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Theater in der Schweiz:Läuft bei ihnen

Trottinett Ballett

Da sausen die Darstellenden des "Trottinett Ballett" durchs physisch anwesende Publikum.

(Foto: Philip Frowein /Theater Neumarkt)

Drei Frauen leiten das Neumarkt in Zürich seit einiger Zeit gemeinsam. Sie machen einiges anders als andere Theaterleiter - mit Erfolg.

Von Egbert Tholl

E-Scooter nerven. Sie stehen wie verendete Tiere auf Bürgersteigen im Weg, taugen entweder als Elektroschrott für Touristen oder dafür, dass mittelalte Herren sich darauf zum Deppen machen, wenn sie im Anzug zum Arbeitsplatz rollen. Oder ins Fitnessstudio. Das braucht man, weil man sich auf den Dingern ja nicht selbst bewegt. Die einzige Energie, die man verbraucht, ist die des Akkus. Eine grandiose Öko-Lüge.

Aber: E-Scooter können eine wundervolle Schönheit besitzen, eine Poesie in Bewegung. Für diese Erkenntnis muss man in Zürich ins Theater am Neumarkt gehen, das inzwischen einfach Neumarkt heißt. Dort zeigt Piet Baumgartner sein "Trottinett Ballett". Dieses ist so klug wie zauberhaft.

Seit eineinhalb Jahren ist das Neumarkt in der Hand von drei Frauen. Alle drei stammen aus Deutschland, haben lange Erfahrung mit der Theaterszene in der Schweiz und sind gelernte Dramaturginnen. Hayat Erdoğan, geboren 1981, leitete zuletzt den Dramaturgie-Studiengang an der Zürcher Hochschule der Künste, Julia Reichert, Jahrgang 1983, leitete interimistisch das Schauspiel am Luzerner Theater und hat schon früher zwei Jahre als Dramaturgin am Neumarkt gearbeitet, Tine Milz, geboren 1989, arbeitete als Dramaturgin an verschiedenen Häusern und beim Zürcher Theaterspektakel. Als sie im September 2019 anfingen, war das die freundlichste Verheißung, gelangen ein paar spektakuläre Aktionen, auch wenn das Gesamtangebot noch etwas verworren daherkam. Dann musste auch das Neumarkt wie alle Theater wegen der Pandemie schließen.

Sie schweben auf ihren Rollern durch den Raum, sausen hinter den Tribünen vorbei

Das "Trottinett Ballett" ist nun, nach dem zweiten Lockdown, das erste Lebenszeichen vor anwesendem Publikum. Das funktioniert in der Schweiz entspannter als in Deutschland; man braucht keinen Test und sitzt im Schachbrettmuster an den Seiten, während in der Mitte des Raums Leuchtbahnen den Scootern den Weg weisen. Die fünf Darstellenden haben fleißig auf diesen geübt, sie schweben mit Eleganz durch den Raum, finden sich zu Choreografien zusammen, sausen hinaus und hinein und hinter den Tribünen vorbei. Aber die Schönheit der Bewegung ist nur ein Aspekt dieses visuellen Poems. Baumgartner, Filmemacher und Performancekünstler, hat ein neugieriges, von viel Sinn für Ästhetik geprägtes Verhältnis zu Technik, ließ schon mal Bagger in einer Kiesgrube Ballett tanzen oder Tennisballmaschinen mit Schauspielerinnen kommunizieren.

Nun führen zwei weiß gekleidete Start-up-Enthusiasten, Brandy Butler und Andri Schenardi, in die Welt der E-Scooter ein, leiten die anderen drei Herumfahrenden an und berichten mit diesen zusammen von der Geburt der Scooter aus dem Segway-Desaster heraus (Segways sind diese vollkommen verblödeten, einachsigen Elektrogefährte), vom Hass der Nichtnutzer auf die Dinger, von Vandalismus. Aber auch von Verdrängungskämpfen der einzelnen Anbieter, von den miesen Arbeitsbedingungen dort. Der Traum von den Rollern als vermeintlich umweltfreundliche, individuelle Verkehrsmittel ist längst zerstoben. Bald wird er Erinnerung sein: Die Aufführung endet in der Zukunft, mit einer Führung durch ein Museum der Mobilitätswende im Spätkapitalismus.

Alles wird geteilt, auch der letzte Roller, doch irgendwie scheinen die untereinander zu kommunizieren, über ihre kleinen Computerchen. Die haben ein Eigenleben, werden auch mürrisch und es geht ihnen der Saft aus. Trottinett nennt man in der Schweiz Kinderroller zum selber Anschieben. Aber wenn sie fahren, dann fahren sie hier im Theater so schön wie selten in freier Wildbahn.

Seit seiner Gründung steht das Neumarkt für experimentelles Theater

Das Neumarkt wurde 1966 gegründet, ist das zweite, vollsubventionierte Stadttheater Zürichs, verfügt über ein kleines Ensemble und steht seit seinem Beginn für experimentelleres Theater. In dem altehrwürdigen Bürgerhaus wurde 1921 die kommunistische Partei der Schweiz gegründet, das verpflichtet zum Aufbruch. Den setzen Erdoğan, Reichert und Milz nun fort. Der Start war noch holprig; in der Rückschau sehen die drei die Kommunikation zu Beginn noch als sehr ausbaufähig an. Sie waren da - aber in der Stadt noch nicht angekommen, was auch ein wenig damit zusammenhing, dass das benachbarte Schauspielhaus mit seiner zeitgleich startenden neuen Intendanz von Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg alle Aufmerksamkeit auf sich zog.

Aber sie machten aufregende Sachen, inszenierten sehr überzeugend eine Fake-Aktion, dass ein Schweizer Rüstungskonzern nun öko würde, ließen mit "They shoot horses, don't they?" Menschen in der Stadt und im Theater tanzen, luden Benny Claessens zum Inszenieren ein. Nur eines machten sie nicht: "Wir haben nie damit gelabelt, dass wir drei Frauen sind" (Milz). Denn: "Drei Frauen an sich sind noch kein Inhalt" (Erdoğan). Stattdessen gründeten sie drei Sparten, "Playground, Theater, Akademie", inzwischen notgedrungen ergänzt durch eine vierte, "digital".

Sie nahmen Tauben (echte Tauben!) ins Ensemble auf, die gerade auf Tournee in China weilen. Sie verschieben von dem Geld, das sie zur Verfügung haben, einiges vom klassischen Theater weg zu anderen, oft sehr kommunikativen Formaten. Und sie haben ein Ideal: Verzicht auf ein Starsystem, dafür Diversität, soziale Verträglichkeit, das Credo eines Theaters als Versammlungsort. Für alle. Tatsächlich taugt das Neumarkt dafür, wenn es mal wieder ungehindert möglich ist, sehr gut. Die Menschen lieben diesen Ort.

Die drei freundeten sich dann doch mit der Welt des virtuellen Theaters an

Einen Gegenentwurf zum hierarchisch organisierten Theater der alten weißen Männer müssen sie gar nicht formulieren, sie verkörpern ihn durch ihr Tun, durch die Arbeit als Kollektiv und mit Kollektiven. Milz: "Es ist kein Geheimnis, dass das System eine Generalüberholung braucht." Erdoğan: "Es ist ein bisschen schade, dass das auf die harte Tour passieren muss." Sie meint damit die jüngeren Fälle bizarren Verhaltens künstlerischen Leitungspersonals in Deutschland. Vieles machen sie von vornherein anders. Die Höhe der Gagen etwa wird über ein egalitäres Baukastensystem geregelt, so wie hier produziert wird, sei es keineswegs gerechtfertigt, dass der Regisseur oder die Regisseurin am meisten bekommt. Dabei sei gar nicht alles nur Experiment. Während des Gesprächs an einem Kaffeehaustisch vor dem Theater verabschiedet sich Julia Reichert, sie muss eine Einführung für den Theaterclub halten. Der sitzt drei Tische weiter, ältere Damen und Herren, normales Theaterpublikum, das schon von Weitem viel Schalk und Neugierde ausstrahlt. In der Aufführung dann ist die Publikumsmischung viel bunter, jeder mögliche Platz besetzt. Es läuft.

Ohne Corona hätten sie, dem Ideal des sozialen Orts folgend, gar nicht groß an digitale Formate gedacht. Gleichzeitig wollten sie während des Lockdowns auch nicht auf Halde produzieren wie viele andere Stadttheater. Also freundeten sie sich doch mit der Welt des virtuellen Theaters an, werden diese auch, als Ergänzung zum Eigentlichen, fortsetzen. Und in einem Fall war die Technik die Rettung. Im April 2020 hätte "Nouvelle Nahda" herauskommen sollen, eine Koproduktion mit Theaterschaffenden in Libanon, angeleitet von Antje Schupp. Doch es kam anders. Erst brach während der Vorproben in Beirut im Oktober 2019 die Revolution aus, dann strandeten die Mitwirkenden im Lockdown. Schließlich explodierte auch noch der Dünger im Hafen von Beirut, und von dem Projekt wird nun eine Fotoinstallation bleiben. Und ein Film. Noch im Mai kommt "Nouvelle Nahda" ins Kino.

© SZ/clu
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