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Theater:Rache für Anna Karenina!

Gorki Theater Berlin

Anna Karenina (Lea Draeger) und ihr gefühlskalter - und deshalb Pelz tragender - Mann (Till Wonka).

(Foto: Ute Langkafel/MAIFOTO)

Revolution statt Seelenergießungen: Der Regisseur Oliver Frljić kreuzt am Berliner Gorki-Theater Tolstoi mit Dostojewski.

In den großen Ehebruchsromanen des 19. Jahrhunderts ist wie in der Oper der Zeit das Frauenopfer obligatorisch. Am Ende bezahlen Effi Briest, Madame Bovary oder Anna Karenina ihre Liebe und den Ausbruch aus dem Ehe- und Konventionsgefängnis zur Erbauung des Publikums mit ihrem Leben. Oliver Frljić, ein genauer Leser, dreht das im Finale seiner "Anna Karenina"-Inszenierung am Berliner Maxim-Gorki-Theater aggressiv um. Es ist eine zweifache Umkehrung, denn für die individuellen Seelenergießungen der Oberschichtdamen des Zarenreichs findet die Inszenierung eine kollektiv-bolschewistische Antwort. Vor einem großen Lenin-Porträt im Hintergrund und angeführt von einer revolutionären Proletarierin (Anastasia Gubareva) erschießen die Upperclass-Luxusgeschöpfe ihre nackten Liebhaber und Ehemänner in einem Akt ausgleichender Ungerechtigkeit - Rache für Anna Karenina! Das wird, wie es sich am Gorki-Theater gehört, veredelt mit einem martialischen Heiner-Müller-Zitat, nach dem das Morden im Dienst der Revolution eine Arbeit wie jede andere sei.

Der revolutionäre Terror kommt nicht ohne Druck in Gang. Die Proletarierin, offenbar keine Anhängerin der marxistischen Doktrin, neben der Klassenfrage sei die Frauenfrage nur ein "Nebenwiderspruch", stellt die vornehmen Damen vor die Alternative, entweder ihrer Klasse und ihren Gatten treu zu sein, oder Frauensolidarität etwas radikaler zu definieren: "Ich weiß nicht, ob ich euch töten oder euch Waffen geben soll, damit wir die Männer töten." So verbindet sich das aberwitzige Pop-Männermord-Manifest von Valerie Solanas ("Gesellschaft zur Vernichtung der Männer") aus den 1970er-Jahren zwanglos mit den Schriften der kommunistischen Radikalfeministin Alexandra Kollontai aus den 1920er-Jahren, letztere zitiert Frljićs Inszenierung. Aber weil das Gorki-Theater die Kunst der gekonnten Verwirrung plumper Eineindeutigkeiten zur Perfektion gebracht hat, wird natürlich auch diese blutige Revolutionsfantasie mehrfach gebrochen und ironisiert, etwa, indem ausgerechnet der verwöhnte kleine, pausbäckige Sohn Kareninas auf einer Spieluhr leise die "Internationale" spielt. Der unschuldige Knabe aus der Bourgeoisie als ahnungsloser Vorbote des kommenden Aufruhrs.

Die Inszenierung nimmt viel Anlauf zu diesem Ideologie-Trash im Finale der Grausamkeit. In den ersten zwei Stunden arbeitet sich Frljić brav durch die Höhepunkte des Tolstoi-Romans. Die Bühne (Igor Pauška) zieren die Eisenbahnschienen, auf denen Anna Karenina (Lea Draeger) ihren Tod suchen wird. Auf den Schienen kreuzen Loren die Spielfläche, die auf kleinen Bühnen der Intimität ein Bett, die Möbel eines Salons oder als Tableaux vivants die Romanfiguren ausstellen. Wie im Historienschinkenkino sorgt Kostümpracht aus dem Fundus (Kostüme: Sandra Dekanić) für Patina. Auch für plakative Zeichen ist sich die Ausstattung nicht zu schade. Die Reichen sind in Gold wie in Panzer gewandet, der Gatte Anna Kareninas (Till Wonka) schützt sich vor der eigenen Seelenverkühlung mit einem dickem Pelz.

Der Spielstil des Ensembles ist derbe - das sorgt für unfreiwillige Komik

Dass das Gorki-Ensemble eher auf Volkstheater-Direktheit als auf die feineren Salontöne gestimmt ist, sorgt für unfreiwillige Komik, etwa wenn ausgerechnet der elegante Verführer Wronski von Taner Sahintürk als gutmütiger Bauerntrampel gespielt wird. Die Liebesgeschichte zwischen ihm und Anna Karenina ist eher ein schnell skizzierter Comic als ein fein orchestriertes Einfühlungsangebot. Andererseits ist dieser derbe Spielstil angesichts der kultivierten Überverfeinerung der ausbeutenden Klasse auch ein hübscher Akt der Subversion. Falilou Seck spielt Stiwa Oblonski als gemütlichen Lebemann, der spielfreudige Jonas Dassler tanzt als Schlittschuhläufer Lewin lustig auf Eisbrocken über die Schienen. Eher mechanisch sorgen die einmontierten Passagen aus Dostojewskis Roman "Arme Leute" für den Kontrast einer verzweifelten Liebesgeschichte in der russischen Elendsschicht, neben der Anna Kareninas Seelenqualen wie privilegierte Stoßseufzer wirken, Luxusleid der ein Prozent der Superreichen. Die mit dem Brecht-Gedicht "Oh Falladah, die du hangest" eingeführte Metapher des Pferdes als leidender, ausgebeuteter Kreatur wird fortgesetzt, wenn die Proletarierfiguren von den eben noch so feinfühligen Tolstoi-Saloninsassen wie Tiere am Seil geführt werden - so viel Haudrauf-Agitprop muss schon sein.