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Theater:Wer bin ich, und wenn ja, wie lustig?

„Normale Leute denken ja nicht, dass sie was darstellen, die denken, sie sind so.“ Kathrin Angerer, Thomas Schmauser und Benjamin Radjaipour spinnen sich was zusammen.

(Foto: Thomas Aurin/Kammerspiele München)

René Pollesch fragt in seinem neuesten Behauptungs-Halligalli an den Münchner Kammerspielen, warum wir unbedingt authentisch sein wollen. Ist es nicht viel interessanter, als Yogalehrer durchzugehen als wirklich einer zu sein?

Wenn es so etwas wie einen Sinn des Lebens gibt, dann liegt er darin, authentisch zu sein. Die Gesellschaft ist nämlich schwer verliebt in alles, was echt ist. Authentisch sein gilt für die Berufs- wie für die Partnerwahl, man muss sich permanent fragen, wer man eigentlich ist und die Biografie dann entsprechend modellieren, sonst wird man unglücklich. Ganze Wirtschaftszweige verdienen ihr Geld damit, den Menschen zu ihrem wahren Selbst zu verhelfen. Denn dort hat man sein zu wollen.

Vermutlich hat der Authentizitätswahn etwas mit dem Wunsch zu tun, sich an etwas festzuhalten - und das Echte scheint unverrückbarer als das Unechte. Sicher hat er auch mit dem Internet zu tun, wo es einerseits sehr leicht ist, etwas unechtes als echt zu verkaufen. Andererseits unfassbar schwer. Jeder, der schon mal versucht hat, ein Foto seines Mittagessens auf Instagram zu stellen, weiß, wie aufwendig Echtheit inszeniert sein will.

Solche Gedanken kommen einem bei René Polleschs neuem Stück "Passing - It's so easy, was schwer zu machen ist", mit dem der künftige Volksbühnen-Intendant nach sieben Jahren an die Münchner Kammerspiele zurückkehrt. Pollesch spricht in "Passing", vom englischen "to pass", aber nicht von Authentizität, er wirbt praktisch für ihr Gegenteil: vom Durchgehen als jemand, der man gar nicht ist. You could easily pass as a Yoga teacher / a happy couple / a busy employee. Für ihn kein Beschiss, sondern eine große Freiheit.

So beschäftigt sich das Ensemble, gekleidet wie das Personal eines Westerns, vor allem mit dem Behaupten von Figuren, Situationen, Zuständen, Zusammenhängen, die echt sein könnten. Sofern man im Theater, Hochburg der Behauptung, überhaupt von Echtheit sprechen kann. Ist Kinan Hmeidan jetzt Metzger oder Sheriff? Redet Kamel Najma arabisch, weil das zu ihm gehört und somit voll authentisch ist, oder drückt er sich einfach nur ums Lernen des deutschen Textes? Ist Thomas Schmauser der Regisseur des Ganzen oder doch eher Theaterwissenschaftler, der alles krampfhaft einordnen will? Kathrin Angerer, vom Pollesch aus Berlin importiert, blubbert pausenlos vor sich hin und spielt die Allesinfragestellerin. Mal tut sie so, als wäre man in einem Western oder immerhin im Wilden Westen, dann erzählt sie von einer Fabrik. Benjamin Radjaipour und Damian Rebgetz springen auch noch herum und sind ebenfalls kein bisschen festgelegt auf so etwas wie eine stringente Figur. Gemeinsam überlegen sie, am Bühnenrand mit den Beinen baumelnd, wie sie als etwas anderes durchgehen könnten, als das, was sie sind. Nicht, dass man ahnen könnte, wer sie eigentlich sind.

Im Zentrum dieses Behauptungs-Halligallis hängt eine gigantische Spinne von der Decke, die Nina von Mechow entworfen hat und die so herrlich ihre Augen öffnet und schließt, mit den acht Beinen wackelt, dass Regisseur Ulrich Rasche und seine Brutal-Maschinen eigentlich nach Hause gehen können. Auf dieser Spinne können die Schauspieler zwar nicht marschieren, aber sie können in ihren dicken Spinnenleib steigen und darin munter zum Wort "spinnen" assoziieren: Spinnen als verrückt sein, als Fäden herstellen, Spinne das Tier, in dessen Bauch sie sitzen. Diese Spinne wiederum ist Muttertier und Textilfabrik. Mal lieb, mal böse. Definitiv sehr böse in dem eingespielten Ausschnitt aus dem Sci-Fi-Film "Tarantula" von 1955. Wie üblich baut Pollesch dann noch ein paar antikapitalistische Phrasen, Kommunismus-Witze und ein bisschen Theater-Meta-Ebene in seinen Text, während die Schauspieler zum "Sound of Music"-Soundtrack über eine Alpenprojektion rollen, weil ihnen grade danach ist.

Wer sich da beim Zuschauen an einen Bedeutungsvorschlag klammern will, kriegt den in der nächsten Sekunde so lustvoll um die Ohren gewickelt wie Benjamin Radjaipour die Kaugummi-Fäden seiner Kollegen. So fühlt man sich dann auch zwischenzeitlich schief gewickelt, verheddert in den ausgeworfenen Assoziationsfäden, um im Jargon zu bleiben. Und vor lauter Bedeutungsangeboten verliert man immer wieder den, einer geht noch, Geduldsfaden. Ja, Pollesch war schon mal schneller, war auch schon witziger und origineller.

Dass der Abend trotzdem gut ist, liegt am Charme von Polleschs Passing-Theorie. "Normale Leute denken ja nicht, dass sie was darstellen, die denken, sie sind so", sagt Radjaipour. Pollesch befreit seine Schauspieler und das Publikum vom Authentizitätszwang. Das Anprobieren verschiedener Identitäten, das "durchgehen als" jemand, der man vielleicht nur für eine Weile sein will, ist für ihn genauso legitim wie das Echte. Darin liegt mehr Freiheit als im nervigen Streben nach dem wahren, einzigen Selbst. Vielleicht wollen wir ja gar nicht unbedingt die Authentizität, wir wollen nur etwas für authentisch halten dürfen. Auch im Theater.

© SZ vom 02.03.2020

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