Theater Wie sich das Leben aufbäumt

Unprätentiöses, grandioses Schauspielertheater, das bewusst macht, welche Qualitäten im neuen Stuttgarter Ensemble stecken: "100 Songs" von Roland Schimmelpfennig.

(Foto: Björn Klein)

Auch wenn nicht alle Produktionen beim Neustart des Schauspiels Stuttgart überzeugten - Burkhard Kosminskis Konzept, viele verschiedene Theater-Varianten zu vereinen, ist aufgegangen.

Von Adrienne Braun

Das wäre es - ein See mitten in Stuttgart. Während die Pendler sich im Stau durch die Innenstadt schieben, würden die Anwohner wohlig auf Luftmatratzen schaukeln und, wer weiß, auf ihrem City-See vielleicht sogar Windsurfen. Stuttgart hat in Sachen Stadtplanung selten ein glückliches Händchen bewiesen, weshalb der Frankfurter Künstler Tobias Rehberger vormacht, wie das Areal aussehen könnte, das durch das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 frei wird. Rehberger hat vor dem Schauspielhaus eine riesige "Probegrube" aufgebaut, eine kunterbunte Installation, die mit komplizierten Bodenmarkierungen und ulkigen Aufbauten daran erinnern will, was im neuen Rosensteinquartier bei aller Gewinnmaximierung nicht fehlen sollte: Lebensqualität.

Rehbergers "Probegrube" war eine Herzensangelegenheit von Burkhard Kosminski. Denn dieses riesige Monstrum vor dem Theater, durch das in den vergangenen Wochen täglich hunderte Neugierige kletterten, zeigt, wo der Stuttgarter Schauspiel-Intendant hin will: mitten in die Stadt, direkt in die gesellschaftlichen Debatten. Deshalb saß Kosminski schon vor seinem Amtsantritt in Veranstaltungen zur Stadtentwicklung. Und deshalb marschierte der Intendant in den vergangenen Monaten immer wieder mit einem Stapel Spielzeithefte in Stuttgarter Privatwohnungen. Beim "Hausbesuch" macht Kosminski dem Publikum seine Aufwartung.

Anders als sein Vorgänger Armin Petras, dem immer wieder mangelnde Nähe zur Stadt vorgeworfen wurde, ist Kosminski bemüht, Präsenz zu zeigen. Die Schlagzahl war denn auch enorm: 21 Neuproduktionen kamen in seiner ersten Saison heraus, darunter sieben Ur- oder Erstaufführungen, zudem gab es Koproduktionen und Übernahmen von Kosminskis letzter Station am Nationaltheater Mannheim. Der Schwung ist spürbar, auch wenn hinter den Kulissen mitunter gestöhnt wird.

Während sich andere Häuser bereits in die Sommerpause verabschieden, ist im Kammertheater auch Roland Schimmelpfennig noch einmal zu Hochform aufgelaufen bei der Inszenierung seiner "100 Songs", die er für das Landestheater Örebro geschrieben hat. Hits von Iggy Pop bis Diana Ross schwirren in "100 Songs" durch die Köpfe der Figuren, die der Zufall morgens am Bahnhof zusammengeführt hat. Sie werden Opfer eines Attentats. Nicht nur die Kostüme und Requisiten, die die Schauspieler ständig wechseln, skizzieren die verschiedenen Typen. Es ist vor allem der Musikgeschmack, der die feinen Unterschiede der Lebensstile sichtbar macht. Schimmelpfennig hat seine typische Mixtur aus inneren Monologen, gesprochenen Regieanweisungen und Erzählungen musikalisch komponiert, Motive werden wiederholt und variiert. Immer wieder lässt Sally, die Kellnerin (Katharina Hauter), eine Tasse fallen oder holt den verkaterten Polizisten (Reinhard Mahlberg) die Schwermut ein. Schimmelpfennig hat seine Figuren nur flüchtig porträtiert und erzählt dabei doch so viel von Sehnsüchten, Illusionen, Niederlagen. Das ganze Leben scheint sich in diesen wenigen Minuten vor dem Attentat aufzubäumen, um dem Tod zu trotzen.

"100 Songs" ist unprätentiöses, grandioses Schauspielertheater, das bewusst macht, welche Qualitäten im neuen Stuttgarter Ensemble stecken. Das ist auch Martin Kusej nicht entgangen, der Kosminskis Entdeckung, den aus Tel Aviv stammenden Schauspieler Itay Tiran, kurzerhand abgeworben hat. Tiran wird am Wiener Burgtheater auch Regie führen, ausgerechnet bei den mehrsprachigen "Vögeln" von Wajdi Mouawad, mit denen Kosminski seine Intendanz eröffnet und Tiran eingeführt hatte.

Auch wenn nicht alle Produktionen überzeugt haben mögen, Kosminskis Konzept, ganz unterschiedliche Aspekte im Programm zu vereinen, ist aufgegangen. Er fördert die aktuelle Dramatik, versucht aber auch, gesellschaftliche Entwicklungen auf der Bühne zu spiegeln, ob mit den "Vögeln" oder dem "Europa Ensemble", das zwischen Warschau, Athen, Zagreb und Stuttgart auslotet, was ein europäisches Theater sein könnte. Kurt Weills "Sieben Todsünden", inszeniert von Anna-Sophie Mahler, hatte dramaturgische Schwächen, zog aber dank der feministischen Pop-Künstlerin Peaches ein neues Publikum an.

Gernot Grünewald widmete sich in einem Stück dem Stuttgarter Autor Hans Bayer alias Thaddäus Troll, machte aus dem regionalen Stoff aber eine der interessantesten Inszenierungen der Saison. Besser gesagt: Es sind sogar zwei Inszenierungen geworden, denn das halbierte Publikum erlebt gänzlich verschiedene Stücke. Auf der einen Seite einer Trennwand Hans Bayer als Soldat an der Ostfront, auf der anderen Thaddäus Troll und die Schwaben. Hier Tragödie, dort Komödie - und zwischendrin die Live-Kamera, um Szenen auf die je andere Seite zu übertragen.

Kosminski ist sichtbar bemüht, auf das Publikum offen zuzugehen. Deshalb schickt das Schauspiel auch täglich zahllose Service-Mails heraus, um die Besucher auf die Vorstellung einzustimmen und unter der Überschrift "Damit Sie sich bei uns wohlfühlen" eine neue Willkommenskultur zu etablieren. Die Rechnung scheint aufzugehen.