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Theater:Alles Disco

WOYZECK von Georg Büchner

Hirnwütiger Prolet in der Bilderschleife: Sebastian Nakajew als Woyzeck in Lilja Rupprechts Inszenierung.

(Foto: Kerstin Schomburg)

Wenn der Mischregler Regie führt: Lilja Rupprechts digitale "Woyzeck"-Inszenierung am Schauspiel Hannover ist pures Bewegtbild-Blendwerk.

Von Till Briegleb

Überblendung ist im Film eine Technik, die hauptsächlich zwei Funktionen hat: den weichen Übergang zwischen zwei Szenen oder die Mischung von verschiedenen Bildinhalten. Beides kommt im modernen Tempo-Kino kaum noch vor. Doch in der aktuellen Zwischenepoche des Schauspiels, wo Theater sich mit Film überblenden muss, damit Inszenierungen wenigstens noch auf dem Heimcomputer sichtbar sind, kehrt die Mehrfachbelichtung als mächtiges Stilmittel zurück. Wenn Regisseurinnen und Regisseure die schrecklichen Konzentrationslöcher stopfen wollen, die das schlichte Abfilmen des Bühnengeschehens auf dem Flachbildschirm erzeugt, mischen sie Bilder.

Lilja Rupprecht, die für das Schauspiel Hannover Büchners "Woyzeck" als Streaming-Inszenierung konzipiert hat, ließ sogar den Mischregler Regie führen. Die knappe Stunde, die ihre Version vom hirnwütigen Erbsenesser Woyzeck dauert, versucht sie durch Bildadditionen zu verdoppeln. Ständig sind Vorder- und Hintergrund eins, stehen weit entfernte Figuren Nase an Nase. Den Bühnenraum konkret zu erfassen, ist unmöglich, weil es nie nur eine Perspektive darauf gibt. Rupprecht stopft das multioptionale Videoformat voll mit 16 Bildern auf neun Worte, dafür wurde lieber der Text gekürzt. Video ist ja schließlich ein Bildmedium.

Woyzeck rennt minutenlang im Kreis und brüllt: "Ich bin ein Mann!"

So erfüllt der Hauptdarsteller Sebastian Nakajew in dieser Bewegtbildinszenierung hauptsächlich die Aufgabe, minutenlang im Kreis zu rennen, bis er schwitzt und sich das Hemd vom Körper reißt, brüllend: "Ich bin ein Mann!" Mit seiner Marie spricht er in der immer gleichen Wiederholung von drei Sätzen, in denen er sich maßlos erregt. Und diese Schleifenversion eines triebirren Proleten trifft in Lilja Rupprechts Woyzeck-Clip auch nicht auf Menschen, die ihn quälen und reizen. Er ist gefangen in einer Spiegel-Disco, wo der Hauptmann und der Mad Professor, edel gekleidet in Schwarz, Glitzer und Gold, atemlos vor sich hinbrüllen, wenn sie mit Text dran sind.

In diesem Überblendungsverfahren finden offensichtlich alle Szenen gleichzeitig auf dem Tanzfest statt, bei dem Marie ihren Woyzeck betrügt. Deswegen verrenken sich die Beteiligten beim hechelnden Sprechen ständig grotesk zu der alles dominierenden Permanenzmusik, die Romain Frequency aus Ethno-, Ambient- und Technosounds gemischt hat. Und um die Überblendungstechnik auch noch auf die Charaktere anzuwenden, spielt Woyzeck gleichzeitig auch noch seinen Nebenbuhler, den Tambourmajor, und Marie (Sabrina Ceesay) ist auch Andres, Woyzecks Soldatenfreund.

Man ahnt es schnell: Von Büchners Stück versteht man hier nur noch Disco. Jeder monologisiert im Rausch vor sich hin. Einwegkommunikation ist tonangebend, Persönlichkeit reduziert sich auf Blendwerk, Handlungsmotive sind komplett ausgeblendet, Übertreibung singulärer Merkmale schon der ganze Charakter. Die absurde Glamourwelt dieser kurzen Show sieht zwar gut aus (Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Geraldine Arnold). Aber sie verstärkt in ihrer Effektverliebtheit auch nur Woyzecks Eindruck, auf einer innen hohlen Welt zu stehen. Bevölkert von aufgeblendeten Instagram-Profilen, gilt hier die Regel: Wisch und weg.

© SZ/C.D.
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