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Telefontheater:Blind Date mit Frau B.

Pressebilder: TAUSEND WEGE - Ein Telefonat, Volkstheater Wien

"Tausend Wege" ist Kopftheater mit einer Unbekannten am anderen Ende der Leitung. Entwickelt hat das Stück die New Yorker Performancegruppe 600 Highwaymen.

(Foto: Volkstheater Wien)

In "Tausend Wege", einer Corona-Produktion des Wiener Volkstheaters, treffen sich zwei Menschen am Telefon, angeleitet von einer Computerstimme.

Von Christine Dössel

Ach, das Theater - es fehlt inzwischen doch sehr. An diesem Spätnachmittag ist es am Telefon. Hallo? Hallo, Theater, wie geht es dir? Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Computerstimme, weiblich, mechanisch, um Deutlichkeit bemüht. Das ist erst mal eine Enttäuschung. Nicht dass man gleich mit Hamlet oder Medea in Aktion gerechnet hätte, aber vielleicht doch mit einem Schauspieler, einer Schauspielerin. Die Stimme tut gar nicht erst so, "als ob". "Ich bin eine Stimme, die dir hilft", sagt sie alexamäßig. Um fortan sanft lenkende Anweisungen zu geben und zwei Menschen in Kontakt zu bringen. Denn es ist noch jemand in der Leitung, eine unbekannte, aber reale Person. Mit dieser gilt es, ins Gespräch zu kommen.

"Tausend Wege - ein Telefonat" heißt diese Produktion im Corona-Spielplan des Wiener Volkstheaters, in der sich zwei potenzielle Zuschauer, wenn sie schon nicht Zuschauer sein dürfen, fernmündlich begegnen, eine Stückerfindung der amerikanischen Gruppe 600 Highwaymen. Man muss sich dafür anmelden und bekommt dann vom Theater einen Termin mit einer Telefonnummer. Die Bühnen unternehmen in der Zeit ihrer Zwangsschließung ja viele rührende Versuche, um mit ihrem Publikum in Kontakt zu bleiben. Schauspieler tragen am Telefon Gedichte vor, machen mit Zuschauern Spaziergänge, kommen per Videoclip, VR-Brillen oder via Live-Chat nach Hause. Dazu all die vielen Streamings zur Ersatztheaterbefriedigung.

Das Gespräch dauert rund eine Stunde, in dieser Zeit nimmt B immer mehr Gestalt an

"Tausend Wege" ist ein Versuch, den Zuschauer selbst zum Sprechen zu bringen. Sonst meistens stumm und passiv, sieht er sich hier dazu aufgefordert, sich seiner selbst bewusst und zum Protagonisten eines Sprech-Aktes zu werden. Es gibt eine Regie (die Stimme) und einen Dialogpartner (den anderen), der Rest hängt davon ab, was und wie viel jemand sagt und zu antworten bereit ist. Kein Theater ohne Publikum. Erst recht nicht dieses Telefontheater.

Die andere Person in der Leitung ist in diesem Fall eine Frau. Die Computerstimme teilt uns ein in A und B, die andere Frau ist B. Wir sollen uns gegenseitig unsere räumliche Situation beschreiben. B sagt, sie sitze auf einem bequemen Sessel, in einer Hand das Telefon, die andere Hand im Nacken, vor ihr ein Glas Wasser, Fassungsvermögen zwei Deziliter (sie sagt tatsächlich "Deziliter"), das Fischgrätparkett habe sie erst vor einem Jahr geschliffen und poliert. Das Gespräch dauert rund eine Stunde, und in dieser Zeit nimmt B immer mehr Gestalt an, umgekehrt ist es sicher auch so, schließlich gibt man ganz schön viel von sich preis, sofern man ehrlich auf die Fragen der Computerstimme antwortet und nicht einfach auflegt, das soll auch schon vorgekommen sein.

"A, wann wurdest du geboren", fragt die Stimme. "B, warst du da schon auf der Welt?" So geht es hin und her. "Hast du besondere Fähigkeiten?" "Kaust du an den Fingernägeln?" "Was ist der Name eines Menschen, den du liebst?" Aufgefordert, etwas aufzusagen, was sie auswendig kann, singt B mehrere Strophen eines Schweizer Liedes, von dem nur einzelne Wörter wie "Gletscher" oder "Passagier" zu verstehen sind. Es hört sich kurios lustig an. Es ist der Song "Dr Alpeflug" des Schweizer Mundart-Liedermachers Mani Matter. B wohnt in Markdorf am Bodensee, sie hat das Lied in der Schule gelernt.

Es hat auch etwas von einer therapeutischen Sitzung und ist insofern Telefonseelsorge

"Tausend Wege" ist aber nicht bloß ein biografisches Abfrage- und Kennenlernspiel. Es hat auch etwas von einer psychotherapeutischen Sitzung und ist insofern Telefonseelsorge. Das muss man mögen und sich darauf einlassen. Sonst wird's ungemütlich. Da soll man schon mal die Augen schließen und sich einen Geruch aus der Kindheit vergegenwärtigen. Oder sich mit dem Finger über den Nasenrücken streichen, während die andere bis fünf zählt. Erinnerungen an die Vorfahren werden abgefragt, an einstige Schulkameraden, an das eigene, jüngere Ich. "Das ist dein Gepäck, das trägst du in dir", sagt die Stimme. "Lasst eure Finger auf eurem Puls."

Die New Yorker Gruppe 600 Highwaymen, die diese Auslotung zwischen Distanz und Nähe ersonnen hat, besteht nicht etwa aus Hundertschaften von Straßenräubern, wie der Name suggeriert. Vielmehr verbirgt sich dahinter das Duo Abigail Browde und Michael Silverstone, dem es in seinen interaktiven Live-Art-Stücken stets um die Begegnung von Menschen geht. Ursprünglich als dreiteilige Analogperformance konzipiert, ist die deutschsprachige Erstaufführung von "A Thousand Ways" als reines Telefongespräch nicht nur ein Innehalten zwecks Kontaktaufnahme, sondern auch ein Insichgehen zur Selbstwahrnehmung.

Pressebilder: TAUSEND WEGE - Ein Telefonat, Volkstheater Wien

Mitten in der Wüste eine Panne haben ... keine schöne Vorstellung. Aber eine, die sich der Zuschauer in "Tausend Wege" doch bitte mal machen soll. Um sich dann auszumalen, wie man sich gemeinsam auf den Weg zur nächsten Tanke macht.

(Foto: Volkstheater Wien)

Kopftheater ist es obendrein. Denn zwischendurch ruft die Stimme immer wieder zur Imagination einer Pannensituation in der Wüste auf, ein gemeinsames Erlebnis von A und B: Wir sollen uns vorstellen, unser Auto sei liegen geblieben, irgendwo in the middle of nowhere. Gerade war alles noch so super, und nun das. Wir werden losmarschieren müssen, Rettung holen. Und wir werden eine Nacht in der Wüste verbringen müssen. Das Holz knackt im Feuer, über uns die Sterne. "Eines Tages werden wir hiervon erzählen und darüber lachen", sagt die Stimme. Und sie sagt auch, dass wir so eine Panne in der Wüste vielleicht hätten mit einplanen müssen. Es ist eine Pandemie-Parabel.

Das zwischenzeitliche Unwohlsein ist bis dahin überwunden, und wir machen es uns mit Frau B warm am Feuer. Sie ist sympathisch, braune Haare, braune Augen, wenn Licht reinfällt: bernsteinfarben. Sie ist sichtbar geworden. "Was wird aus uns werden?", fragt die Computerstimme. "Wirst du klarkommen?" Dann ein Knacksen, und die Leitung ist tot. Nicht einmal mehr ein Abschiedsgruß von B. Jeder wieder für sich allein. Brutal.

© SZ/knb
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