bedeckt München

Theater:Sie wollen morgen lieber nicht ins Büro

Auf dem Mond gibt es keine Lohnarbeit

Kurz auf dem Flamingo ausruhen, bevor der Stress weitergeht: die Performer Isabel Neander, Alexandra Martini und Jakob Roth (von links).

(Foto: Dino Osmanović)

Das neue Münchner Kollektiv "Raststättentheater" fragt in einer Performance, warum Arbeit eigentlich so wahnsinnig wichtig sein soll

Von Christiane Lutz

Die Angst vor dem Nicht-Arbeiten, die kennt auch Jakob Roth. Der 30-Jährige wuchs behütet in Haidhausen auf, tobte sich im Jugendclub der Kammerspiele aus und studierte dann Regie an der Ernst-Busch-Schule in Berlin. Er assistierte bei Frank Castorf, Christoph Marthaler, Herbert Fritsch. Er eiferte ihnen nach, bis er feststellte, dass er gar nicht wusste, wozu die Theaterwelt ihn eigentlich brauchte. Ihn, Jakob. Nach dem Studienabschluss war da plötzlich nichts, und er spürte, dass es gesellschaftlich nicht okay war, dass da nichts war.

"Auf dem Mond gibt es keine Lohnarbeit" heißt das erste Stück, dass Jakob Roth nach seiner Rückkehr nach München realisierte - gemeinsam mit der Schauspielerin Alexandra Martini und der Performerin Isabel Neander. Die drei schlossen sich 2018 zum Kollektiv "Raststättentheater" zusammen, mit dem sie künftig in München ein Theater machen wollen, wie es ihnen gefällt. Zuerst bedeutete das eine Auseinandersetzung mit dem westlichen Leistungs- und Arbeitsprinzip. Alle drei kennen den Druck der Arbeitswelt, der sogar auf der Kunst lastet. Und alle drei haben keine Lust, sich dem auszusetzen.

So geht es in "Auf dem Mond gibt es keine Lohnarbeit" vor allem um die Frage, warum der Reflex, ein Leben lang zu arbeiten, eigentlich so ein unhinterfragter ist. In einer 90-minütigen Performance fetzen die drei über den Hof vor dem Import Export. Sie tragen rote Arbeiter-Overalls, ständig will einer ein Loch buddeln, das Loch im Lebenslauf, wie sich später herausstellt, das es unbedingt zu vermeiden gilt. Auf der fiktiven Eröffnungsfeier eines nicht existierenden Freizeitparks sinnieren sie über Arbeit als Motor des Lebens. "Nur was wehgetan hat, verdient Respekt", heißt es an einer Stelle. Selbst Misserfolge oder verplemperte Lebenszeit müssen heutzutage mindestens zu "wertvollen Erfahrungen" umgedeutet werden; für künftige Erfolge, versteht sich. Das Scheitern als ein im Erfolgsplan einkalkulierter Zwischenschritt. Natürlich könne man argumentieren, nur wer es sich leisten kann, denkt überhaupt übers Nicht-Arbeiten nach. Viele Menschen haben keine Wahl, als jeden Tag aufs Neue aufzustehen und einem Job nachzugehen.

Jakob Roth findet die Frage nach dem Stellenwert, den Arbeit in unserer Gesellschaft innehat, dennoch legitim. "Freiwillig nicht arbeiten, das geht bei uns gar nicht", sagt er ein paar Tage vor dem Auftritt in einem Café, dessen Kaffee passenderweise an den einer Raststätte erinnert. "Warum eigentlich nicht?" Er weiß, er würde mehr verdienen, wenn er nach seinem Studium an einem großen Theater untergekommen wäre. Will er aber nicht. Er arbeitet gern als Koch nebenbei, auch die beiden anderen haben Geld-Jobs. Das Theater ist noch ein Nullgeschäft.

Das Raststättentheater will gleichberechtigt arbeiten, sagt Roth, was er betont, um den Eindruck zu vermeiden, da rede wieder nur der Mann. Sie wollen ihre Kompetenzen bündeln, es gibt bei ihnen keinen Regisseur, keinen, der das letzte Wort hat. Für ihre zweite Arbeit "Silicon Delphi" erhielt die Gruppe dann Debütförderung der Stadt München. Das Stück, in dem es um ein Leben nach der Apokalypse, ein Leben nach der Arbeit geht, war im Hoch X zu sehen. Einen festen Spielort haben sie nicht, brauchen sie auch nicht. Weitere Theater-Projekte in München sind geplant, zunächst steht eine Hörspielproduktion an.

Später am Abend werfen die drei Performer Luftkissen ins Publikum, einen Flamingo, ein anderes in Form eine Chipstüte. Während man sehr damit beschäftig ist, sich die recht großen Dinger vom Leib zu halten, darauf zu achten, dass einem keines auf den Kopf hüpft, wird klar: Das Bild drückt ziemlich genau das aus, worum es in der Performance geht. Das ganze Leben ist der Arbeit gewidmet - sogar die Freizeit ist anstrengend.

© SZ vom 30.08.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema