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Theater:Schwimmbad der Kälte

Hexenjagd

Fahrlässiges Pathos: Szene aus Evgeny Titovs Inszenierung.

(Foto: Sebastian Hoppe)

Evgeny Titov inszeniert Arthur Millers "Hexenjagd" am Düsseldorfer Schauspielhaus. Er setzt auf maximales Pathos, doch viele seiner Ideen wirken unausgegoren.

Von Martin Krumbholz

Dass Arthur Millers "Hexenjagd" - die zeitlose Parabel über Massenhysterie und Verfolgung von Minderheiten - noch immer ein spannendes, bühnenwirksames Stück ist, hat man schon gewusst. In der Düsseldorfer Inszenierung des 1980 geborenen russischen Regisseurs Evgeny Titov wirkt das Wirksame ganz besonders. Die Bühne (Christian Schmidt) ist ein leeres Schwimmbad als Metapher der Kälte; die Kostüme (Nicole von Graevenitz) sind in Schwarz-Weiß gehalten. Bei den eifernden und geifernden Geistlichen, Juristen, Exorzisten sind sie hochgeschlossen, während die Mädchen, die überall Personen sehen, die "mit dem Teufel sind", weiße Nachthemden tragen. Blackouts, Donnerschläge als Pausenmusik, danach sorgsam arrangierte Personengruppen. Das alles ist teuflisch gut gemacht.

Mehr noch: Titov baut regelrechte Caravaggio-Effekte in seine Inszenierung ein. Von schräg oben fällt ein Lichtstrahl auf das madonnengleiche Antlitz der Mary Warren (Lieke Hoppe), die hin- und hergerissen ist zwischen Loyalität zu ihren Herrschaften und der Anziehungskraft des Verleumdungsfurors - die ambivalenteste Figur des Stücks. Die irrwitzige Logik, nach der gehenkt wird, wer nicht gesteht, reizt Titov präzise aus. Der Untreuekonflikt zwischen den Eheleuten John und Elizabeth Proctor ist der Motor der Handlung. Plötzlich stürzt eine ausgewachsene Kuh vom Schnürboden auf die Szene. Das Blut tritt in dem Augenblick aus ihrem Leib, als der Exorzist Hale den guten Proctor dabei ertappt, das sechste Gebot - Du sollst nicht ehebrechen - nicht so genau zu kennen.

Was an dieser cleveren Inszenierung ein wenig verstimmt, ist die Tatsache, dass man die Fäden, mit denen das Ganze zusammengenäht ist, zu deutlich sieht. Ein wenig mehr Beiläufigkeit und spielerische Lässigkeit hätte gutgetan. Viele Figuren, auch zentrale wie der Richter Danforth (Florian Lange), wirken eindimensional. Man sieht: Sie haben sich nicht freigespielt, sind in ein eng gespanntes szenisches Korsett geklemmt. Titov strebt das größtmögliche Pathos an, übersieht aber die unfreiwillige Komik. Wenn die verzweifelten Eheleute Proctor im Gefängnis aufeinanderzukriechen, sind ihre Fußfesseln so bemessen, dass die beiden sich nur mit den Fingerspitzen berühren können. Das Pathos der Szene lässt die Schauspieler fast fahrlässig an ihre Grenzen stoßen, nicht nur an die ihres Bewegungsspielraums.

Einige Motive der Inszenierung, etwa das der sexuellen Übergriffigkeit, werden angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt - so etwas wirkt spekulativ und unausgegoren. Andere Setzungen funktionieren nicht. Dass die Verführerin Abigail Williams, eigentlich die treibende Kraft des Stücks, einen Buckel trägt, ist ein allzu extravaganter Einfall; die Schauspielerin (Tabea Bettin) scheint er jedenfalls nicht zu beflügeln. Sie wirkt beinahe gehemmt.

Sehenswert ist der Abend dennoch - und sei's nur weil er beweist, dass Millers Vorlage schlicht nicht totzukriegen ist. Evgeny Titov könnte eines Tages ein richtig guter Regisseur werden, wenn er sich weniger auf Effekte konzentriert und mehr darauf, die Potenziale der Schauspieler zu entwickeln.

© SZ vom 23.06.2017

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