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Theater:Was macht die Bombe im Bordell? Puff!

Kafka - "Der Prozess" / Bad Hersfeld 2019

Josef K. (Ronny Miersch) und die schöne Felice (Corinna Pohlmann) am Flügel.

(Foto: BHF/K.Lefebvre)

Die Bad Hersfelder Festspiele nach Dieter Wedel - mit Deniz Yücel und Kafkas "Prozess".

Geht es um Geldwäsche? Hat er krumme Dinger gedreht oder sich verspekuliert? In jedem Fall wurden Ermittlungen eingeleitet, Räume durchsucht, Akten beschlagnahmt. Und ehe sich der Herr Prokurist versehen kann, wird er verhaftet - "ohne dass er etwas Böses getan hätte", wie es bei Franz Kafka heißt. In seinem Roman "Der Prozess" wird Josef K. übel mitgespielt, er wird verhöhnt, verlacht, zermürbt. Ist es ein Albtraum, ein böser Spuk? Nein, "da will mich jemand an meinem Geburtstag hochnehmen", sagt Josef K. auf der Bühne der Bad Hersfelder Festspiele und lässt sich nicht ins Bockshorn jagen von diesen Wächtern, die albern im Gleichschritt um ihn herum tänzeln. Grundlos verhaftet, das kann nicht sein, glaubt K., "wir leben hier in einem freien Land."

Stimmt nicht, meint dagegen Deniz Yücel, auch in einem demokratischen Regime neigten Sicherheitsbehörden dazu, ein Eigenleben zu entfalten. Der Korrespondent der Tageszeitung Die W elt, der ein Jahr lang in türkischer Untersuchungshaft saß, war Gastredner bei der Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele. Doch statt über die kafkaesken Zustände in der Türkei zu sprechen, trübte Yücel die Champagnerlaune mit harscher Kritik am deutschen Verfassungsschutz - gerade auch in Hessen. In seiner Rede von "Knacki zu Knacki" riet er Josef K., nicht naiv zu sein. Der Verfassungsschutz sei "die gefährlichste Behörde Deutschlands", so Yücel, er habe bewiesen, nicht reformfähig zu sein und gehöre abgeschafft. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier konterte umgehend, Yücels Urteil sei "grundfalsch".

Alles wie gehabt: Auch der neue Festspielchef Joern Hinkel will vor allem gute Unterhaltung bieten

Nach einer solchen Steilvorlage hätte man erwartet, dass Joern Hinkel den politischen Zündstoff, der in Kafkas "Prozess" steckt, mit Wucht abfeuert. Joern Hinkel ist der Nachfolger von Dieter Wedel, der seinen Posten als Festspielintendant im vergangenen Jahr geräumt hat, nachdem ihm Schauspielerinnen zum Teil schwere sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten. Der Wechsel an der Spitze ist kaum spürbar, Joern Hinkel, Wedels langjähriger Assistent, setzt auf same procedure as every year. Er will vor allem gute Unterhaltung bieten, weshalb er in seiner stark bearbeiteten Fassung von Kafkas "Prozess" auf Humor gesetzt hat. "Was macht eine Bombe im Bordell?", fragt da K.s Chef - "Puff!"

Zahllose schwarze Männer wuseln nun durch die Stiftsruine, die eine imposante Kulisse bietet. Doch die riesige Bühne macht es der Regie nicht einfach, Konzentration zu erzeugen, zumal ein stetes Treiben herrscht, das begleitet wird von einem diffusen Sound aus Tropfen, Klappern, Beben, Dröhnen. Ständig werden Aktenschränke verschoben und wechseln die Schauplätze. Hier die Küche, in der Marianne Sägebrecht als K.s Haushälterin tröstlich zirpt. Dort ein weißer Flügel, auf den Josef K. die schöne Felice (Corinna Pohlmann) rücklings schmettert, um ihr unters Kleid zu kriechen. Sie quittiert's emsig stöhnend.

Viele Interpretationen des Romans wurden schon in den Ring geworfen - und Joern Hinkel scheint sie alle bedienen zu wollen. Mal wird von Netzwerken gesprochen, von Willkür, Apparat, Maschine. Dann wieder wird die psychoanalytische Lesart aufgerufen, denn sind wir nicht alle ein bisschen schuldig? Dazwischen Slapstick und Klimbim - und tatsächlich steht der einstige "Klimbim"-Star Ingrid Steeger auf dem Besetzungszettel. Sie geistert als betagte Nachbarin durch die Szenen und flötet einmal sogar wie anno dunnemals "da mach ich mir 'nen Schlitz ins Kleid ..." Steeger macht ihre Sache gut, ist aber sichtbar schlecht auf den Beinen. Sie hatte kürzlich einen Zusammenbruch und war in solch desolatem Zustand, dass ein Freund ihr den Hund wegnahm. Deshalb lässt Joern Hinkel die 72-Jährige nun ständig mit Hundeleine ohne Hund über die Bühne wackeln. Komisch ist das nicht.

Der Plot, dass einer unschuldig verhaftet wird, ist letztlich schnell erzählt. Um ihn für die Bühne interessant zu machen, müssten die Szenen atmosphärisch angereichert werden und die Schauspieler stark sein - wie es Günter Alt ist, der präsent und kraftvoll den Onkel Albert spielt. Auch Thorsten Nindel überzeugt als Maler Titorelli, der sich für den armen K. einsetzen will. Ronny Miersch als Josef K. aber gleitet konturlos durch die Wirren der Justiz. Er reagiert kaum auf das Spiel seiner Kollegen, versucht sich mal als selbstgefälliger Banker, mal als liebenswerter Bursche von nebenan - und bleibt doch ein Mann ohne Eigenschaften, der am liebsten lässig im Designeranzug herumsteht wie ein Model am Set. Selten hat man auch einen Schauspieler so lausig chargieren sehen wie Dieter Laser. Er holt für die Rolle des Advokaten das ganz große Schmierentheater aus der Mottenkiste und spielt dessen Schrullen - "Ich atme fast nicht mehr" - exzessiv aus. Joern Hinkel lässt ihn gewähren.

Als sich bei Josef K. schließlich Verzweiflung breit macht, bekommt der Abend doch noch etwas Zug. Bei Kafka wird er ermordet, in Bad Hersfeld steht er zum Schluss blutverschmiert auf der Bühne - und lacht. In den Ohren von Deniz Yücel wird das besonders bitter geklungen haben, denn er hält es für den größten Fehler von Josef K., "sich hinzugeben und der eigenen Hinrichtung zuzustimmen", wie er in seiner Rede sagte. Dass sich K. dem System letztlich anpasst - "das nehme ich dir übel!"