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Theater:Stille mit zu vielen Worten

Es war 92 Jahre spurlos verschwunden - jetzt wurde Ödön von Horváths "Niemand" in Wien uraufgeführt.

Es war ein Schnäppchen: Als im Frühjahr 2015 in Berlin das Typoskript eines bisher unbekannten Stücks von Ödön von Horváth (1901-1938) versteigert wurde, bekam die Wienbibliothek für 11 000 Euro den Zuschlag. Finanziell war das auf jeden Fall ein gutes Geschäft; durch die Tantiemen fließt ein Vielfaches zurück. Wichtiger aber ist der immaterielle Wert: Ein "neues" Werk eines Dramatikers vom Range Horváths ist literatur- und theaterwissenschaftlich allemal eine Sensation.

"Niemand" ist kein Fragment, sondern ein fertiges Stück; Horváth hat es 1924 dem Berliner Verlag Die Schmiede übergeben, der aber offenbar keine Bühne dafür fand. Dass der Verlag ein paar Jahre später Bankrott machte, war mitverantwortlich für das spurlose Verschwinden des Werks. Der Autor hatte auch keinerlei Notizen oder Vorstufen dazu hinterlassen; nur in Traugott Krischkes Horváth-Biografie von 1980 fand sich ein Hinweis darauf: Horváths Bruder Lajos, heißt es da, habe sich noch nach Jahrzehnten an ein "in expressionistischer Manier geschriebenes Stück mit dem Titel ,Niemand'" erinnert. Erstmals aufgetaucht ist es 2006 in einem Antiquariat in Pforzheim, wo es bei einer Auktion für 250 (!) Euro verkauft wurde. Nachdem es dann voriges Jahr nochmals in den Handel gelangt war, fand "Niemand" nun endlich auf die Bühne - mit 92 Jahren Verspätung.

Nicht sein bestes Stück - aber das komplexeste aus seinem Frühwerk

Das Stück ist, nach "Mord in der Mohrengasse", das zweite abendfüllende Drama des Autors, von dem man heute Kenntnis hat. Es handelt sich bei "Niemand" also um ein Frühwerk, an - nur ein paar Jahre später entstandenen - Meisterwerken wie "Geschichten aus dem Wiener Wald" oder "Kasimir und Karoline" darf man es nicht messen. Es sei "bei weitem nicht das beste Stück Horváths", urteilt Klaus Kastberger, Herausgeber der historisch-kritischen Gesamtausgabe, die gerade im Entstehen ist. "Aber es ist das ambivalenteste und komplexeste Stück aus seinem Frühwerk."

Ort der "Tragödie in sieben Bildern" - übrigens das einzige Horváth-Stück, das die Gattungsbezeichnung Tragödie trägt - ist das Treppenhaus einer Zinskaserne. Im Erdgeschoss befinden sich eine Kneipe und der Arbeitsplatz einer Prostituierten, die sich den schönen Künstlernamen Gilda Lamour gegeben hat; in der Dachkammer haust ein notorisch vom Rauswurf bedrohter Musiker; im ersten Stock residiert der verhasste Hausbesitzer und Pfandleiher Fürchtegott Lehmann, der kapitalistisches Scheusal und armer Hund zugleich ist: Die von Geburt an verkrüppelten Beine machen es Lehmann unmöglich, sein Stockwerk ohne fremde Hilfe zu verlassen.

In der Uraufführung von "Niemand" am Wiener Theater in der Josefstadt spielt Publikumsliebling Florian Teichtmeister den Fürchtegott Lehmann. Mit dieser Besetzung möchte Regisseur Herbert Föttinger offenbar Sympathie für den gebrochenen Helden des Stücks erwirken, was nicht ganz gelingen mag: Weder die monströse noch die tragische Seite der Figur werden recht plausibel. Es geht aber auch alles verdammt schnell: Lehmann nimmt in einem plötzlichen Ausbruch von Nächstenliebe eine junge Frau namens Ursula (Gerti Drassl) - eines der vielen gefallenen Mädchen, die in diesem Stück auftreten - bei sich auf, heiratet sie umgehend und muss in der Hochzeitsnacht feststellen, dass sie sich vor ihm ekelt: "Warum hast du das Licht auslöschen wollen?" Am Ende betrügt sie ihn mit seinem verhassten Bruder Kaspar (Raphael von Bargen), und ausgerechnet der herzlose Lehmann stirbt an gebrochenem Herzen.

Von Horvath kürzte so lange, bis nur noch die wirklich nötigen Worte übrigblieben

Der Hinweis von Horváths Bruder auf die "expressionistische Manier" des Werks geht schon in die richtige Richtung; Das Stück ist sozialkritische Milieustudie und nihilistisches Oratorium zugleich. In Zeiten der Inflation sind auch individuelle Schicksale ohne Wert: Wenn eine Kellnerin entlassen oder ein Zuhälter wegen Raubmords verhaftet wird, werden sie umgehend durch Nachfolger ersetzt, die sogar dieselben Namen tragen. Und mit dem titelgebenden "Niemand", der immer wieder angesprochen wird, ist auch Gott gemeint: "Niemand ist gerecht." Verschiedene symbolistisch eingesetzte Motive - etwa ein zerbrochener Krug - ziehen sich überdeutlich durch das Stück, und obwohl die Horváth-typischen Pausen ("Stille", "tiefe Stille") schon hier notiert sind, werden insgesamt zu viele Worte gemacht. Der spätere Horváth war ja ein großer Auslasser; er hat an seinen Dialogen so lang herumgestrichen, bis nur noch die Worte übrig blieben, die wirklich nötig waren - und das waren oft nur sehr wenige. Bei "Niemand" müsste diese Arbeit wahrscheinlich die Regie übernehmen; in Wien aber bleibt die Inszenierung - was bei einer Uraufführung nahe liegt - eng am Text, sogar die Regieanweisungen werden zum Teil mitgesprochen. Die knapp zwei pausenlose Stunden lange Aufführung wirkt deshalb etwas grau und schwerfällig.

Wie viel Potenzial das Stück hat, wird man vielleicht erst im März 2017 sagen können, wenn Dusan David Parizek am Deutschen Theater Berlin die deutsche Erstaufführung von "Niemand" inszeniert. Vorläufig ist es vor allem für Horváth-Fans von Interesse, die darin bereits einiges erkennen können, was diesen Autor später ausmachen wird. Ursula etwa ist eine frühe Vertreterin seiner "Fräuleins", die im Kampf ums Überleben erstaunliche Kräfte entwickeln - und dann meist trotzdem untergehen. Und auch Horváths Faible für leere Sinnsprüche ist in "Niemand" bereits zu erkennen. In einen Verlobungsring etwa, der im Stück eine wichtige Rolle spielt, ist der Satz "Und die Liebe höret nimmer auf" eingraviert. Denselben Spruch wird Horváth später als Motto seinem Oktoberfest-Drama "Kasimir und Karoline" voranstellen. Davon, dass die Liebe nimmer aufhört, kann in keinem der beiden Stücke die Rede sein. Ganz im Gegenteil.