Form für die Liebe einer Sultansfrau zu einem Sklaven. Dann, bevor sich der Abend in schwüler Utopie auflöst, geht erst mal nichts mehr. Holzinger spielt die Blockade des Tänzers Nijinsky als eigene Verzweiflung an jedem künstlerischen Tun. Nie sollte man zu sehr an die historische Vorlage, an das echte Verschwinden des Tänzers Nijinsky denken, denn in jedem Moment ist das, was die beiden tun - und sie tun Dinge, die leicht erklären, weshalb die Aufführung ab 18 ist - für sich wahr. Sie sind klug, sie sind krass, sie können nicht anders und überwinden so jeden Zweifel am Theater.

© SZ vom 02.05.2016
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