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Theater:Trotzdem Liebe

Sinn Residenztheater

In der Episode "Riechen" eskaliert zwischen den Freunden Tommi und Karl die Gewalt.

(Foto: Konrad Fersterer)

Die "Intergroup" des Jungen Resi erforscht im Stück "Sinn" das komplexe Wesen von Beziehungen und die Tücken der Wahrnehmung

Von Barbara Hordych

Es sind unmögliche Lieben, die hier in gleich mehreren Konstellationen ausgelotet werden, bei der Hauptprobe von Anja Hillings Jugendstück "Sinn" im Marstall: Da ist Albert, der rhetorisch hoch begabte "Spießer, Streber, Schulsprecher". Und da ist Natascha, die es vorzieht, nicht zu sprechen, stattdessen lieber alle Stimmen überhört, schon drei Wochen in der Psychiatrie verbracht hat. Ausgerechnet sie, die nur auf die Musik in den Geräuschen um sich herum lauscht, für das "Gelabere" der anderen keine Ohren hat, verliebt sich im Schwimmbad unter Wasser in das "Fußkonzert" von Albert, träumt davon, sich von seiner Stimme tragen zu lassen. Und Albert? Der "Held der mündlichen Beiträge" stellt fest, dass Natascha, die von der Elften mittlerweile in die Neunte zurückgestuft wurde, "das schönste Mädchen der Schule ist". Ein "unmögliches Paar", über das die anderen nur spotten werden, das ist ihnen beiden klar. Und trotzdem.

So wie diese Episode in "Sinn" sich um das Ohr und das (Nicht-)Sprechen dreht, handeln auch die weiteren Geschichten von Sinneseindrücken, heißen "Augen", "Nase", "Haut" und "Zunge". Es geht um das Fühlen, Sehen, Riechen, Schmecken und Hören - und eben um dessen Verweigerung. Zehn Jugendliche stehen im Zentrum von fünf Geschichten, die Anja Sczilinski und ihre beiden Regiekolleginnen Anna Horn und Raphaela van Bommel mit vierzig 15- bis 23-jährigen Darstellern der "Intergroup" des Jungen Resi inszenieren. Premiere ist am Samstag, 27. April, im Marstall. Dieses Mal spielen keine Ensemblemitglieder des Residenztheaters mit, stattdessen arbeitet das Regie-Team mit geschlechterübergreifenden Mehrfachbesetzungen der Figuren und mit Sprech- und Sing-Chören. "In unseren früheren Produktionen wie ,Wir sind jung. Wir sind stark' oder ,Lilja 4-ever' hatten wir lediglich sieben oder höchstens 15 Darsteller auf der Bühne. Ausgewählt aus 150 Bewerbungen, das hat mich oft sehr geschmerzt, weil darunter so viele tolle junge Menschen waren, denen wir absagen mussten", sagt Sczilinski. Um so größer ist für sie die Freude an diesem Experiment, für das sie sich Unterstützung bei ihren Kolleginnen holte. Jede der drei Regisseurinnen übernahm eine Schauspielgruppe; am Ende münden die lose miteinander verwobenen Geschichten in eine gemeinsame Aufführung - "die ich gerne als Rausch, als Fest der Sinne begreifen möchte", sagt Sczilinski. Es ist ihre letzte Produktion für das Junge Resi, sie wird mit Martin Kusej zusammen ans Wiener Burgtheater gehen, um dort die Arbeit mit jugendlichen Darstellern fortzusetzen. Die Produktionen, die sie in den vergangenen acht Jahren mit ihrer "Intergroup" realisierte, erhielten großen Zuspruch von Seiten der Zuschauer. "Stolz bin ich auch, dass bestimmt 30 unserer jungen Ensemblemitglieder im Anschluss den Sprung an die staatlichen Schauspielschulen geschafft haben", sagt Sczilinski.

Mit unverkennbarer Leidenschaft agieren sie alle, die jetzt auf der Bühne des Marstall mehrstimmig und in ständig wechselnden Besetzungen die Geschichten von Protagonisten vortragen, denen sie im Alter sehr nahe stehen. Ausgangspunkt ist jene Gartenparty, auf der Phöbe mit den blauen Augen sich ausgerechnet in den blinden DJ Fred verliebt. Dabei war es eigentlich der Gastgeber Tommi, der ihr als Traumbild im Kopf herumgeisterte. Aber jetzt ist es Fred, bei dem ihr plötzlich schwarz vor Augen wird. Drei Jungs stehen mit Sonnenbrille hinter ihren Mischpulten, nehmen ungerührt die Bedenken zur Kenntnis, die gleich mehrere Phöbes abwechselnd und im Chor intonieren: "Wenn Liebende sich in den Augen des jeweils anderen spiegeln, was bedeutet es dann, sich in jemanden zu verlieben, der einen gar nicht sieht?"

Und doch: Ein Trotzdem behauptet sich auch hier. Zumindest für eine Weile. Genau so wie in der gewalttätigsten Begegnung in "Sinn", die von Verrat und Schmerz zwischen den beiden einst besten Freunden Tommi und Karl erzählt. Sie wachsen zusammen auf, prägende Sinneseindrücke sammeln sie in der Bäckerei von Tommis Vater, inmitten der Gerüche von Zimtschnecken und Marmorkuchen. Als Tommi sich in Jasmin verliebt, diese aber auch mit Karl ein Verhältnis beginnt, kommt es inmitten von Mehlstaub zur Eskalation. Am Ende liegt Karl tot am Boden.

Was hat Anja Sczilinski selbst an dem Stück fasziniert, in dem sie die Episode "Augen" inszenierte? "Es ist diese sehr menschliche Erfahrung. Dass man einerseits jemanden im Kopf hat, als Idealbild. Und dann begegnet man jemandem, der diesem Hochglanzbild überhaupt nicht entspricht. Und stellt fest, dass der einen sieht. Der Anfang von etwas völlig Unvorhersehbarem, wenn man es zulässt". Das große Trotzdem eben.

Sinn, Premiere am Sa., 27. April, 20 Uhr, Marstall

© SZ vom 27.04.2019
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