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Theaterdebatte:Noch ein Brief

Museumsleute und Künstler verteidigen den Museumsdirektor Chris Dercon, der für 2017 als Intendant der Berliner Volksbühne bestellt wurde. Langsam stellt sich die Frage, braucht es ein Referendum?

Von Jens Bisky

Es ist natürlich sehr nett, dass der Direktor des Münchner Hauses der Kunst, Okwui Enwezor, seinem Vorgänger Chris Dercon zur Seite springt und ihn in einem offenen Brief gegen die Vorwürfe einiger Mitarbeiter der Volksbühne Berlin verteidigt. Im Sommer 2017 soll der Museumsmann, zuletzt Direktor der Tate Gallery of Modern Art, das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz übernehmen. Nachdem er sich und seine Mannschaft dort Ende April auf einer Vollversammlung vorgestellt hat, fürchteten viele Schlimmes, "den Ausverkauf der für uns geltenden künstlerischen Maßstäbe und die zu erwartende Schwächung unseres potenten Schauspieltheaterbetriebs", wie es in einem Brief hieß.

"Lächerlich" seien diese Sorgen, sagt der in englischer Sprache verfasste Gegenbrief (Übersetzung ins Deutsche unter www.nachtkritik). Honorige Persönlichkeiten des Kunst- und Kulturbetriebs haben unterzeichnet, die Architekten Rem Koolhaas, Jacques Herzog und David Chipperfield, die Chefin der Bundeskulturstiftung, Hortensia Völckers, und der Chef des Berliner Hauses der Kulturen der Welt, Bernd Scherer, der allseits bekannte Soziologe Richard Sennett und viele Kuratoren, von Adam Szmyczyk bis Kasper König. Es ist ihre Absicht, den Sieg des gesunden Menschenverstandes über alarmistische Sensationsmache zu befördern.

Das Pro-Dercon-Schreiben schweigt zu allem Theaterspezifischem

Welche Argumente führen sie an? Allzu viele sind es nicht. Sie unterstellen den besorgten Volksbühnen-Freunden, es gehe ihnen gar nicht um ihre Arbeitsplätze oder das Erbe der Volksbühne, sondern um Macht und Privilegien. Sie verweisen auf Dercons Erfolge als visionärer Museumsmann. Die sind unbestritten, beantworten aber die Frage nicht, ob seine Pläne für die Volksbühne nach Frank Castorf etwas taugen. Die Vertreter der Kunstszene stoßen sich besonders an der Formulierung, unter Dercon werde die "künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Konflikte" zugunsten einer "global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern" verdrängt. Das finden sie ungehörig, verraten aber nicht, worin der Gewinn für das Theater bestehen könnte, wenn ein Museumsdirektor gegen Ende seiner Karriere Theaterintendant wird.

Auf diese Frage gibt es gewiss überzeugende Antworten, nur hat man sie bisher nicht gehört. Der Pro-Dercon-Brief schweigt zu allem Theaterspezifischem. Die Berliner Kulturpolitiker, die Dercon wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert haben und nicht verstehen, warum nicht alle davon überwältigt waren, Dercon selber und seine Mannschaft haben bislang vor allem global verbreitete Verkaufsfloskeln von sich gegeben. Gut möglich, dass die Volksbühne ab dem Sommer 2017 das Publikum bezaubern, die Stadt elektrisieren und auch sonst Wunder vollbringen wird. Aber die Versicherung von Dercons Weggefährten und anderen Kunstleuten, sie seien eben davon überzeugt, auch ihr Applaus für den Berliner Senat, reichen nicht aus, die Skepsis des allgemeinen Publikums zu beruhigen. Wie sicher ist seiner Sache, wer solche Solidaritätsschreiben nötig hat?

Die Alternative lautet nicht: für immer Castorf oder Haus der Kunst am Rosa-Luxemburg-Platz. Nachgeholt werden müsste die Diskussion, wie eine gut stehende Volksbühne 2020 aussehen könnte, was sie neben anderen Berliner Häusern auszeichnen würde. Nein, "spartenübegreifend", "polyglott" oder "wie bisher" sind keine überzeugenden Antworten. Sollten weiterhin Emotionen, Personalisierung, Polarisierung und Schreckensszenarien den Streit prägen, wäre die Volksbühnenfrage endgültig referendumsreif.

© SZ vom 04.07.2016

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