Theater Tanzen auf Glas

Amir Reza Koohestani inszeniert den Roman "Der Fall Meursault" an den Kammerspielen

Von Egbert Tholl

Vielleicht, so meint Amir Reza Koohestani, vielleicht stehe er einfach in der Tradition der "Geschichten aus Tausendundeiner Nacht": Erzählen, um zu überleben. Wenn das so sein sollte, dann wird Koohestani ein langes Leben beschieden sein. Denn er ist ein begnadeter Erzähler. Er kann alles erzählen, einen Abriss der persischen Kultur mit besonderem Augenmerk auf die Entwicklung der Literatur der vergangenen hundert Jahre, Politik, Religion, Macht, Islamismus, Fundamentalismus. Koohestani erzählt von all dem in Geschichten, die Wahrheit sind, und dabei springt er hin und her, von einem Thema zum nächsten, ohne je den Überblick zu verlieren. Manchmal kehrt er nach einem Exkurs von zehn Minuten exakt dorthin zurück, wo der Einschub seinen Anfang nahm. Was Wunder, dass er sagt, er mache Theater, weil er Geschichten erzählen will. Etwa die vom "Fall Meursault". Am Donnerstag eröffnet seine Bühnenadaption des Romans von Kamel Daoud die Saison der Münchner Kammerspiele. Im Schauspielhaus, auf Farsi, Arabisch, Deutsch, mit englischen und deutschen Übertiteln.

Seine szenische Uraufführung hatte der Roman bei der Ruhrtriennale. Dort inszenierte ihn Johan Simons als musikalisch-filmisches Poem in der Kohlenmischanlage der Zeche Victoria, eine Spuren- und Identitätssuche anhand von Daoud, Camus und viel Musik (SZ vom 5. September). Camus deshalb: In Albert Camus' 1942 erschienenen Roman "Der Fremde" erschießt der kleine Angestellte Meursault am Strand von Algier einen namenlos bleibenden Araber, weil ihn die Sonne blendete - ein Tat extremer Gleichgültigkeit. 2014 veröffentlichte der algerische Journalist Kamel Daoud auf Französisch seine Antwort auf Camus. In "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" erfindet Daoud das Leben des Opfers, gibt ihm den Namen Moussa und lässt dessen Bruder Haroun von ihm berichten und vom eigenen zerstörten Leben. Die Mutter entwickelt bizarre Trauerrituale und eine kaum weniger bizarre, erdrückende Beziehung zum verbliebenen Sohn. 20 Jahre nach dem Mord an Moussa töten Mutter und Haroun einen Franzosen, ebenso zufällig und lapidar wie einst Meursault. Nur eine Woche zu spät, denn der bewaffnete Freiheitskampf der Algerier gegen die Kolonialmacht Frankreich ist gerade vorbei, der Mord also einfach ein Mord, und keine Heldentat.

2001 traf der Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal Koohestani zum ersten mal. Bei Theaterfestival in Teheran sah er dessen Produktion "Dance on Glasses", lud die Aufführung zu "Theater der Welt" 2002 ein. Das Stück machte Koohestani schlagartig bekannt in Europa, seitdem pendelt er zwischen den Welten. Und dann kam die Anfrage wegen Daouds Roman. Dieser ist in Iran nicht übersetzt, und laut der Aussage von Koohestani wird er es auch nicht werden - zu viel Religionskritik sei darin enthalten. Was, nebenbei, auch dazu beitrug, dass der Roman in Europa vielfach sensationell rezipiert wurde. Und noch etwas: Camus' "Der Fremde" ist in Iran erhältlich, den christlichen Gott darf man in Frage stellen.

Also, die Anfrage. Erste Antwort Koohestani: Ich kenne das Buch nicht. Antwort Lilienthal: Dann mach' was anders. Es folgten zehn Tage Diskussion, mit einem Nachdenken über möglicherweise Tschechow. Inzwischen hatte Koohestanis Assistentin über "Den Fall Meursault" recherchiert, Koohestani beschloss, daran arbeiten zu wollen und einen Weg durch die verschiedenen Sprachen zu finden. Der aktuelle Weg sah dann so aus: Koohestani schreibt seine Fassung auf Farsi (vulgo: Persisch), ausgehend von einer englischen Übersetzung von Daouds Roman. Diese Fassung wird ins Deutsche übertragen, wobei dafür die Passagen, die Koohestani wörtlich aus dem Roman übernimmt, mit dessen publizierter deutschen Übersetzung abgeglichen werden. "Und dann kommt der Dramaturg und ändert noch einiges", so der Regisseur, was diesem dann wieder auf den Proben mitgeteilt wird, auf denen auch ein deutsch-persischer Übersetzer anwesend ist. Gespielt wird dann eine mehrsprachige Fassung, bei der man nicht vergessen darf, dass Farsi und Arabisch zwei ziemlich verschiedene Sprachen sind, deren Verwandtschaftsverhältnis Koohestani bestenfalls wie Portugiesisch-Spanisch beschreibt.

Amir Reza Koohestani erzählt Geschichten - und analysiert damit die Politik und die Gesellschaft seiner Heimat Iran.

(Foto: Judith Buss)

Ach, man bräuchte hier in etwa den Platz der "1001 Nacht"-Sammlung. Denn da ist ja noch der Abriss der iranischen Kulturgeschichte, mit dem Beginn des modernen Theaters dort vor mehr als hundert Jahren. Und einem wichtigen Aspekt: der Zensur. Dazu, meint Koohenstani, muss man grundsätzlich eines wissen: Iraner trauen nicht ihrer Regierung. Oder gleich nicht dem ganzen System. Zum Beispiel gibt es in dem Land prozentual die meisten Verkehrsunfälle - Koohestani fährt übrigens auch Auto. Das grundsätzliche Misstrauen führt zu seltsamen Situationen. Tritt etwa ein Iraner für einen palästinensischen Staat ein, wie es der iranische Staat auch tut, dann heißt es gleich: "Du unterstützt die Regierung!" Alles, was die Regierung sagt, würde als Lüge wahrgenommen, auch wenn es die Wahrheit sei.

Nun also die Zensur. Da geht es um Religion und Politik. Die Zensoren jedoch hassen ihren Job, wären lieber Theatermacher, aber, so Koohestani, in Iran könnten gerade mal zehn Regisseure von ihrer Arbeit leben. Doch: In der ersten Hälfte des Jahres 2016 wurden in Teheran 320 verschiedene Theaterproduktionen gezeigt. Ein völliger Irrsinn, der sich, so Koohestani, ganz einfach erklärt: In einem Land ohne Nachtleben geht man ins Theater, wenn man ausgeht. Das Publikum ist jung und zahlt viel Geld dafür, da der Staat die Subventionen der theatralen Gegenwelt abgeschafft hat, mithin die Theater vom Kartenerlös leben und kaum mehr jemand so recht auf die Zensoren hört. Koohestani: "Ich weiß, dass das sehr seltsam klingt, aber in gewisser Weise ist Teheran ein Paradies fürs Theater. Es ist für die Menschen selbstverständlich geworden." Mit dem Ende des Kriegs mit dem Irak explodierte die Theaterszene, allen Zwängen zum Trotz.

Der Fall Meursault - Eine Gegendarstellung, Premiere: Do., 29. September, Kammerspiele