Theater Zum Wohl und Wehe

Berührende Momente: Bettina Hoppe spielt (an der Seite von Martin Rentz als Andy) Mary Page am Tiefpunkt ihres Lebens.

(Foto: imago/Martin Müller)

Am Berliner Ensemble leidet Tracy Letts "Eine Frau". Dabei spielen in der Inszenierung von David Bösch gleich vier Schauspielerinnen die Titelfigur in unterschiedlichem Alter. Den anderen Figuren bleibt daneben nicht viel Raum.

Von Mounia Meiborg

Was wäre die amerikanische Dramatik ohne Alkoholiker? Ohne Brick aus Tennessee Williams' "Katze auf dem heißen Blechdach"? Ohne Stanley in "Endstation Sehnsucht"? Und ohne die Familie Tyrone in O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht", bei der schwer auszumachen ist, wer das größte Suchtproblem hat? Den einen provoziert der Alkohol, den anderen betäubt er; je nach Charakter und Pegel. Immer aber zersetzt er Familien.

Tracy Letts reiht sich mit seinem neuen Stück "Mary Page Marlowe - Eine Frau" in diese Tradition ein. Der 52 Jahre alte Dramatiker und Schauspieler erzählt das Leben einer Frau in elf Szenen, die im Zeitraum von fast 70 Jahren spielen. Wir sehen sie als Baby und kurz vor ihrem Tod. Nicht chronologisch wird das erzählt, sondern in Zeitsprüngen, aus denen sich eine Biografie auffächert: ein Leben, das nicht so durchschnittlich ist, wie Mary Page Marlowe glaubt: das Unglück ist überdurchschnittlich, und das liegt auch am Alkohol.

Am Berliner Ensemble, das die deutschsprachige Erstaufführung besorgt, dreht sich mit dem Rad der Zeit die Drehbühne: im Uhrzeigersinn, wenn die Zeit vorgespult wird; gegen den Uhrzeigersinn, wenn sie zurückgedreht wird. Mal ist ein American Diner zu sehen, in dem Mary Page als 40-Jährige ihren Kindern die Scheidung und den Umzug in einen anderen Bundesstaat erklärt. Mal ein Wohnzimmer mit Blümchentapete, in dem die Zwölfjährige von ihrer beschwipsten Mutter gedemütigt wird. Mal ein College-Zimmer mit Elvis-Plakaten, in dem Tarotkarten der 19-Jährigen eine glänzende Zukunft versprechen.

Letts, der auch als Drehbuchautor arbeitet, beherrscht das Handwerk Hollywoods perfekt. Er schreibt temporeiche Dialoge. Und kurz vorm Höhepunkt einer Szene setzt er einen Schnitt, um den größtmöglichen Cliffhanger zu erzielen. Sein Stück "Eine Familie" brachte ihm 2008 den Pulitzer-Preis ein und begründete seinen Ruf als Meistererzähler neurotischer weißer Mittelstandsfamilien. Auf deutschsprachigen Bühnen war das Stück ein Erfolg, und zwar - das ist äußerst selten - sowohl an Staats- wie auch an Boulevardtheatern. Hochtourig und sehr well made beantwortet er die Frage, wie viele Konflikte - Tablettensucht, Alkoholismus, Seitensprünge, Inzest - in eine Familie passen: unendlich viele.

"Mary Page Marlowe - Eine Frau" (am Berliner Ensemble wird der Titel umgedreht zu "Eine Frau - Mary Page Marlowe") ist da reduzierter. Der Witz weicht der Nachdenklichkeit: Was bleibt von einem Leben übrig? Wie werden Weichen gestellt? Ist Unglück erblich?

Die Dialoge, in denen Konflikte ausgetragen werden, gelingen Letts in ihrer ungekünstelten Alltagssprache gut. Aber wenn Page ihr Leben reflektiert, wird es manchmal zu seicht. "Ich werde Ich sein", heißt es da. Oder: "Ich bin nicht die, die ich bin."

Was bleibt von einem Leben übrig? Ist Unglück erblich?

In der Inszenierung von David Bösch spielen vier Schauspielerinnen die Titelfigur in unterschiedlichem Alter. Wilhelmina Mischorr als Zwölfjährige zwischen kindlichem Gefallenwollen und Teenagertrotz. Carina Zichner als selbstbewusste junge Frau, deren Hoffnungen schnell in einer Ehe enden. Sie hat die schwersten Szenen. Der Seitensprung mit dem Chef im Motel, die Sitzung beim Therapeuten - diese Klischee-Settings kommen bei ihr nicht ohne bedeutungsvolle Blicke in die Ferne aus. Bettina Hoppe gelingen die berührendsten Momente. Sie spielt Mary Page in den mittleren Jahren, am Tiefpunkt ihres Lebens. Und sie macht bei aller Härte und Verbitterung auch die Verletzlichkeit dieser Frau sichtbar. Corinna Kirchhoff schließlich spielt sie als ältere Frau, die in ihrer dritten Ehe glücklich ist: endlich trocken, endlich bei sich selbst angekommen. Kirchhoffs überbetonte, fast singende Sprechweise macht die Figur zu einer betulichen, leicht schrulligen Alten. Das läuft auf merkwürdige Weise der Emanzipationsgeschichte zuwider, die das Stück erzählt.

Den anderen Figuren bleibt nicht viel Raum. Nur Annika Meier hat einen großen Auftritt als kapriziös verlotterte Mutter. Sie, die man in Berlin vor allem aus den Arbeiten Herbert Fritschs kennt, lässt eine kleine Distanz zur Figur, die sehr wohltuend ist. Solide und statisch schnurren die Szenen ab. Dem Regisseur David Bösch fällt nicht viel zu den Figuren ein, das nicht genau so im Text stünde. Die größte Setzung ist die Bühne von Patrick Bannwart. Sie gibt den Blick auf andere Stationen des Lebens frei und illustriert so, wie die Vergangenheit die Gegenwart prägt. Am Schluss tritt Corinna Kirchhoff als sterbende Mary Page heraus und schaut auf das Karussell, das ihr Leben war. Es ist eine ziemlich wilde Geschichte. Die hier zu einem braven Theaterabend wird.