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Theater-Regisseurin Anna Bergmann:Zwischen Marktwirtschaft und Kreativität

SZ: Wie wichtig ist Networking?

Bergmann: Sehr wichtig. Ich bin schlecht darin, aber ich versuche es. Ich habe mich bei Facebook angemeldet, hänge aber nicht auf Premierenfeiern rum und schreibe keine Bewerbungsbriefe. Ich habe so viel inszeniert; wer sich wirklich interessiert, kann sich Arbeiten angucken. Denn ich wünsche mir, und das ist die Quintessenz allen künstlerischen Schaffens, dass man gemeint ist. Doch das ist ganz oft nicht der Fall.

SZ: Wie meinen Sie das?

Bergmann: Oft lernen einen die Intendanten, die einen engagieren, doch gar nicht kennen. So ein Gespräch über Ideale und Interessen, wie wir es hier jetzt führen, das findet mit einer Theaterleitung selten bis nie statt.

SZ: Wie läuft die Akquise ab?

Bergmann: Da heißt es einfach: Wir haben die und die Inszenierung von Ihnen gesehen. Hätten Sie Lust, bei uns etwas zu machen? Punkt.

SZ: Und dann?

Bergmann: Dann sage ich: Ja, rufen Sie Herrn Stromberg an, der verhandelt das. Welches Stück, überlege ich mir. Termine klären. Fertig. Oder zuletzt am Gorki Theater: Die haben mir die Uraufführung von Juliane Kanns "Fieber" angetragen, es geht um Wittenberge, das ist wie meine Heimat Stendal, Ostdeutschland, da dachten die sich: Okay, fragen wir mal die Anna. Es lief rein über persönliche Kontakte. Armin Petras, der Chef vom Gorki, hätte sich nie eine Inszenierung von mir angeguckt. Er hat von mir "Lulu" auf Video gesehen, und das wahrscheinlich auch noch mit Vorspultaste. Das können Sie ruhig schreiben.

SZ: Wie schwierig ist es, seinen Idealismus im Alltag zu bewahren?

Bergmann: Schwer. Es gibt eine Reihe von Regisseuren, die nicht zwingend wegen der Kunst Theater machen, sondern auch, weil sie damit eine Stange Geld verdienen und sich eine Villa kaufen können. Für die Künstler geht es immer stärker darum, sich zu profilieren. Und die Theater müssen "funktionieren".

SZ: Sie kritisieren, dass sich die Bühnen dem Erfolgsdruck beugen. Aber Sie selbst engagierten doch auch bei "Menschen im Hotel" in Bochum Peter Lohmeyer als populären Gast.

Bergmann: Ja, das ist eine Folge dieses Erfolgsdrucks. Aber Peter Lohmeyer ist auch ein sehr charismatischer Schauspieler und im Ruhrgebiet eine Lokalgröße, die Menschen lieben ihn, sie kennen ihn aus dem Kino, er ist Ehrenmitglied im Schalke-Fanclub. In einer Vorstellung saß der komplette Fanclub und skandierte: "Peee-ter Lohmeyer!" Die waren zum ersten Mal im Theater, das fand ich toll. Auch Anselm Weber wird als neuer Intendant Armin Rohde oder Dietmar Bär nach Bochum holen.

SZ: Viele erfolgreiche Regisseure bringen ihre Lieblingsschauspieler mit. Aber ist das nicht auch Idealismus: mit dem Ensemble arbeiten?

Bergmann: Die Entwicklung ist zwiespältig. Positiv ist, dass man mit Schauspielern, die man mitbringt, eine Arbeitsbeziehung weiterentwickeln kann, und wenn mir jemand blind vertraut, spornt das die anderen mit an. Wenn man allerdings ausschließlich mit Gästen arbeitet, kommt ein Ensemble nicht zum Tragen. Grundsätzlich glaube ich an die Kraft, die entsteht, wenn sich Leute an diesem Ort zusammengetan haben, um gemeinsam Theater zu machen.

SZ: Was müsste sich ändern?

Bergmann: Zu viele Leute, die praktisch keine Ahnung von Theater haben, treffen zu viele wichtige Entscheidungen. Es wird zu viel geplant, durchgerechnet, strategisch ausbalanciert. Es bräuchte mehr Anarchie, mehr Sich-zur-Disposition-Stellen. Wenn nur noch Finanzbosse und Verwaltungsexperten die Häuser führen statt Künstler, wird das Theater langweilig und berechenbar.

SZ: Der Wettstreit von Marktwirtschaft und Kreativität.

Bergmann: Das ist es, worum das deutsche Theater gerade kreist. Ich kann nur hoffen, dass die Kreativen gewinnen.

SZ: Sie klingen wie eine aus der Großelterngeneration: Früher war alles besser.

Bergmann: Früher gab es jedenfalls weniger Leute, die "Künstler" werden wollten, weil es Mode ist. Es gab weniger Regieschulen, die ständig Nachwuchs liefern, dem man sagen kann: Du, mach mal für 4000 Euro diese Inszenierung. Es gab nicht den permanenten Drang nach Uraufführungen: Junge Regisseure, macht das bitte, das bringt uns Publikum und Presse. Und es gab dieses Ethos von Leuten wie Klaus Michael Grüber, der sagte: Ich bin ein großer Romantiker, ich stehe dazu, und wenn ihr mich hier nicht sehen wollt, gehe ich ins Ausland.

© SZ vom 03.09.2010/ls/rus

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