Theater Viel zu tun für den Quotenflüchtling

Das Staatsschauspiel Dresden bringt Ibrahim Amirs Migrationskomödie "Homohalal" auf die Bühne und zeigt, dass Theater dann am besten ist, wenn es sich nicht um politische Korrektheit schert.

Von Mounia Meiborg

Rouni ist der Quotenflüchtling. Er steht an der Rampe und berichtet, wie ausgebucht er ist: Ständig rufen irgendwelche Regisseure, Festivalmacher, Journalisten an. Immer wieder erzählt er ihnen die Geschichte, wie er übers Mittelmeer kam, in einem kleinen Boot mit 317 Menschen. Von morgens bis abends sei er beschäftigt, sagt er, denn: "Jedes Theater braucht einen Quotenflüchtling."

An diesem Abend bekommen alle ihr Fett weg: homophobe Muslime, deutsche Frauen mit Helfersyndrom, irakische Weiberhelden, Salafisten, Identitäre. Als erstes ist der Theaterbetrieb dran. Mit dem hat der Autor Ibrahim Amir so seine Erfahrungen gemacht. Vor einem Jahr sollte sein Stück "Homohalal" am Wiener Volkstheater uraufgeführt werden. Zwei Monate vor der Premiere sagte das Theater die Produktion ab. Die Leitung fürchtete, das Stück könne in der aufgeheizten Lage falsch rüberkommen und Rechtsextremen Futter bieten. Eine Dystopie, so hieß es, sei "kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung über die Zukunft Schutz suchender Menschen in Österreich". Amir, kurdischer Syrer und Wahlwiener, sprach damals vom "kolonialistischen Kulturbetrieb".

Nun wird sein Stück ausgerechnet in Dresden uraufgeführt. Angesichts von wöchentlichen Pegida-Demonstrationen, Protesten gegen eine Kunstinstallation und Morddrohungen gegen den Oberbürgermeister kann man sich fragen: Hält die Stadt das aus?

Beate Heine, die neben Jürgen Reitzler das Staatsschauspiel Dresden in dieser Saison interimsweise leitet, berichtet von Hassmails, die kurz vor der Premiere eingingen, gegen Schwule und gegen Muslime. In Dresden ist man so etwas gewohnt. Davon, dass das Theater von rechts vereinnahmt wird, kann bisher keine Rede sein.

Ibrahim Amir hat das Stück stark bearbeitet, mit dem Ensemble weiterentwickelt und die Handlung nach Dresden verlegt. Im Jahr 2037 treffen sich ein paar alte Freunde - Geflüchtete und Aktivisten - auf einer Bestattungsfeier wieder. Dresden ist die weltoffenste Stadt Europas, und das liegt, wie sich die Freunde eifrig versichern, auch an ihrem Engagement im Jahr 2017. So wirkt "Homohalal" zunächst also wie ein utopischer Gegenentwurf zu Michel Houellebecqs "Unterwerfung".

Der homophobe Muslimvater bittet seinen Sohn inbrünstig, nicht schwul zu sein

Aber so heil, wie diese Welt aussieht, ist sie dann doch nicht: Der Iraker Said rastet aus, als sich sein Sohn als schwul outet. Seine Frau Ghazala, die aus Pakistan stammt, macht Karriere im Innenministerium und hat die Härte des Systems verinnerlicht. Und Albertina, einst hingebungsvolle Helferin, schimpft über undankbare Araber.

Die Regisseurin Laura Linnenbaum bemüht sich klugerweise nicht um Realismus. Auf der Bühne stehen skurrile Typen in bonbonfarbenen Sechzigerjahre-Kostümen (David Gonter), die an Inszenierungen von Herbert Fritsch denken lassen. Die Damen tragen Föhnfrisur, die Herren Schnurrbart und Hornbrille. Alle sind so wasserstoffblond wie sonst nur Geert Wilders und Donald Trump.

Diese Distanz bewahrt die Inszenierung vor vielen Fallstricken. Die meisten Figuren stammen aus dem Ausland, zwischendurch reden sie Arabisch. Auf der Bühne stehen jedoch bis auf Rouni Mustafa nur deutsche Schauspieler. Seine Auftritte dienen als ironischer, auch selbstkritischer Kontrapunkt, der die Realität am Theater kommentiert. Zum Beispiel die, dass eine typengerechte Besetzung dieses Stückes an einem deutschen Stadttheater gar nicht möglich ist. Jedenfalls nicht, ohne lauter Gäste zu engagieren.

Das Ensemble spielt auf klinisch weißer Bühne (Valentin Baumeister) gekonnt überdreht, als wär's ein Boulevardstückchen. Warum auch nicht? Das Stück wimmelt von Slapstick-Vorlagen, Missverständnissen, dunklen Geheimnissen. Elzemarieke de Vos gibt mit Wallemähne und Schmollmund die esoterisch veranlagte Barbara. Wenn sie als selbst ernannte Imamin zum Sterbegebet ruft, erinnert das verdächtig an Yoga-Übungen. Und wenn die anderen sich über ihre arabische Aussprache lustig machen, ruft sie ihnen ein beleidigtes "Schalom!" hinterher.

Matthias Luckey als homophober Vater Said bittet seinen Sohn inbrünstig, nicht schwul zu sein - und bedient sich dazu Whitney Houstons Schwulenhymne "I will always love you". Seine Gattin, die Annedore Bauer als erfrischend trockene Karrieristin spielt, hat schon früher gemerkt, was los ist: "Habibi, 17 Jahre sind keine Phase." Sie ist es, die am Ende für Ordnung sorgt, mit einer Pistole und Zitaten von Thomas de Maizière.

Es sind Figuren, die auch mal die Grenze zum Klischee überschreiten. Aber es sind unterhaltsame Klischees. Und sie werden im richtigen Moment gebrochen: Der Frauen aufreißende Iraker entpuppt sich als schwul; der vermeintlich salafistische Sohn als Anhänger der Identitären Bewegung. Dahinter steckt bei Amir eine Haltung: Ganz so einfach ist es eben nicht mit den Menschen und den Schubladen.

Das Publikum amüsiert sich prächtig. Gegen Ende ist manches dann nicht mehr zum Lachen. Zum Beispiel wenn es heißt, die Fische im Mittelmeer hätten schon lang keinen Iraker mehr gekostet. Amir beherrscht die Regeln der Migrations- und Integrationskomödie: je böser, desto besser. So unerschrocken jongliert sonst nur die israelische Regisseurin Yael Ronen mit ethnischen, religiösen und sexuellen Stereotypen. Dass beide keine Deutschen sind, ist wohl kein Zufall. Ibrahim Amir, 35 Jahre alt und im Hauptberuf Arzt, hält nichts von Vorsicht. Es gebe zu viel Angst, über kulturelle Unterschiede zu reden, sagt er. "Das wird nicht gut ausgehen. Wir lassen uns viel zu sehr von den Rechten die Themen bestimmen oder auch verbieten."

Die Theater lieben Stücke über Flucht und Asyl, scheuen aber kontroverse Positionen

Zwar reden die Theater landauf, landab von Demokratie. Mit abweichenden Meinungen tun sie sich aber oft schwer. In kaum einem der zahlreichen Flüchtlingsstücke werden wirklich kontroverse Positionen vertreten. Der lettische Regisseur Alvis Hermanis - der eine Produktion am Hamburger Thalia-Theater absagte, weil dieses sich für Flüchtlinge engagiert - wurde flugs zur Persona non grata erklärt. Und kürzlich sagte das Theater in der Gessnerallee in Zürich eine Veranstaltung ab, auf der der AfD-Vordenker Marc Jongen auftreten sollte - neben drei anderen, liberalen Diskutanten und begleitet von einer Gegenveranstaltung.

Man muss Alvis Hermanis' Position nicht gut finden, und die von Marc Jongen schon gar nicht. Aber Meinungsvielfalt sieht anders aus. Mut auch. Den wünscht man zurzeit vielen Theatern. Was Dresden kann, sollten wir doch alle können.