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Theater:Zeigen ist Gold

Was genau die Schauspieler mit den Brecht-Texten anstellen, ist ihnen überlassen. Jürgen Kuttner (links) und Tom Kühnel sind da entspannt.

(Foto: Fabian Schreyer)

Jürgen Kuttner und Tom Kühnel arbeiten an einem wilden, für alle offenen Brechtfestival in Augsburg

So genau wissen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel auch nicht, was beim nächsten Brecht-Festival passiert. Aber sie wissen, dass sie neugierig darauf sind und dass es Spaß machen soll, was sich vom 14. bis 23. Februar vor allem im Martini-Park abspielen soll. "Wir verstehen uns weniger als Kuratoren, mehr als Künstler", sagt Kuttner, als er und Kühnel das Programm in Augsburg vorstellen. Sie haben die Festivalleitung von Patrick Wengenroth übernommen, der die vergangenen drei Ausgaben kuratierte - und da passt das Wort auch. Kuttner und Kühnel sind irgendwas zwischen Regisseuren, Unterhaltern, Moderatoren und Drauflos-Plapperern, zumindest Kuttner, der das Wort führt und dem Kühnel nur ab und zu etwas ins Ohr raunt. Kuttner inszeniert an der Berliner Volksbühne und dem Deutschen Theater, Kühnel war zuletzt Hausregisseur am Schauspiel Hannover.

"Bei Brecht kommen immer diese Fragen: Ist der noch aktuell? Müssen wir die neue Aktualität vor dem Hintergrund von AfD entdecken? Das finde ich nicht so relevant", sagt Kuttner. "Das gehört für mich in die Kategorie Versicherungstheater, also wo man ins Theater geht und sich seiner Weltsicht bestätigt." Der gut kanonisierte, theaterwissenschaftlich durchdrungene Brecht, der interessiert sie weniger. Sie wollen den "wilden Brecht, den Plärrer-Brecht, den Jahrmarkt-Brecht" entdecken, seine frühen Stücke ausgraben, unbekanntere Texte vorstellen. Ein Motto gibt es daher auch nicht, auf dem Programmheft steht: "Er ist vernünftig, jeder versteht ihn." Fanden sie ganz gut.

Kühnel und Kuttner sparten es sich auch, die Theaterlandschaft nach progressiven Brecht-Inszenierungen zu durchforsten, die sie einladen könnten, sie wollen lieber neue Dinge wachsen lassen. 18 Produktionen entstehen allein für dieses Festival, nie war diese Rate höher. An den beiden Wochenenden sollen "Spektakel" stattfinden, also ein Sammelsurium aus Theater, Lesungen, Musik, Film und was sonst noch dazu passt. "Spektakel heißt für uns Tanz in allen Räumen. Überall werden gleichzeitig Sachen laufen, die man anschauen kann." Kuttner hofft, dass sich die Besucher auf diese Weise vermischen, dass der Rap-Konzertbesucher vielleicht auf einer Lesung landet und umgekehrt.

Ein politisches Thema wollten die beiden dann aber doch mit Brecht verwickeln, den "neuen Kalten Krieg". So haben sie das Augsburger Ensemble "Theter" und "Bluespot Productions" zusammengesteckt, die mit der amerikanische Regisseurin Alice Bever und dem russischer Regisseur Oleg Eremin eine Produktion über Brechts Lehrstücke erarbeiten. Die Künstler werden das Internet als Produktionsmittel nutzen und aus der Ferne in Augsburg Regie führen. Das Staatstheater Augsburg, das traditionell einen Brecht und seine Räumlichkeiten beisteuert, zeigt am 21. Februar die Uraufführung "Švejk / Schwejk", eine Koproduktion mit den Städtischen Bühnen Prag in der Regie von Armin Petras.

Auch die traditionelle "Lange Brecht-Nacht" wird es wieder geben, mit einem hübschen Line-up aus bekannten Musikern: der Liedermacher Gisbert zu Knyphausen, The Notwist, Voodoo Jürgens, Banda Internationale feat. Bernadette La Hengst und der Rapper Fatoni treten auf. Die eigens fürs Festival zusammengestellte Band The Cold War spielt Lieder aus dem Kalten Krieg, etwa "99 Luftballons" oder David Bowies "Heroes."

Kuttner und Kühnel haben ein gigantisches Netzwerk aus ihrer jahrzehntelangen Arbeit an großen Theatern. Für Augsburg haben sie es aktiviert, sind auf Schauspieler zugegangen und haben sie gebeten, "schnelle, roughe, hit and run"-Produktionen zu einzelnen Brecht-Stoffen zu machen. "Die Leute werden dastehen und irgendwas machen", sagt Kuttner. So wird etwa Corinna Harfouch "Der Auftrag", eine Produktion des Schauspiel Hannover, spielen und im Anschluss noch "irgendwas machen", das heißt, Brecht-Texte aus dem Exil, "lesen? singen? Das wissen wir auch nicht, wir sind ja jetzt nicht die Kontrolleure." Lars Eidinger kommt auch, zeigt Brechts "Hauspostille" und legt nachts noch Musik auf. Auch Martin Wuttke und Milan Peschel sind dabei, Charly Hübner spielt/singt/tanzt noch Brechts "Herrnburger Bericht".

Die prominenten Schauspieler zu verpflichten sei keine Strategie, auch kein Abgrenzungs-Schachzug zum Programm des Vorgängers Wengenroth. Sie kennen die eben - und die hätten Lust, mitzumachen, auch für wenig Gage. "Einen Lars Eidinger kauft man nicht mit Geld." Zum Abschied warnt Kuttner, man möge sich nicht zu sehr auf das verlassen, was im Programmheft steht. Dinge werden ausfallen, sich verändern. "Es gibt aber doch nichts Schöneres im Theater, als Sachen herzustellen, auf die man sich freut und wo man nicht genau weiß, was am Ende bei rauskommt." Recht hat er.