Theater Quatsch mit Schmerz

Die schönste aller Preisverleihungen, der letzte Vorhang an der Volksbühne und die Zukunft einer Kunstform: vom Auftakt des Berliner Theatertreffens.

Von Christine Dössel

Ob ihm wirklich das Wasser im Auge zusammenläuft? Herbert Fritsch ist jedenfalls gerührt, um nicht zu sagen: "umgerührt". Was er mit Grinsen zu überspielen versucht, damit's "nicht peinlich" wird. "Aber", fügt der Geehrte sogleich hinzu, "Peinlichkeit ist ja mein Geschäft." Herbert Fritsch, der Meisterregisseur eines akrobatischen, hochgrotesken Körperkomiktheaters, erhält im Haus der Berliner Festspiele den mit 20 000 Euro dotierten Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung, und das ist eine ebenso lustige wie traurige Veranstaltung.

Lustig, weil an die 30 Fritsch-Schauspieler von überall gekommen sind, um in skurriler Rollenkostüm-Aufmachung mit Nummerneinlagen dem 66-Jährigen ihre Aufwartung zu machen - darunter Schauspielerkaliber wie Wolfram Koch, Sebastian Blomberg, Corinna Harfouch oder das süffisante Reifrock-Rokoko-Duo Bettina Stucky und Josef Ostendorf. Herrlich, wie sie reihum den Text der Jurybegründung in Sätze zerpflücken, um daraus Scherze zu gewinnen! Ingo Günther, Fritschs kongenialer Bühnenmusiker, gibt im enganliegenden roten Schlauchkleid der "Frau Dirigentin" den Ton an, wenn sich jeder der würdigungswilligen Fritschianer auf seine je eigene Weise mit einem "Herbert!"-Ruf verbeugt. Oder auch "Härbert". Oder "Herr Bert".

Etwas Trauriges umweht diese schöne Preisverleihung zu Beginn des 54. Berliner Theatertreffens deshalb, weil sie auch einen Abschied markiert: von der Ära Frank Castorf an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo Fritschs Slapstick-Ästhetik des höheren Unsinns gedeihen konnte und fast all diese wunderbaren Schauspieler beheimatet waren. Im August übernimmt Chris Dercon das Theater, weshalb an der Volksbühne derzeit unter viel Trubel lauter letzte Vorstellungen (ab)gespielt werden. Es gibt einen enormen Ansturm auf die Karten für Castorfs "Faust" und all die anderen Inszenierungen, die demnächst im Schredder landen werden.

"Pfusch" zum Beispiel, die hochnotkomische wie tieftraurige Abschiedsinszenierung, mit der Herbert Fritsch nun zum Theatertreffen geladen ist - es ist seine siebte Einladung zu dieser Besten-Schau des deutschsprachigen Theaters. Eine Aufführung, die dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer nach eigenem Bekunden besonders naheging. Als sich am Ende der Aufführung der eiserne Vorhang schloss, habe er das Gefühl gehabt, als schließe sich auch "ein Stahlreifen um meine Brust". Lederer, der Fritsch den Berliner Theaterpreis mit einer besonders herzlichen Umarmung übergab, machte aus seinem Vorbehalt gegenüber der neuen Volksbühnen-Leitung keinen Hehl. Es drohe so manches verschüttzugehen. Und auch Fritsch gibt seiner Bitterkeit Ausdruck über das, was da nach 25 Jahren zu Ende geht, wobei er sich scharf gegen den Ausdruck "Rentner-Avantgarde" verwehrt, mit dem die alte Volksbühnen-Mannschaft von manchen nun abgetan werde.

Frank Castorf hingegen streifte in seiner Laudatio das Ende seiner Intendanz mit keinem Wort, sondern mäanderte frei assoziierend und nölig, wie es seine Art ist (aber inzwischen auch etwas altersweise, was ihm gut steht), durch seine lange Arbeitsbeziehung mit Fritsch. Sie begann 1989 bei Lessings "Miss Sara Sampson" in München, als Fritsch noch Schauspieler war, und zwar einer der extremen Kamikaze-Art. Lustig, dass Castorf neben Descartes, Spinoza und dem unerlässlichen Dostojewski auch auf den Volkskomiker Willy Millowitsch kam. Dieser nämlich sei es, der sie beide, also Castorf und Fritsch und irgendwie auch die Commedia dell'Arte, verbinde: "diese Form der Schamlosigkeit: an die Rampe gehen und Quatsch machen. Quatsch machen, dass es schmerzt".

Beim Theatertreffen lassen sie sich dieser Tage fast alle mal blicken, die Schauspieler des Castorf-Theaters. Es ist, als suchten sie im Abschiedsschmerz die Gemeinschaft, die Nähe Gleichgesinnter oder vielleicht das, was Claus Peymann mit dem Wort "Aufmerksamkeitspräsenz" benennt. Diese demonstriert der Noch-Intendant des Berliner Ensembles Abend für Abend an einem kleinen Bücherstand, den er vor dem Festspielhaus oder anderen Spielorten des Theatertreffens aufbaut, um für sich selbst und seine BE-Abschiedsbücher zu werben, drei Bände sind es inzwischen. Es schaut ein bisschen traurig aus, wie der bald Achtzigjährige im schweren, schwarzen Mantel auf einem Klappstuhl vor seinem Lebenswerk sitzt, ein bisschen nach Flohmarkt und Ausverkauf. Aber Peymann ist ja tatsächlich traurig. Auch ihn quält der Abschiedsschmerz. Im Herbst startet Oliver Reese als neuer Intendant am BE, und dass dieser die Peymann-Schauspieler nicht übernimmt, kreidet er seinem Nachfolger schwer an. Peymann ist sich sicher: Reese wird das BE "ruinieren".

So ist dieses Theatertreffen von einer gewissen Endzeit- oder sagen wir: Umbruchstimmung gerahmt. "Die diesjährige Auswahl zeigt Tableaus des Übergangs", befand Thomas Oberender, der Leiter der Berliner Festspiele, in seiner Eröffnungsrede. Diese reichten mit der Leipziger Inszenierung "89/90" von Claudia Bauer (nach dem Roman des SZ-Kulturkorrespondenten Peter Richter) zurück bis in die Zeit der deutschen Wende. Und nun, mit dem Abschied von Castorf und Peymann, werde auch "so etwas wie eine Nachwendeordnung des Berliner Theaterlebens" verschwinden.

Das Theatertreffen bilde solche Übergänge ab, es habe "keine Coca-Cola-Formel" als Rezept: "Es geht um die Zukunft der Kunstform Theater, um Inspiration, Austausch, neue Sichtweisen." Auch dass das zurückliegende Theaterjahr von lebhaften Debatten geprägt war (von der "Stadttheaterdebatte" rund um die Münchner Kammerspiele über die Debatte um das Intendantenmodell bis hin zu Ensemble-Protesten und Fragen der Gagen-Gerechtigkeit und Mitbestimmung), soll sich beim Theatertreffen niederschlagen, in Diskussionsrunden und Nebenreihen.

In einem viertägigen Festival im Festival sollen unter dem Titel "Shifting Perspectives" auch jene Prozesse abgebildet und Begegnungen ermöglicht werden, die das Theater immer wieder zu einem Labor für neuen Formen machen - mit Formaten wie Research-Lectures, Sound-Installationen, interdisziplinären Performances und Tanz. Schon in der diesjährigen Jury-Auswahl der zehn "bemerkenswertesten" Inszenierungen mit Regiearbeiten von Milo Rau, Ersan Mondtag, Thom Luz oder der Gruppe Forced Entertainment zeigt sich so eine veränderte Perspektive. "Es gibt einen Mut zu neuen Formen", konstatiert die Leiterin des Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer. Das Theater reagiere immer stärker auf benachbarte Künste und digitale Welten, es werde dadurch, vielschichtiger, offener, durchlässiger.

Schön. Wie heißt es in Kay Voges' ebenfalls nach Berlin eingeladenem Multimedia-Spektakel "Die Borderline Prozession" aus Dortmund: "Enjoy complexity!" Die Vielfalt genießen. Das Theatertreffen weist in diesem Jahr aber nicht nur mehr Formenkomplexität auf, es hat auch mehr Pech als sonst. Gleich zwei der nominierten Produktionen können nicht in Berlin gezeigt werden. Bei Ulrich Rasches monströsem Gesamtkunstwerk "Die Räuber" vom Münchner Residenztheater hat dies dispositorische Gründe: Für die gigantische Laufband-Maschinerie des Bühnenbilds wäre nur die Volksbühne infrage gekommen, die dafür, inklusive Einrichtungszeit, zehn Tage hätte schließen müssen - und das mitten im Castorf-Endzeit-Vollauslastungs-Hype! Also wurden die Münchner "Räuber" von 3sat aufgezeichnet und werden am Ende des Festivals auf großer Video-Leinwand vorgeführt. Dass nun wegen einer Operation des Hauptdarstellers Jens Harzer auch noch "Der Schimmelreiter" vom Hamburger Thalia Theater ausfällt, die gefeierte Inszenierung von Johan Simons, ist bedauerlich und kann durch eine szenische Lesung nicht wirklich ersetzt werden, auch wenn der Wunder-Pianist Igor Levit einspringt.

Allen Absagen und Abschiedsszenarien zum Trotz war es ein sehr gelungener, beglückender Auftakt des Theatertreffens. Simon Stones Eröffnungsinszenierung "Drei Schwestern" vom Theater Basel, eine radikal heutige "Überschreibung" des Tschechow-Klassikers in filmästhetischer Perfektion, bietet in einem sich drehenden Glasbungalow so großartiges Schauspielertheater, dass man die Aufführung fast für ein Statement halten konnte: Macht euch keine Sorge um die Ensemblekultur, hier seht ihr mal, wie grandios, richtig und wichtig sie ist und welch kluges, menschlich mitreißendes Theater auf der Höhe der Zeit sie nach wie vor hervorbringt. Aber auch die dreistündige "Borderline-Prozession", die der Dortmunder Intendant Kay Voges mit einem Tross von rund 80 Leuten in einer riesigen Halle in Berlin-Schöneweide anzettelt, möchte man nicht verpasst haben: ein inhaltlich zwar etwas verquastes, mitunter auch kitschiges, optisch aber superbombastisches, die Wahrnehmung multimedial auf höchstem Technikniveau aus den Angeln hebendes, die Sinne hypnotisierendes Mashup- und Totaltheater in live produzierten Bildern und Textzitaten. Ganz große Hightech-Oper in Endlosschleife.

Prädikat:bemerkenswert.