Theater Rückkehr nach Reims

(Foto: Arno Declair/Schaubühne)

Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" wird in Berlin mit Nina Hoss auf die Bühne gebracht.

Von Peter Laudenbach

Das Timing der Premiere war gespenstisch perfekt. Während am vergangenen Wahlsonntag die AfD ihren Einzug in den Bundestag feierte, konnte man an der Berliner Schaubühne den ratlosen, eindringlichen, wütenden Versuch einer Ursachenforschung sehen. Thomas Ostermeier hat Didier Eribons autobiografischen Essay "Rückkehr nach Reims" inszeniert. Die Befreiung des Pariser Intellektuellen vom Milieu seiner Herkunft wirkt hier paradigmatisch für das Desinteresse der akademischen Kulturlinken, etwa des Schaubühnenpublikums, an den Deklassierten. Jetzt wundert sich dieses Juste Milieu, weshalb die materiell und kulturell Abgehängten wie Eribons proletarische Familie, die früher immer Kommunisten gewählt haben, seit Jahren Le Pen stark machen.

Ostermeier findet für den Essay eine kluge Übersetzung. In einem in die Jahre gekommenen Tonstudio soll ein Dokumentarfilm über Eribons Buch vertont werden. Seine Selbstkritik am avancierten Kulturmilieu findet schließlich vor allem innerhalb dieses Milieus statt. Infolgedessen führt es vor allem zu neuen Büchern, Theoriedebatten, Theateraufführungen und Filmen samt der damit verbundenen Hoffnung der Beteiligten auf so zu erzielende Distinktionsgewinne. Entsprechend kulturbetriebsopportunistisch tritt der etwas teigige Regisseur des kritischen Dokumentarfilms auf (Hans-Jochen Wagner). Natürlich ist er darin geübt, die berühmte Schauspielerin, die die Tonspur einspricht, mit Komplimenten einzudecken, schon um lästige Diskussionen im Keim zu ersticken. Die berühmte, politisch interessierte Schauspielerin wird von der berühmten, politisch interessierten Nina Hoss gespielt. Zuerst ist sie vor allem die Tonspur-Fachkraft, die sich konzentriert durch ihren Text arbeitet. Dazu sieht man Filmaufnahmen einer Reise in die Hochhaussiedlungs-Tristesse eines Unterschicht-Frankreichs, das seinen proletarischen Stolz verloren hat. Für den Film ist Didier Eribon gemeinsam mit Ostermeier und dem Dokumentarfilmer Sébastien Dupouey noch einmal nach Reims gefahren, etwas hilflos und anrührend bescheiden sitzt er im Wohnzimmer seiner Mutter. Eribons Überlegungen zum Verrat der Linken an der Arbeiterklasse unterlegt Ostermeier höhnisch mit Aufnahmen Joschka Fischers oder des Agenda-Kanzlers Schröder, eine Polemik, die Eribons skrupulöse Selbstbefragung aggressiv vergröbert. Berührend ist, wie Hoss diese Abrechnungsebene verlässt und von ihrem eigenen Vater spricht, dem Kommunisten Willi Hoss, ein beeindruckend aufrechter Mensch, der es nie nötig hatte, sein Ego mit Brioni-Anzügen und anderen Zeichen des sozialen Aufstiegs zu panzern.