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Internationale Schillertage Mannheim:Genug gelitten

In dieser Inszenierung landet Johanna (Annemarie Brüntjen) nur symbolisch auf dem Scheiterhaufen.

(Foto: Natalia Mleczak)

Ewelina Marciniak schält in Mannheim "Die Jungfrau von Orleans" aus den Klischees der Hure und Heiligen.

Von Christiane Lutz

Schmerzvoll hat sie den Blick nach oben gewandt. Tränen rinnen über die Wangen, wie entrückt krümmen sich die Augenbrauen. Eine Engelsfrau, die da gerade unschuldig auf dem Scheiterhaufen ihr Leben aushaucht. So sieht Maria Falconetti aus in Carl Theodor Dreyers Stummfilm "Die Passion der Jungfrau von Orléans" von 1928. Bis zur Erschöpfung hätte die Schauspielerin auf einem Steinboden knien müssen, heißt es, bis Dreyer mit ihrem Gesichtsausdruck zufrieden war. Eine französische Nationalheldin im patriarchal sexistischen Klammergriff. Unzählige Male haben Männer Frauen so gedeutet, erniedrigt, inszeniert und nach ihrem Belieben geformt. Heilige, Hure, Jungfrau Maria, Maria Magdalena. So unfassbar misogyn das Klischee, so hartnäckig hielt und hält es sich.

Deshalb kann diese Mannheimer Johanna von Orleans auch nicht einfach weitermachen. So erzählt Schauspielerin Annemarie Brüntjen auf der Bühne von Maria Falconetti, die, wie sie jetzt, diese Rolle spielen und einem völlig abstrusen Image entsprechen musste. Da hat Brüntjen ihr Blümchenkleid schon gegen einen schimmernden Rüstungsanzug getauscht und bereits einige Kämpfe hinter sich. "Schau mich an! Wer bin ich?", fragt sie. Ja, wer ist Johanna eigentlich? Und wer bestimmt das?

Es ist ein entschlossen feministischer Zugriff, den Regisseurin Ewelina Marciniak und Autorin Joanna Bednarczyk bei ihrer digitalen "Die Jungfrau von Orleans" wählen, und er geht auf in einer optisch wunderbar anzusehenden, klugen Inszenierung. Ein guter Start für die 21. Internationalen Schillertage am Nationaltheater Mannheim, bei denen es bis 27. Juni Theater und Veranstaltungen zu sehen gibt, teils analog, viel digital.

Die Frauen sind die Starken, die Männer eher lächerlich, die Engländer sowieso

Marciniak will eine vielstimmigere Johanna herausschälen aus dem geradezu fetischisierenden Image der Heiligen, die mit den Franzosen gegen die Engländer kämpfte. Ein Image, an dem auch Schiller herumdokterte. Etwa, indem er sie nicht historisch korrekt auf dem Scheiterhaufen verenden, sondern edel auf dem Schlachtfeld das Haupt senken lässt. Während die erste Szene zwischen Johanna und ihrem Vater (Boris Koneczny) zum Thema "Warum du dringend heiraten musst" noch Schillers Drama folgt, löst sich die Inszenierung immer mehr davon hin zu einem Nachdenken über den Mythos und die Rolle der Frau, historisch und auf der Bühne.

Agnes Sorel etwa, die als dumm abgetane Geliebte des Königs Karl, (umwerfend gespielt von Vassilissa Reznikoff) versteht durchaus, dass sie ausgenutzt wird. Ragna Pitoll ist eine beeindruckend coole Raimunde, die am Ende aus der Rolle fällt und erzählt, wie sie einst Johanna spielte und sich auf der Bühne verliebte, was der Regisseur gar nicht toll fand. Die Frauen sind die Starken, die Männer eher lächerlich, die Engländer sowieso.

Dass das Ganze nicht wie mit dem feministischen Holzhammer gezimmert wirkt, liegt neben dem guten Kameraeinsatz (Yanki Film) auch an den zur Selbstironie fähigen Männern und an der Leichtigkeit, mit der Marciniak alle über die weitläufige Bühne mit Couchlandschaft und Wasserbecken jagt. In zwei kraftvollen Choreografien (Dominika Knapik) spielen sie mal Krieg, dann Sex. Genau, Johanna bleibt keine Jungfrau. Auch so eine Frage, die vor allem Männer über die Jahrhunderte beschäftigt hat.

© SZ
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Kurator Thomas Oberender

Thomas Oberender
:Verbündeter der Kunst

Der vorzeitige Weggang des Intendanten der Berliner Festspiele überrascht. Nach einem Zerwürfnis klingt das aber nicht. Eher nach dem persönlichen Aufbruch eines Intellektuellen, der mehr ist als ein Manager.

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