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Tierisches Theater:Arme Wutzen

PR, ausnahmsweise kostenlos zur Verfügung gestellt außerhalb der akt. Spielzeit - nur für den Artikel von Frau Dössel / FEU , 6/21

Die halbe Sau in Thomas Ostermeiers Inszenierung von "Maß für Maß" (2011, mit Jenny König als Isabella) war echt. Sie stammte aus der "Überschuss"-Produktion eines Schlachthofes, wo solche Tiere zu Biodiesel weiterverarbeitet werden.

(Foto: Arno Declair)

Die Sau als Mythos und Metapher. Zum vermehrten Schweineaufkommen auf deutschen Bühnen.

Von Christine Dössel

Das Schwein war in der menschlichen Kultur schon immer das sprichwörtlich arme. In wen fahren die dämonischen Geister, nachdem Jesus sie dem Besessenen am See Genezareth ausgetrieben hat, wovon das Markus-Evangelium erzählt? In eine Herde Schweine, die sodann im See ertrinkt. In wen verwandelt die betörende Circe auf der Insel Aiaia die Männer des Odysseus, wovon Homer in der "Odyssee" erzählt? In eine Horde Schweine, welche erst nach persönlichem Einsatz des Helden zurückverwandelt wird. Und wer muss, mehr als 2000 Jahre später, für die perverse Fleischlust wie auch Fleischeslust in unserer auf Massenschlachtungen und Massentourismus ausgerichteten Zeit herhalten, von der Elfriede Jelinek in ihrem neuen Stück erzählt? Wieder die armen Schweine, Opfer menschlicher Tötungsexzesse und Statthalter für Abnormales auch hier. Obwohl ihnen in diesem Fall wenigstens mal Text eingeräumt wird, vorgetragen in einem "Schweineballett im Chor".

Also geben sie in Jelineks Pandemiestück "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!" ironisch-eloquent Auskunft über ihre eigene Schlachtung und Zubereitung, ihr Schnitzeldasein im Sonderangebot - nicht ohne hämischen Verweis auf die Virusverbreitungsgefahr durch ihre Mörder, die in Koben gepfercht wurden wie sie selbst: "Menschen aus der Fremde, die stecken jetzt dafür Sie an, ätsch!" Jelinek spielt da auf den Corona-Ausbruch unter Leiharbeitern in der Fleischfabrik Tönnies an. Zusammengeführt wird das mit jenem ersten Superspreader-Event, der sich Anfang 2020 in einer österreichischen Après-Ski-Bar ereignete, wo feierwütige Sex-im-Schnee-Touristen die Sau rausließen. Was Jelinek wiederum an die Odysseus-Geschichte mit Circe erinnert, siehe oben.

In Jelineks Pandemiestück "Lärm" in Hamburg schnippelt Eva Mattes als Circe an einem Spanferkelkopf herum

All das wird verwurstet, verbrämt und mit dem Pandemiegeraune der Zeit verkocht zu einem Sud, der in der Uraufführung von Karin Beier am Hamburger Schauspielhaus wie ein giftiger Schlachtkessel brodelt. Mit dem Schwein als Hauptzutat und wichtigster Bildmetapher - sei es in Form von Rüsselmasken, Sauohren, grausamen Schlachtfabrikvideos oder acht an Haken auf der Bühne hängenden Schweinehälften aus Silikon (innen verstärkt mit Holzlatten, PU-Schaum und Watte, wie das Theater auf Nachfrage erklärt). Es gibt aber auch einen echten Schweinskopf auf der Bühne, den bestellt die Requisite immer "frisch" aus einer Hamburger Fleischerei: einen Spanferkelkopf, an dem Eva Mattes als "Circe" herumschnippelt.

Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!"

Schweinskopfmasken und Operationen an der Sau: Szene aus Elfriede Jelineks Stück "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!", uraufgeführt am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

(Foto: Matthias Horn / Schauspielhaus Hamburg)

Das ist aber nur die Spitze des Fleischbergs. Allenthalben sieht man Schweine auf den Bühnen. Und das nicht nur in ihrer menschlich-männlichen Ausformung, von der das Theater seit jeher lebt, sondern tatsächlich in tierischer Gestalt, meist in zersägter Form: als lebensecht nachgebildete Schweinehälften. Ihre Herstellung dürfte um ein Vielfaches teurer sein als das Billigfleisch, das die Deutschen am liebsten kaufen. Dass der Discounter Aldi dieses künftig aus seinen Regalen verbannen will, ist ein Schritt, der wirklich etwas bewegen könnte. Da reibt das Theater sich verdutzt die Augen: Gesellschaftsveränderung - war und ist das nicht seine Sache?

Im Theater hängt das Vieh vorerst noch zeigefingersymbolisch herum. Etwa in der Metzgerei, die sich in Frank Castorfs aktueller Inszenierung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" am Berliner Ensemble im Innengehäuse der vollgepackten Drehbühne befindet. Das viele nackte Fleisch in seiner "Babylon Berlin"-Version nach dem Roman von Erich Kästner hat hier sozusagen eine Keimzelle, genutzt als Hinterzimmer für Triebabfuhr und animalische Lust. Es fehlt auch nicht - bestes Symbol für Castorfs Regiemethode überhaupt - eine Faschiermaschine, in der einmal die Hand einer Frau landet. Alles wird verhackstückt. Der Mensch ist dem anderen ein Wolf - und das Castorf-Theater ein Fleischwolf.

Schwein hat auch Julia Hölscher in ihrer Uraufführung von Anja Hillings Stück "Teile (Hartes Brot)" im Münchner Marstalltheater. Bei ihr trägt eine rebellische Frau namens Lumir eine halbe Plastiksau als Stola um den Hals, als sei es der letzte Theatermodenschrei. Und tatsächlich kann sie damit den Glühbirnenfabrikanten Turelure, den sie in seinem "Tempel" aufsucht, bezirzen. Dieser neokolonialistische Phosphatminenbesitzer, der sich gottgleich "Lord" nennt, macht sich alsbald begierig metzgernd an dem Tier zu schaffen, zieht ihm die Gedärme raus, liebkost den Kadaver. Typisch Großkapitalist.

Spätestens seit Brechts "Heiliger Johanna der Schlachthöfe" wird mit Schweinen auch der Kapitalismus vorgeführt

Eine ziemlich abgehangene Metapher, die dem Theater offenbar nicht auszutreiben ist. Spätestens seit Bertolt Brechts Stück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von 1931, das zur Zeit der Weltwirtschaftskrise im Arbeitermilieu der Schlachthöfe von Chicago spielt, ist das geschlachtete, industriell verwertete, an der Börse gehandelte Borstenvieh der Fleisch gewordene Inbegriff kapitalistischer Ausbeutung und Gier. Ein Insigne für den westlichen Kapitalismus, ähnlich wie die dicke Zigarre. Nur lassen sich mit Säuen viel drastischere, plastischere, sexuell aufgeladene Bilder produzieren. Was hingen seither nicht blutige Schweinskadaver auf Bühnen herum!

In Thomas Ostermeiers Shakespeare-Inszenierung "Maß für Maß", die 2011 bei den Salzburger Festspielen herauskam, bevor sie an die Berliner Schaubühne ging, baumelte jedes Mal eine echte, frisch geschlachtete halbe Sau an einem monströsen Kronleuchter. Sie stammte aus der "Überschuss"-Produktion eines Schlachthofes (Tiere die, wenn sie nicht verkauft wurden, zu Biodiesel verarbeitet werden), war Punchingball für allerhand Sauereien und wurde schließlich mit einer Elektrosäge geköpft. Nicht gerade ein subtiles Bild für den im Stück geschilderten Augiasstall und die drohende Todesstrafe für den Angeklagten Claudio. Es gab Klagen von Tierschützern. Heute, sagt Ostermeier, würde er kein echtes Schwein mehr verwenden: "Weil ich ein Einsehen habe in die Würde der toten Tiere." Damals habe er mit dem tropfenden Fleisch "ein konkretes Bild von Vergänglichkeit" auf die Bühne bringen wollen. Es war natürlich auch (aber das sagt er nicht) ein Knalleffekt.

Alles wird verwurstet im Theater-Fleischwolf: Marc Hosemann und Margarita Breitkreiz in Frank Castorfs Inszenierung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" am Berliner Ensemble.

(Foto: Matthias Horn)

Ostermeier kommt beim Gespräch über das Interesse des Theaters am geschlachteten Paarhufer weniger Brecht als Rainer Werner Fassbinder in den Sinn. Dessen Schlachthofsequenz in dem Film "In einem Jahr mit 13 Monden" (1978) mit kühl montierten Bildern von jämmerlich verendenden Tieren habe er als "most shocking" empfunden. Er hält sie für eine der "eindrücklichsten Szenen der Filmgeschichte", das gehe bestimmt vielen Kollegen so.

Welcher Regisseur möchte das nicht: bleibende, kathartische Bilder schaffen, die den Menschen unter die Haut fahren, sie aufrütteln, berühren. Womöglich auch bewusst schockieren. Warum nicht? Fragt sich nur, mit welchen Mitteln. Als Martin Kušej 2010 in seiner Münchner Operninszenierung "Rusalka" als Zeichen der geschundenen Kreatur jedes Mal ein frisch geschlachtetes Reh ausweiden lassen wollte, war der Aufschrei so groß, dass das Vorhaben unterbunden wurde. Bambi musste nicht für die Oper sterben, es genügten dann auch Reproduktionen. 1969 ließ der Wiener Aktionskünstler Otto Muehl in der Kunsthochschule Braunschweig noch vor Publikum ein Schwein mit der Axt schlachten, und dann verschmierte er das Blut mit Exkrementen über eine nackte Frau.

Tiere und Kinder haben nichts auf der Bühne verloren, sagt eine alte Theaterregel

Tiere töten namens der Kunst, das geht heute gar nicht mehr. Aber auch lebende Tiere - und Kinder! - haben nichts auf der Bühne verloren, so sagt es zumindest eine alte Regel des sich im 19. Jahrhundert vom Zirkus abgrenzenden "Kulturtheaters". Zu unberechenbar seien sie, zu gefährlich - auch dahingehend, dass sie den Schauspielern allzu oft die Schau stehlen. Aber wer hält sich schon dran.

Wenn Vierbeiner trotz inzwischen strenger Tierschutzauflagen als Vertreter der Natur Gastauftritte in der Kultur haben, rührt das an das Kind - und das Tier - in uns allen. Meistens mit bleibendem Eindruck. Man denke an die Hühner in Peter Steins "Zerbrochnem Krug" (2008), den Taubenstall in Alvis Hermanis' "Wassa" (2012), das Kamel in Castorfs "Judith" (2016), das schwarze Pferd in Romeo Castelluccis Salzburger "Salome" (2018). Nicht zu vergessen die Schweine, die 2013 in Johan Simons' rustikalem "Lear" in den Münchner Kammerspielen als Dorf-Statisterie herhalten mussten. Oder deren drei Artgenossen, zu denen 2016 im Münchner Marstall (der kein Stall ist) der Schauspieler Philip Dechamps in den Koben kroch: völlig nackt und auf allen vieren, in Verbrüderung mit den Tieren. Gespielt wurde Pier Paolo Pasolinis satirische, 1969 als Film herausgekommene Nachkriegspolitparabel "Der Schweinestall", in der der unangepasste Julian am Ende von den Allesfressern verspeist wird. Soll heißen: vom Schweinesystem geschluckt.

Sind in der Gegenwartsdramatik zuletzt erfreulich viele Tiere zu Titelhelden geworden, etwa in Marius von Mayenburgs "Die Affen" oder in Caren Jeß' Fabel "Bookpink" (in der eine ganze Schar sprechender Vögel auftritt), bleiben die Schweine die Stellvertreterfiguren für menschliche Sauereien. Die, in die seit jeher die Dämonen fahren. Nutztiere auch in diesem Sinn.

In dem Stück "Oinkonomy", das die Lyrikerin Nora Gomringer im vergangenen Jahr ganz schnell und keck für das Theater in Gütersloh geschrieben hat - wo gleich um die Ecke die Fleischfabrik Tönnies ihren Sitz hat -, kommt wieder die alte Insel-Zauberin Circe zum Auftritt. Bei Gomringer betreibt sie mit ihrem Sohn ein Fleischimperium und verwurstet Touristen. Griechischer Mythos goes Billiglohn-Business. Auch die Schweine, die kein Schwein haben, kommen gelegentlich zu Wort, es ist fast wie bei Jelinek. Nur sind die Witze kalauer- und umschweifloser: Was ist der Unterschied zwischen Männern und Schweinen? - "Schweine verwandeln sich nicht in Männer, wenn sie betrunken sind." Arme Wutzen, ewiglich menschlich besetzt.

© SZ/RJB
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