Das Erste, was ihm in den Sinn komme, wenn er einen Text liest, ist ein Bild. Wenn man Inszenierungen von Ersan Mondtag kennt, ist diese Aussage völlig schlüssig. Denn diese Inszenierungen sind nichts anderes als Gesamtkunstwerke. Aus der ersten Bildidee, die nie mehr ganz verschwindet, entstehe die Szene und aus der die Bühnenrealität. "Meine Arbeitsweise ist sehr intuitiv. Und wirkt am Ende doch manchmal wie ein ausgedachtes Streberkonzept. Aber ich bin kein Konzeptkünstler." Sondern manchmal auch ganz praktisch. Offenbar bekommt er ganze Stapel von neuen Stücken zugeschickt, die er sich dann laut vorlesen lässt. "Neue Dramatik ist manchmal nur auf dem Papier gut."
Mondtag hat an den Kammerspielen das NSU-Stück "Das Erbe" gemacht, für dieses hatte ihm Olga Bach den Text geschrieben. Sein lakonischer Kommentar heute: "Es ist gut angekommen bei denen, die drin waren." Aber es hätten mehr sein können. Er hasst Theater ohne Publikum, das sei für die Schauspieler unzumutbar, und das Publikum fühle sich genauso unwohl. Deshalb also: München. Olga Bach schrieb ihm ein Stück, an diesem Donnerstag hat es seine Uraufführung im Schauspielhaus, es heißt "Doktor Alici", ist in seiner Struktur und seinen Motiven an Arthur Schnitzlers "Doktor Bernhardi" angelehnt und spielt in München. Also ein Stück fürs Münchner Publikum.
"Auf eine bestimmte Weise bin ich ja auch ein Geschäftsmann." Das heißt, er will einen Erfolg beim Publikum, jenseits von Theatertreffeneinladungen. Was das Publikum angehe, fühle er sich in München eigentlich recht wohl. Zu den Zuschauern in Berlin etwa, na, das sei noch keine Liebesbeziehung. Mondtag hat in München studiert, hier auch Theater auf der Straße gemacht. "Wir sind ja Theatermacher, nicht Künstler. Das ist eine praktische Arbeit. Die meiste Zeit sind wir Handwerker." In dieser Hinsicht weitergehend empfindet er die Münchner Kammerspiele als das beste Theater. "Die Techniker haben hier eine Leidenschaft fürs Theater." Wegen einer leeren Bühne gehe niemand ins Theater.
Leer wird die Bühne nicht sein bei ihm, er plane eine Art Sechziger- oder Siebzigerjahre-, von Hitchcock inspirierte Ästhetik, Neon, Albtraum. Im Text kommen auch seltsame Saunaszenen und ein Krokodil vor, in dem Menschen verschwinden, aber eigentlich ist es ganz lieb. "Doktor Alici" ist das zweite Stück, das Olga Bach für Mondtag schrieb, das schon vor Probenbeginn fertig war, das erste war "Kaspar Hauser" für Basel. Autorin und Regisseur sind seit 15 Jahren befreundet. In den meisten Fällen bestand ihre Zusammenarbeit darin, dass der Text während der Proben vollendet wurde. Inzwischen schätzt Mondtag aber "die klassische Zusammenarbeit", also: Text fertig, Proben fangen an. "Olga hat sich ja inzwischen immer mehr als autonome Autorin etabliert."
"Doktor Alici" spielt in einem München der nahen Zukunft und ist doch vielfach erschreckende Realität. Gut, das Münchner Polizeipräsidium leitet eine Frau, noch dazu eine türkische Muslima. Das ist wohl wirklich noch Zukunft, nicht aber die Reichsbürger und die Rechtskonservativen, die hier auftauchen. Eine Art CSU regiert zusammen mit einer Art von Grünen, deren graue Eminenz ein alter Ökologe ist - eine Figur wie aus Feuchtwangers Roman "Erfolg". Fragt man Mondtag danach, dann erzählt der auch, dass eine der ersten Ideen für das neue Stück auch eine irgendwie geartete Adaption des Buches gewesen sei.
"Als Theatermacher kommt man kaum hinterher, wie schnell sich die Realität verändert." In diesem Fall ersann Bach vor ein, zwei Jahren eine Zukunft, die nun bereits in Teilen Realität geworden ist - ähnlich vielleicht wie Michel Houellebecq mit seinem Roman "Unterwerfung". Und nicht nur mit dem. Nichtsdestotrotz gibt sich Mondtag keinen falschen Illusionen hin, wenn es um eine (politische) Wirkung seiner Arbeiten geht. "Da sind wir die Falschen." Letztlich mache man doch so einen Abend für die 700 Intellektuellen, die im Publikum sitzen.
Fast schon irritierend bescheiden wirkt Ersan Mondtag im Gespräch. Vor geraumer Zeit hatte er noch wenig Scheu davor, sich selbst als Intendant der Berliner Volksbühne zu empfehlen. So etwas ist nun völlig verschwunden. Er wirkt nun eher wie ein funkelnder Erfinder, der zusammen mit begeisterten Menschen interessante Sachen erschaffen will. Wobei: Vielleicht war er nie anders. Auf jeden Fall steht nun seine erste Opernarbeit fest: 2020 in Antwerpen Franz Schrekers "große Zauberoper" "Der Schmied von Gent". Und: Prinzipiell habe er den Flirt mit dem Gedanken an eine Intendanz noch nicht aufgegeben.
Die Titelrolle spielt Hürdem Riethmüller. Ihr Vater, so erzählt Mondtag, habe die Moschee in Pasing gebaut. Bei einem ganz normalen Casting blieb sie übrig. Als Einzige für die Figur der muslimischen Polizeipräsidentin. Und dann noch mit dieser Vatergeschichte. Das sind so Theaterzufälle, die Mondtag begeistern. Und auch seiner Intuition entsprechen.
"Doktor Alici" , Uraufführung Donnerstag, 24. Januar, 20 Uhr, Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele
