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Theater:Wer schreit, hat unrecht

Ziemlich schwacher Tobak: Regie-Altmeister Hans Neuenfels hat am Münchner Residenztheater Sophokles' "Antigone" inszeniert. Dabei ist einiges schiefgegangen.

Man wähnt sich an diesem freudig beklatschten Theaterabend am Münchner Residenztheater ein bisschen wie in dem Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Da wird mit großem Gestus die Sophokles-Tragödie "Antigone" neu ausgeschritten, das Drama von dem Mädchen, das gegen das Verbot des Königs seinen Bruder bestattet und dafür mit dem Leben zahlt. Ein Text, 2000 Jahre alt, mit seinem Grundkonflikt zwischen Staatsraison, Menschenwürde und Religiosität aber doch als Stück der Stunde avisiert. Und zwar nicht von irgendwem, sondern von Altmeister Hans Neuenfels, einst berüchtigter Regietheater-Skandalmann, inzwischen mehr dem altersweisen (manchmal auch altersmilden) Arrangieren von Opern verpflichtet. Vor Kurzem wurde der 75-Jährige für sein Lebenswerk mit dem "Faust"-Theaterpreis ausgezeichnet. Ein altgedienter Klassikerkenner und -könner, sozusagen ein Kaiser seines Fachs.

Der antike Chor wurde durch eine betuliche Seniorin, die "Frau aus Theben", ersetzt

Zehn Wochen Probenzeit hat sich Neuenfels für seine Rückkehr ans Residenztheater nach 16 Jahren ausgebeten, und er hat für seine Inszenierung eine eigene Bearbeitung der Tragödie auf Grundlage der Übersetzung von Ernst Buschor erstellt - welche er zwecks Distanz-Gewinn erst monatelang ruhen ließ, bevor er schließlich aus erfrischendem Abstand heraus ans Regie(hand)werk ging. Na, da kann doch eigentlich nichts schiefgehen, dachte man, zumal ja "Antigone" ein wirklich starkes, argumentativ mitreißendes Stück ist, mit fesselnden Charakteren. Also kann und will man erst nicht wahrhaben, dass es doch ein arger Humbug und ziemlich schwacher Tobak ist, was da auf der Bühne abgeht. Sucht nach Gründen, warum es zum Beispiel sein muss, dass die Figuren solche Schreihälse sind und über die Bedeutung ihrer Worte schier autistisch hinwegpoltern. Oder warum es eine gute Idee und vielleicht sogar im Sinne eines höheren Feminismus oder Humanismus sein könnte, dass Neuenfels den antiken Chor - Stimme der Polis - durch eine betuliche Seniorin ("Frau aus Theben") ersetzt hat: eine beschwichtigend einlenkende Tragödien-Großmutter und Königshaus-Mamsell, mit viel Hand- und Zeigefinger-Gestikulation gespielt von seiner Frau Elisabeth Trissenaar.

Und was könnte wohl der Clou hinter der Chargiererei der Nebenfiguren in dieser Aufführung sein? Nicht dass man irgendwelche Zeichen falsch versteht. Der Zuschauer denkt ja immer erst mal, dass er der Dumme ist, der die Pointe, die Chiffre oder den tieferen Sinn nicht kapiert.

Bis vielleicht in dem einen oder anderen diese Kinderstimme laut wird, die, wie in dem Märchen von Hans Christian Andersen, Zweifel anmeldet: "Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an . . ." Ja, so betrüblich es ist, dies feststellen zu müssen: Der Kaiser hat an diesem Abend keine Kleider an!

Irgendetwas ist grandios falsch gelaufen in dieser hohlbrüstigen, dick überzeichneten Neuenfels-Inszenierung, die aber so daherkommt, als sei das alles gewollt und in bester Ordnung. Schwer zu sagen, wo das Grundproblem dafür liegt, dass hier ästhetisch so gar nichts auf- und inhaltlich nichts einem nahegeht. Einerseits muss es etwas mit der von Neuenfels angepeilten, aber nicht wirklich zündenden Komik zu tun haben, auf die schon das Bühnenbild von Katrin Connan verweist. Auf der blau gestrichenen Rückwand steht da in großen Lettern: "Der Krieg ist vorbei, das Lied der Vögel könnte beginnen." Die Bühne deutet einen musealen Innenraum an, linkerhand drei großformatige, schwarze Holzkisten, rechts zwei lädierte Heldenstatuen, auf die der Blick schweift, wenn von den Göttern die Rede ist. Zu den wohl ironisch gemeinten Zuspitzungen und Brechungen gehören auch Vogelgezwitscher, Zikadengezirpe und andere Geräuschkulissen. Vor dem finalen Akt wird eine Schrift eingeblendet: "Die Tragödie hält den Atem an" - das ist lustig. Andere Einfälle gleiten ins Alberne, wenn nicht Lächerliche ab.

Das zentrale Problem ist die starre Figurenzeichnung und Personenregie. Ohne Fallhöhe

Die gliederakrobatischen Verrenkungen, die etwa Jörg Lichtenstein macht, wenn er als Wächter im Edelpenner-Outfit mit schäbigem Frack und Zylinder aufgeregt davon berichtet, dass der Leichnam von Polyneikes bestattet wurde: was für eine närrische Spaßvogelscheuchen-Nummer! Wie aus einem anderen Stück.

Oder wenn der blinde Seher Teiresias wie ein gefährliches Raubtier in einem Eisengitter-Laufstall hereingerollt wird und während seiner unheilvollen Weissagung eine Riesen-Zombie-Nummer abzieht: mit Zuckungen und dramatisch verdrehten Augen. Soll das komisch sein? Ironisch? Warum der sich tollwütig gerierende Michele Cuciuffo unter dem Kriegsmantel einen seidenen Morgenrock trägt, der seine Brustbehaarung freilegt (Kostüme: Michaela Barth), verstehe, wer kann.

Auch die schwarzen Augenbalken, die König Kreons martialisch strenger Wachmannschaft hingeschminkt wurden, so dass sie augenfälligst auf blinden Gehorsam hinweisen, sind grenzwertig. Den Vogel aber schießt der Auftritt einer scharf dekolletierten First Lady im Silberglitzerkleid ab: Eurydike, Kreons Gattin, Mutter des jungen Haimon, der Antigone heiraten sollte und diese auch wirklich liebte. Weshalb der junge Mann ihr schlussendlich ins Felsengrab folgte (Christian Erdt sticht als Haimon positiv hervor, kriegt sogar die Komik hin). Wie ein Weihnachtsbaum steht das Glitzerpüppchen Eurydike da, beugt den Luxuskörper minimal vor, wenn sie vom Tod ihres Sohnes erfährt, um sodann stumm bebend wegzustöckeln. Die Stil-, Humor- und Geschmacksverirrungen sind das eine. Das andere, zentrale Problem sind die starre Figurenzeichnung und die Personenregie. So ohne jede Fallhöhe, so von vornherein eindeutig auf ihre jeweiligen Positionen festgelegt, ohne Zwischentöne und Gefühlsschwankungen, wie die Gegenspieler Kreon - der Staatsmann - und Antigone - die Rebellin im Namen eines höheren, "ewigen" Rechts - hier sind, folgt man ihrer Auseinandersetzung mehr wie einem Clinch denn einem politisch-moralischen Dilemma. Mitfühlen, mitleiden tut man nicht.

Valery Tscheplanowa, die zum Ende der Spielzeit das Resi-Ensemble verlässt, zeigt Antigone als von Anfang an Radikalisierte, in der man auch eine Terroristin sehen könnte, überlegen lächelnd, schreiend, hasserfüllt - schon nicht mehr erreichbar, da ganz weit weg, in einer anderen Blase. Da ist keine Spur von Trauer um die verlorenen Brüder, von Verständnis für die innerlich sich zerreißende Schwester Ismene (Anna Graenzer). Da ist nur die blindwütige Entschlossenheit der Fundamentalistin. Dass sich die stets intensive Tscheplanowa in dieser Rolle allzu sehr auf ihre erprobte Deklamations-Inbrust verlässt und sich dem Brüll-Pathos ergibt, ist schade. Schade auch, wie machtklischeehaft unterkomplex sich Norman Hacker als Kreon aufspielt, mit manierierter Mundgymnastik die Sätze kauend. Das letzte Wort hat Elisabeth Trissenaar, die als kommentierender Hausgeist ohnehin im Zentrum steht: "Wie es scheint, ist jedem Menschen ein unabänderliches Ziel gesetzt", sagt sie Richtung Publikum. Und fügt ein pädagogisch wertvolles "Oder?" hinzu.

© SZ vom 12.12.2016

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