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Theater:Und jetzt alle!

Hate

Die Performerin Laetitia Dosch bei dem Versuch, ein Pferd in ein Gespräch zu verwickeln.

(Foto: Dorothée Thébert Filliger)

Wie Mitmachzwang eindrucksvoll schiefgehen kann: das Festival Theaterformen in Hannover.

Um das Schlagwort "Mitmachtheater" ranken sich unter Theaterleuten eine Menge merkwürdiger Verklärungen. Partizipativ soll es sein, also eine aktive Zuschauerbeteiligung herstellen. Es soll performative Erfahrungen ermöglichen, in der direkten Begegnung mit Schauspielern die Wand zwischen Darsteller und Publikum durchbrechen. Intensiver soll es sein als das bräsige Zuschauen vom gepolsterten Stuhl, das Bewusstsein besser kitzeln, Einfühlung erleichtern und was sonst noch nicht alles, das man dem "gewöhnlichen" Theater als Qualitäten abspricht, wenn es um die sogenannte "Interaktion" geht.

Was Mitmachtheater in der Praxis bedeutet (und hier ist die Rede von der Regel, nicht von den sehr wenigen Ausnahmen, die obige Behauptungen tatsächlich intensiv erfüllen können), musste man zur Eröffnung des Festivals "Theaterformen" in Hannover erleiden. Dieses fühlt sich unter der Leitung von Martine Dennewald zunächst ganz dem Persönlichkeitstest verpflichtet. Kaum eine Produktion in den ersten vier Tagen verschonte den Gast von der Nötigung, sich öffentlich zum Kasper irgendwelcher "partizipativer" Regieideen zu machen.

Sie oder er mussten auf einem Geschichtsspaziergang Töpfchen mit Baumschulengestrüpp durch Hannover-Linden tragen (ein Stadtteil mit eigentlich ausgesprochen interessanter Industrie-, NS- und Stadtplanungsgeschichte, dem Geburtshaus von Hannah Arendt und einer Benno-Ohnesorg-Brücke), um dann in einer Hinterhof-Moschee einen Sitzkreis zu bilden. Gefangen in dieser Peinlichkeitsfalle wurden die Mitgegangenen dann von einigen Bürgern der Stadt genötigt, deren private Erinnerungen an heruntergerutschte Dessous oder den vernebelten Piz Terri von Zetteln zu lesen, sofort unterbrochen mit dem Zwischenruf "lauter!" von den Textreichern, die den Inhalt ohnehin kannten. Und dann sollten alle in der Straßenbahn "Weißt du, wie viel Sternlein stehen" singen.

An anderer Stelle musste das Publikum einen braven Klatschkreis für die zwei schwarzen Performer Nora Chipaumire und Shamar Watt bilden. Unter dem interessant inkorrekten Titel "#Punk 100% Pop *N!gga" exaltierte sich das Duo akustisch leider unverständlich zu übersteuerten Musikeinspielungen über Kapitalismus, Rassismus und die mangelnde Anerkennung afrikanischer Künstlerinnen und Künstler - Inhalt laut Programmheft! Dazu verbot eine sehr pampige Festivalpolizei allen Alten und Erschöpften, die nicht ewig stehen konnten, kategorisch das Hinsetzen. Schnell kam der Gast sich vor wie bei einer Ausweiskontrolle in der Fußgängerzone, nur dass das Social Profiling hier nicht auf Schwarze und Obdachlose angewendet wurde, sondern auf Weißhaarige, Müde und Gelangweilte, denn: "So ist hier die Regel!", wie es im autoritären Anraunzstil hieß.

Die Zuschauer müssen Dias vom Buckingham Palace anschauen, Karl May lesen, auf einem Schaukelpferd sitzen.

Aber auch in lahm und freundlich wurde das Mitmachtheater als Form nicht interessanter. Auf der Bühne des Schauspielhauses konnten die Zuschauer bei "Kurzzeit" von Konstantin Steshik erst den Dialog eines "Sascha" mit seinem Alzheimer-Vater in Übertiteln von der Wand ablesen, um anschließend in einer Trödelladeneinrichtung auf der Bühne gelangweilt herumzustromern, um uralte Dias vom Buckingham Palace in vergilbten Plastikbetrachtern anzusehen, in Karl-May-Bänden oder gelbstichigen Fotoalben herumzublättern, auf dem Schaukelpferd zu sitzen oder Hammondorgel-Schallplatten auf die alte Kompaktanlage zu legen.

Und schließlich saß der Mitmachmüsser in der Installation von Mohammad al Attar, Omar Abusaada und Bissane Al Charif, "Aleppo, a Portrait of Absence", einem Schauspieler gegenüber, der die Geschichte eines Syrienflüchtlings aus der von Assads Armee zerbombten Stadt erzählte, als sei es seine eigene. Diese halbstündige Angelegenheit war wenigstens inhaltlich interessant, aber hier, wo man gerne mit Fragen partizipiert hätte, wurde einem nur ein silbernes Diktiergerät hingehalten, mit der Bitte, der Person hinter der Geschichte eine Botschaft aufzusprechen.

Der Krieg des syrischen Staates gegen das Volk wurde an mehreren Stellen des Eröffnungsprogramms zur gewollten Bedrückung. Am beklemmendsten sicherlich in "Untitled". Sieben Opfer von Assads Folterjustiz erzählen darin ohne große Theatralik, sogar manchmal mit einer Spur Humor von der Hölle syrischer Gefängnisse, die sie überlebt haben. Dabei ist das Grauen ohne jede teilnehmende Performance der Zuschauer um ein Vielfaches intensiver als dort, wo Regisseurinnen und Regisseure den Besucher herumkommandieren und als gehorsames Fußvolk für ihre performativen "Regeln" missbrauchen.

Das brachiale Zudröhnen hilft auf der Suche nach neuen Theaterformen aber auch nicht weiter.

Wenigstens der Zettelkreis hatte dann noch ein Einsehen mit seinen "Sternleins" und führte sie in die Ruine der Aegidienkirche zur Aufführung eines großen Bürgertheaters mit dem Titel "Die Geschwindigkeit des Lichts", das der argentinische Regisseur Marco Canale aus den Erzählungen einiger Hannoveraner entwickelt hatte. Hier verdichtete sich das Erinnern endlich zu Erzählungen über SS-Väter und kurierte Neonazis, Familien zerrissen zwischen Syrien und Deutschland oder Kinder mit Panikattacken und Eltern, die nur an sich denken, über Musik im Alter und die seltenen Freuden, ein Fan von Hannover 96 zu sein. Amateurtheater im besten Sinne, und ohne das alberne Topfblumen-Vorspiel ein Eigenprojekt der Theaterformen, das größere Aufmerksamkeit und die Einladung zu anderen Festivals verdient hätte.

Dass aber auch das komplette Gegenteil von Interaktion, das brachiale Zudröhnen eines Sitzpublikums mit Nachtklubmusik und riesigen Bildprojektionen, die Suche nach neuen Theaterformen scheitern lässt, bewies die große Eröffnungsinszenierung dieses Festivals von Łukasz Twarkowski. "Lokis" ist eigentlich eine sehr schöne Novelle von Prosper Mérimée über einen Mann, der ein Bär ist, ohne es zu wissen, und seine Braut in der Hochzeitsnacht zerfleischt.

Aber verbunden mit anderen "Versionen" mysteriösen Totschlags, etwa an der Schauspielerin Marie Trintignant durch ihren Freund Bertrand Cantat, verzettelte sich Twarkowski so derartig in seinem Material, dass alles Erzählen sich auflöste in dem ermüdenden Bombast einer eitlen Nachtgesellschaft. Dabei sollte das ganze Festival doch unter dem Motto der persönlich erzählten Geschichte stehen. Das war die Regel, die Martine Dennewald vorgegeben hatte. Vielleicht hilft in der zweiten Hälfte da ein Schimmel weiter. In "Hate" versucht die Performerin Laetitia Dosch, sich mit einem Pferd zu unterhalten. Kann man nur hoffen, dass wenigstens das Tier gerne mitmacht.

www.theaterformen.de, noch bis 30. Juni