Theater:Qual und Wonne

Real Magic

Theater in gelben Hühnerkostümen auf schäbigem Kunstrasen: die Gruppe "Forced Entertainment" aus Sheffield in den Kammerspielen.

(Foto: Hugo Glendinning)

"Forced Entertainment" mit "Real Magic" in den Kammerspielen

Von SABINE LEUCHT

Puh! Welch' Sünde oder böser Zauber, welches tricky Arbeitsmarktversprechen hat die drei da vorne in diese Situation gesperrt? Und uns mit ihnen. Doch während die Zuschauer beim Gastspiel von "Forced Entertainment" nach eineinhalb Stunden erlöst werden, sind Claire Marshall, Jerry Killick und Richard Lowdon nur kurze Pausen vergönnt, wenn sie in ihre gelben Hühnerkostüme schlüpfen und eine minimalistisch-resignierte Ententanzvariante auf den schäbigen Kunstrasen bringen, der in der Kammer 2 von aufrecht stehenden Neonröhren angestrahlt wird. Wer weiß, wie lange schon?

Klar ist nur: Der Anfang für uns ist ganz sicher nicht der Anfang für die Performer. Abgekämpft und zerzaust schlurfen die drei schon auf die Bühne, um einander zu versichern, weder die anderen noch das nun folgende Spiel zu kennen, das darin besteht, ein Wort zu erraten, an das ein anderer denkt. Drei denkbare Worte sind in großen Lettern auf Pappschilder geschrieben, drei andere werden geraten. Immer dieselben, immer in derselben Reihenfolge- "electricity", "hole" und "money" - und immer sind sie falsch. Daran ist nicht zu rütteln. Selbst dann nicht, wenn die Augenbinden des Ratenden entfernt, das Pappschild zu ihm hin gedreht und mit waghalsigen Buchstabier-Tipps nachgeholfen wird.

Das versteht man spätestens in der dritten Runde dieses Zwitters aus Gameshow- und Mentalmagie-Satire, der einem perfiderweise auch den Ausweg durch Lachen verbaut, weil die sich in fliegenden Rollen- und Kostümwechseln gerne mal verheddernden Performer permanent von Lachern und Applaus vom Band verspottet werden. Also kichert und leidet man verzweifelt in sich hinein und ist sich sicher: Gegen die da vorne sind Becketts vergeblich Wartende putzige Clowns, wirkt die Sache mit Sisyphos und seinem Stein fast gemütlich. Tim Etchells' Sheffielder Truppe hält seit gut 30 Jahren die Meisterschaft im nuancierten Spiel mit Wiederholungen und im Ausdehnen des Bedeutungsradius' scheinbar banalster Handlungen.

Selten aber ist sie ihrem Namen "Forced Entertainment" so gerecht geworden wie in "Real Magic", das denkbar gnadenlos am Hamsterrad des Unterhaltungs- und Amüsementzwangs dreht und dabei vermutlich für jeden etwas anderes deutlich macht: Die Tatsache, dass wir in Blasen sitzen, die nicht größer sind als unser Schädel. Die niederschmetternde Gewissheit, dass wir ohne Gedächtnis und historisches Bewusstsein nichts sind, ganz gleich ob wir in Unterwäsche, Anzug oder quietschgelbem Plüsch durchs Leben gehen. Oder dass Anstrengung nicht immer hilft.

Jenseits seiner sparsamen Handlung und möglichen Bedeutungen ist "Real Magic" großartiges Theater. Weshalb der von internationalen freien Produktionshäusern kofinanzierte Abend 2017 auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Unsägliche Müdigkeit, Sarkasmus, hellste Zuversicht und kalte Verachtung, grelle Panik und die endgültigste Selbstaufgabe treffen hier in allen vorstellbaren Varianten aufeinander. So mischt die Schauspielkunst die Zuschau-Qual mit Wonne, lindert sie aber nicht, weil man trotz besseren Wissens die Hoffnung nicht aufgeben mag. Spätestens jetzt - ja, jetzt! - muss es doch klappen, wenn ein vollkommen enthemmter Richard einer vor Selbstgewissheit leuchtenden Claire das Lösungswort vorflüstert, hinhustet, förmlich vor die Füße spuckt: "Sausage!" Doch herrje, es ist nicht auszuhalten!

© SZ vom 20.11.2018
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