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Theater:Spargel gegen Sexismus

Lilith Stangenberg als Lulu, „das wahre, das wilde, schöne gute Tier“. Im Hintergrund: Waldemar Kobus.

(Foto: Julian Röder)

"Wie das baumelt, oh, wie regst du mich auf": Stefan Pucher kann an der Berliner Volksbühne mit Wedekinds Männerfantasie "Lulu" wenig anfangen.

Am Ende müssen zwei Frauen dieses Desaster der Hilflosigkeit irgendwie retten. Bei dem Desaster handelt es sich um Stefan Puchers Versuch, an der Berliner Volksbühne Frank Wedekinds angstlustbesetzte Männerfantasie der männermordenden, bei allen sexuellen Verausgabungen seltsam unschuldig bleibenden Lulu einer irgendwie feministisch inspirierten Lektüre zu unterziehen. Die beiden Frauen, die Puchers eher bemühte als schlüssige Inszenierung vor dem Absturz bewahren, sind die mit dieser Arbeit an die Volksbühne zurückgekehrte Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg und die als Fremdtextlieferantin bemühte französische Punk-Feministin Virginie Despentes.

Lilith Stangenberg brauchte schon zu Zeiten der alten Castorf-Volksbühne keine Regiekonzepte, um die Weiblichkeitsbilder einer Femme fatale gleichzeitig zu zitieren, mit Grandezza auszukosten und höhnisch zu dekonstruieren. Hier benutzt sie die Rollenvorlage der rätselhaften Lulu, die sich Wedekind zur schaudernden Erbauung des männlichen Publikums als "das wahre, das wilde, schöne gute Tier" ausmalt, um vorzuführen, wie Souveränität und Selbstermächtigungsgesten sich prächtig mit scheinbarer Naivität vertragen: Es reicht, sich nicht dressieren zu lassen, um in der Umgebung der Männer-Salons, Maler-Ateliers und Varietés für die schönsten Irritationen zu sorgen.

Puchers "King Kong Theorie" sieht so aus, dass er Lulu in die Pranke eines Riesenaffen setzt

Wedekinds Stück, das vor gut einem Jahrhundert schon wegen seiner Sexualitäts-Crashs für einen Skandal und Aufführungsverbote gut war, ist im Zeichen der "Me Too"-Debatte ein ergiebiges Untersuchungsobjekt. Schon die erste Szene führt deutlich vor, wie Männer sich ihre Frauenbilder verfertigen, wenn der Maler Schwarz zum schmatzenden Vergnügen des Arztes Goll dessen Frau Lulu porträtiert - zwecks erotischer Signalwirkung bitte mit geöffneten Lippen. Pucher setzt das plakativ, aber wirkungsvoll in der bühnenbildfüllenden Filmprojektion der Lulu mit blonder Perücke fort - der monströs vergrößerte Frauenkörper in schwarz-weiß als Schaureiz (Bühne: Barbara Ehnes, Video: Meika Dresenkamp), die Frau als Bilderrohstoff. Hier kommt Despentes' "King Kong Theorie" ins Spiel, ein Manifest des hedonistischen Feminismus, eine einzige wütende Unabhängigkeitserklärung. Pucher nimmt den Titel wörtlich und setzt im Video Lulu in die Pranke des schmachtenden schwarzen Riesenaffen, sozusagen das andere "wilde, schöne Tier" der nicht domestizierten Triebnatur.

Ansonsten wirken die meist beliebig in die Handlung montierten Despentes-Parolen des weiblichen Begehrens wie eine wohlfeile, etwas opportunistische Rückversicherung. Pucher, bisher eher als Kenner psychedelisch schillernder Bewusstseinszustände und Pop-Fachmann denn als Feminist aufgefallen, scheint sich mit den Despentes-Ausrufesätzen demonstrativ um genderpolitische Korrektheit und gute Haltungsnoten zu bemühen. Interessanter als solche Signale zu setzen, wäre es gewesen, das Stück selbst zur Verwirrung und Dekonstruktion von Geschlechterklischees oder für das Spiel, sie aggressiv auszustellen, zu benutzen. Dazu reicht es schon aufgrund der Überforderung des Ensembles nicht. Die meisten Spieler wirken hilflos und von der Regie im Stich gelassen. Das wird öfter unfreiwillig komisch, etwa wenn sich Jan Bluthardt als Kunstmaler Schwarz im seidenen Morgenmantel in aufgedrehte Exzessposen rettet, in denen das Wort "Scheiße" einen prominenten Platz einnimmt, um sein Künstlerselbstverständnis zu illustrieren: Ein Männchen tobt gegen die Welt. Überhaupt wird gerne gebrüllt, um Intensitäten aller Art zu simulieren. So stellt man sich vermutlich in der Provinz den wilden Volksbühnen-Stil besserer Tage vor. Strafverschärfend muss sich der arme Jan Bluthardt dann auch noch als Bowie-Imitator blamieren. Quälend peinlich ist auch die vermutlich irgendwie anzüglich gemeinte, in Großaufnahme projizierte Szene eines genüsslich schlürfenden Spargelessens - "wie das baumelt, oh, wie regst du mich auf". Was man halt an schlechten Tagen so für einen verruchten Regieeinfall hält.

Einzig Waldemar Kobus als Harvey-Weinstein-Wiedergänger und strippenziehender Chefredakteur Schön, der die minderjährige Lulu einst in der Gosse aufgelesen hat, entwickelt in diesem bedauernswert ausstrahlungsarmen Ensemble Durchschlagskraft und die Fähigkeit, so etwas wie eine interessant zwielichtige Figur toxischer Männlichkeit zu zeigen. Dass er Lulu zu seinem Geschöpf machen will, bekommt ihm nicht gut. Wenn er auf allen Vieren als ein Häufchen Altmännerelend wimmert und Lulu ihn an der Hundeleine abführt, ist das zwar ein etwas greller Comic, aber zumindest eine lustige Rachefantasie und einer der raren Versuche, auf die Stückvorlage zu reagieren, statt sich nur etwas konfus durch sie hindurchzuhangeln.

Aus der "Büchse der Pandora", dem zweiten Teil von Wedekinds Monstertragödie, verwendet Pucher nur den wie einen Prolog an den Anfang gesetzten Lustmord Jack the Rippers an Lulu. Es wirkt angesichts der bedrohlichen Autarkie und sexuellen Enthemmung Lulus wie eine prominent platzierte Warnung, die alle Despentes-Zitate entwertet: Schaut her, das geschieht mit bösen Mädchen. Aber dass Pucher gnädigerweise nur den "Erdgeist"-Teil, also die erste Hälfte des Stücks inszeniert, lässt sich angesichts des zähen Abends leicht verschmerzen - mehr davon war wirklich nicht nötig gewesen.

© SZ vom 04.06.2019
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