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Theaterfestival:Dampf aus Dielen, Blut in der Dusche

Die Ruhrtriennale neigt sich dem Ende zu. Die Spielzeit war erfolgreich wie noch nie, das Schauspiel wurde wiederbelebt, und "Die stille Kraft" des Niederländers Louis Couperus ist eine Entdeckung.

Von Christine Dössel

Seid umschlungen" - der etwas übergriffige Gestus hinter dem Motto der diesjährigen Ruhrtriennale ging nicht ins Leere: Rund 45 000 Besucher ließen sich seit Beginn des Festivals vor sechs Wochen vom dargebotenen Programm (insgesamt 52 Produktionen) umschlingen. Das entspricht einer Auslastung von mehr als 90 Prozent - eine überaus positive Bilanz, die Intendant Johan Simons da nach seiner ersten Spielzeit ziehen kann. Im Kartenverkauf, so teilte die Ruhrtriennale am Mittwoch mit, wurde das beste Ergebnis seit Gründung des Festivals überhaupt erreicht. Die zugkräftigsten Inszenierungen waren das als Musiktheater erzählte Arbeiterdrama "Accattone" nach dem Film von Pasolini und Wagners mit Elektromusik unterlegte Oper "Rheingold", beides in Simons' Regie. Eine Premiere folgt noch: Anne Teresa De Keersmaekers Tanzproduktion "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke".

Dass unter Simons das Schauspiel wieder gestärkt wird, ist eine erfreuliche Entwicklung, auch wenn sich das hauptsächlich in Romandramatisierungen niederschlägt. Was auch so bleiben wird, denn sowohl Luk Percevals Zola-Adaption "Die Rougon-Macquart" als auch die jüngste Romananeignung der Ruhrtriennale, Louis Couperus' "Die stille Kraft" in der Regie von Ivo van Hove, sind als Trilogien angelegt. Beide Regisseure werden sich 2015 und 2016 weiter mit dem Werk dieser Autoren beschäftigen; Perceval in Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg, van Hove mit seiner Toneelgroep Amsterdam.

Den Holländer Louis Couperus gilt es hierzulande erst noch zu entdecken. In den Niederlanden zählt er zu den bedeutendsten Schriftstellern, von der Klasse und dem Rang eines Thomas Mann. Als Kind verbrachte Couperus fünf Jahre im damaligen Niederländisch-Indien - eine Erfahrung, die ihn als Romancier stark prägte. Sein 1900 erschienener Roman "Die stille Kraft" spielt zur Kolonialzeit auf Java und handelt vom Aufeinanderprallen westlicher und östlicher Kulturen, vieles daran ist auch 115 Jahre später noch konfliktträchtig aktuell.

Die Einheimischen murren, okkulte Mächte walten

Im Zentrum steht Otto van Oudijck (Gijs Scholten van Aschat), der als Hauptverwalter der niederländischen Kolonialmacht in der fiktiven Provinz Labuwangi das Sagen hat. Er liebt das Land, versteht sich als ethisch gerechter Resident. Der örtliche Regent Prinz Soenario (Barry Emont), dessen Familie seit Jahrhunderten über das Land herrscht, hat nur repräsentative, keine exekutiven Befugnisse. Als van Oudijck Soenarios Bruder entlässt, weil dieser sich der Spielsucht hingibt, bedeutet das für die Fürstenfamilie eine herbe Demütigung. In einem dramatisch inszenierten Akt der Selbsterniedrigung bittet die stolze Fürstenmutter (Marieke Heebink) darum, Otto möge seinen Beschluss revidieren. Aber dieser bleibt hart. Woraufhin der Regisseur van Hove, Herr über eine eindrucksvolle Theaterdonner(wetter)-Maschinerie, Gewitterkrach, Sturm und was nicht alles an Unheilsgetöse auffahren lässt, um klarzumachen: Hier wurde eine Grenze überschritten, von nun an geht's bergab. Tatsächlich wendet sich allmählich das Blatt, die Einheimischen murren, okkulte Mächte beginnen zu walten, es obsiegt etwas Irrationales, eine "stille Kraft".

Die koloniale Selbstherrlichkeit, sie beginnt zu bröckeln. Gleichzeitig zerbricht Ottos Familie. Seine Frau Léonie (von der gut aussehenden Halina Reijn vor allem gut aussehend gespielt) langweilt sich hinlänglich - und ist auch selber ein bisschen langweilig. Sie hat eine Affäre mit ihrem Stiefsohn Theo und mit dem Halbindonesier Addy de Luce, einem jungen Verführer, der in Gestalt von Mingus Dagelet gerne erotisch-dämonisch im Regen tanzt. Otto kriegt davon nichts mit, wohl aber die anderen, was zu einigen Konflikten und ominösen Vorfällen führt. Da fliegt plötzlich ein Stein gegen den Spiegel. Unter der Dusche färbt ein Blutstrahl Léonies nackten Körper rot.

Eva Eldersman, die kunstsinnige Kulturveranstalterin mit Sehnsucht nach Europa, Wagner, Bayreuth, formuliert es gegenüber ihrem tranigen Dauerverehrer Frans so: "Ich fühle hier eine Kraft, die gegen unsere ganze Westlichkeit vorgeht." Die Frau, gespielt von der nachdrücklichen Maria Kraakman, hat die Verfallszeichen der Zeit erkannt - wie sie ohnehin die besten Sätze hat in dieser getragenen, die Charaktere etwas dürftig ausstattenden Bühnenfassung von Peter van Kraaij (gespielt wird in holländischer Sprache mit Übertitelung). Dadurch, dass es manchmal eine Erzählerstimme aus dem Off gibt, bekommt der Zuschauer einen Eindruck von der gewaltigen, poetisch einnehmenden Sprache Couperus'. Großartige Naturbeschreibungen. Hellsichtige Gedanken zu Kolonial-Europa. Man sollte ihn lesen, sobald die deutsche Übersetzung vorliegt.

Van Hove setzt auf starke Bildeffekte und macht viel Theaterdampf, um ein exotisches Klima zu erzeugen. Auf der nahezu leeren Raumbühne im Salzlager der Zeche Zollverein in Essen schüttet es aus Kübeln, immer wieder. Aus den Holzdielen steigt Dunst auf, die Schauspieler tanzen und schlittern barfuß über den Boden, wälzen sich auch mal lüstern darauf - aber letztlich bleibt ihr Spiel im Rahmen eines doch recht braven Identifikationstheaters. Der eigentliche Magier im Tropensturm der Gefühle ist der Musiker Harry de Wit, der asiatische Gongs und Bambusstäbe bearbeitet und unbeirrt das Klavier regiert, selbst wenn es ihm noch so nass reingeht.

© SZ vom 24.09.2015
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