Theater Zurück auf Los

Postdramatisches Autorentheater: René Pollesch stellt sein Programm für die Berliner Volksbühne vor. Es solle keine Fortsetzung der Castorf-Jahrzehnte geben.

Von Peter Laudenbach

Bereit: René Pollesch am Mittwoch bei der Pressekonferenz.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Für Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) war es nach eigenem Bekunden "eine der schwersten Entscheidungen meiner Amtszeit", für Theater-Berlin war es das Lieblings-Spekulationsthema der Spielzeit: die Frage nach der künftigen Intendanz der so legendären wie tendenziell unregierbaren Volksbühne. Am Mittwoch bestätigte Lederer, was durch eine Indiskretion schon am Vortag bekannt geworden war: Ab 2021 wird der Regisseur René Pollesch, 56, die Volksbühne als Repertoire- und Ensembletheater leiten. Pollesch nutzte die Pressekonferenz mit dem Kultursenator, um einige Namen seines künftigen Ensembles zu nennen und grob seine Vorstellungen der Volksbühne als postdramatisches Autorentheater zu skizzieren - wobei in seinem Verständnis nicht nur schreibende Künstler, sondern auch etwa Performer wie Vegard Vinge oder Florentine Holzinger Autoren sind: Autor ist, wer seine eigenen Texte verfasst und nicht auf literarische Vorlagen als Stofflieferanten angewiesen ist.

So prinzipiell wie seine Abkehr vom psychologisch-realistischen Geschichten-Erzähl-Theater als Regisseur ist, so anspruchsvoll skizziert Pollesch das Programm der künftigen Volksbühne: Das Theater "könnte ein Haus für Künstler sein, für die Repräsentationskritik kein Vorwurf ist", ein Ort für "Machtkritik, die gute Laune macht". Er versteht das gesamte Theater als Fortsetzung seiner kollektiven Inszenierungsarbeit, in der die Schauspieler keine Erfüllungsgehilfen für Regiekonzepte, sondern souveräne Mitautoren der Aufführung sind. Als zentrale Idee seiner Intendanz nennt Pollesch "die Übertragung meiner Arbeitspraxis inklusive aller Sisters & Brothers in Crime auf ein komplettes Haus". Dieses Haus will er auch "für andere, nicht stadttheatergeeignete Arbeitsweisen öffnen", etwa für solche aus der freien Szene. Statt die alte Vokabel der Mitbestimmung zu bemühen, spricht Pollesch lieber von Kollektiven, von Gruppen, in denen jeder Verantwortung für die gemeinsame Arbeit übernimmt und als deren Teil sich der Regisseur und Intendant versteht: "Ich bin nicht allein, ich war nie allein. Sonst würde ich nicht hier sitzen." Das kann man auch als Absage an die Kitschvorstellung des einsam und ohne Rücksicht schaffenden, in der Regel männlichen Großkünstlergenies verstehen.

In das Ensemble werden "viele, die hier wirkmächtig gearbeitet haben" zurückkehren

Auch deshalb ist der Kern der Volksbühne für den Regisseur ganz klar das Ensemble. "Wir denken von den Schauspielerinnen und Schauspielern aus", ist einer der programmatischen Sätze, die er öfter variiert. In das Ensemble werden "viele, die hier wirkmächtig gearbeitet haben", zurückkehren, darunter Kathrin Angerer, Martin Wuttke, Christine Groß, Fabian Hinrichs. Sophie Rois, die für die kommenden drei Jahre am Deutschen Theater Berlin engagiert ist, stößt in der zweiten Pollesch-Saison von 2022 an dazu. Neben den Stars der alten Volksbühne verspricht Pollesch "viele Schauspieler, die Sie noch nicht kennen". Er selbst wird zwei Inszenierungen im Jahr an seinem Theater und eine Arbeit andernorts machen. Damit reduziert der Hochbeschleunigungsregisseur seinen Regie-Output drastisch. Neben ihm soll das für exzessive Auftritte so berühmte wie gefürchtete Performance-Gesamtkunstwerk-Duo Ida Müller und Vegard Vinge mit zwei repertoiretauglichen Arbeiten im Jahr den Spielplan prägen. Das ist mutig. Vinges letzte Volksbühnen-Produktion, noch zu Zeiten der alten Castorf-Volksbühne, endete im Chaos und kam nie zur Premiere. Wohl auch, weil Vinge als nicht ganz unkompliziert gilt, will der Schauspieler Martin Wuttke den Austausch zwischen dem Regisseur und dem Ensemble initiieren, "um zu sehen, wie man zusammenarbeiten kann". Die eine Hälfte des Regie-Duos, die Bühnenbildnerin Ida Müller, wird zudem als Ausstattungsleiterin neben dem Intendanten zu einer der prägenden Künstlerinnen des Hauses werden. Die Choreografin Constanza Macras, die schon jetzt am Haus inszeniert, wird auch unter Pollesch dort arbeiten. Neu an die Volksbühne kommt die ebenfalls in Grenzüberschreitungen erfahrene Performerin Florentina Holzinger, die bisher an Bühnen der freien Szene wie den Berliner Sophiensælen aufgetreten ist. Pollesch schwärmt regelrecht von der "großen Künstlerin", was sie mache, sei "absolut außergewöhnlich".

Den Retro-Verdacht, die neue Volksbühne sei nichts als die Fortsetzung der Castorf-Jahrzehnte, kontert Pollesch entschieden: Er sitze hier nicht "als trojanisches Pferd der alten Volksbühne". Eine Rückkehr der Regiegrößen Marthaler, Fritsch oder Castorf an ihre frühere Wirkungsstätte ist derzeit nicht geplant. Es sei nie sein Lebenstraum gewesen, Intendant zu werden, betont der Regisseur. "Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich Verantwortung übernehmen muss."