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Theater-Premiere in Köln:Im Käfig der Lügen

Eines langen Tages Reise in die Nacht

Quarantäneboxen auf dem verfaulten Fundament gescheiterter Lebensträume - das Bühnenbild von Philip Bußmann im Kölner Schauspielhaus. Die Akteure können nicht miteinander reden.

(Foto: Krafft Angerer)

Die Kraft großen Schauspiels: Luk Perceval macht Eugene O'Neills Privatexorzismus "Eines langen Tages Reise in die Nacht" zum Gegenwartskunstwerk. Denn Schuld ist immer aktuell.

Manchmal werden Stücke ohne ihr Zutun wieder aktuell, weil sich Geschichte eben doch wiederholt. Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" beschreibt die Zerstörung einer Familie durch eine Morphium-Injektion, die vom Arzt verabreicht wurde und zur Sucht führte. Auch eine tödliche Masernübertragung auf einen Säugling und die Abwesenheit gesetzlicher Krankenversicherung haben ihren Anteil an diesem privaten Unglück. Die aktuelle Opiat-Krise in den USA mit ihren Hundertausenden Toten, die Debatte um Impfungen und ein privatwirtschaftlich organisiertes Gesundheitssystem, das gute Behandlungen den Reichen vorbehält, sind automatisch Gegenwartsassoziationen. Nur mit wenigen Hinweisen in Text und Inszenierung wirkt dieses Stück wie eine Aufzählung von Wahlkampfthemen, nicht nur in Trumps Amerika.

O'Neill arbeitete in seinem 1940 entstandenen Privatexorzismus seine eigene Familiengeschichte auf, er schrieb sich Süchte, Verzweiflungen und Depressionen von der Seele. Damit errichtet er auch heute noch einen zeitgenössischen politischen Hintergrund, als wollten Gesellschaften aus ihren Fehlern nichts lernen, damit sie weiter über ihr liebstes Zerrüttungsthema sprechen können: die Schuld. Denn auch das gehört ja zu den Geschichten, die sich wiederholen, wenn auch scheinbar im privaten Rahmen.

Schuld am eigenen Unglück haben immer andere, Und wer sich nur mit Schuld beschäftigt, wird niemals glücklich. Glück baut auf Verzeihen auf und bedeutet Loslassen. Und verzeihen, das kann keiner in der Familie Tyrone, wo der kleine Wohlstand auf dem verfaulten Fundament gescheiterter Lebensträume und stummer Vorwürfe errichtet wurde.

Luk Percevals Inszenierung dieser modernen Tragödie am Schauspielhaus Köln, die mit zeitlosem Realismus die krebsartige Selbstzerstörung einer Schauspielerfamilie durch Eigensucht beschreibt, schafft den gegenwärtigen Rahmen dann auch nur mit wenigen Andeutungen und feinen Änderungen. Neben tödlichen Masern und zersetzenden Süchten ist es nicht die halbwegs besiegte Krankheit Tuberkulose, die dem Sohn Edmund an diesem Tag verkündet wird, sondern Krebs, die willkürlich tötende Zivilisationssense. Darüber hatte Perceval vor einem Jahr am Schauspiel Frankfurt mit "Mut und Gnade" bereits einen intensiven Abend entwickelt. Aber alle biologischen Zerfallsprozesse sind in diesem hoffnungslosen Haufen der Whisky- und Morphiumverfallenen auch nur Anlässe, um in seelischen Wunden zu wühlen.

Der Famiienjunkie kommt vom Entzug und hängt gleich wieder an der Nadel

Bühnenbildner Philip Bußmann hat für die Unmöglichkeit des Vergebens eigener und fremder Sünden fünf Zellen in Reihe entworfen, fünf leere weiße Boxen für das Trennende. An einem Klavier sitzt das Hausmädchen und klimpert dissonante Töne, spricht die Regieanweisungen (Maria Shulga). Die Kernfamilie verteilt sich über ihre Isolationsräume, aus denen man nicht miteinander, sondern nur mit starrem Blick zum Publikum sprechen kann. Denn sich in die Augen schauen, ist bei Gesprächen, die unaufhörlich maskierte Anklagen und verletzte Gefühle transportieren, das allerschwerste. Die Käfighaltung der Tyrones ist also ein hilfloser Versuch des Schutzes voreinander, eine emotionale Quarantänearchitektur, aber natürlich zwecklos. Das Lebensthema dieser Familie ist die Schuldzuweisung, und das ist ein so heißes Gefühl, dass jede Trennwand ein Schlupfloch braucht zu den anderen, um den Theaterkrieg um das verlorene Glück auch mal in der intimen Konfrontation auszufechten.

Astrid Meyerfeldt ist der Familienjunkie, gerade aus der Entzugsklinik zurück und schon wieder an der Nadel. Mit quälender Fröhlichkeit und verkrampftem Familiensinn versucht sie, Gnade in der Lüge von der heilen Welt zu finden. Sie will den Krebs ihres Jüngsten nur als leichte Sommergrippe präsentiert bekommen, die permanenten Streitigkeiten der Alkoholfraktion als raues Männeridyll. Mit brutal aufgesetztem Sommergemüt im ewigen Nebel des Tyron'schen Anwesens trifft Meyerfeldts Süchtigenheuchelei auf die versteinerte Enttäuschung ihres Mannes. André Jung ist ein erschöpfter Choleriker, der für die Nachbarn den erfolgreichen Schauspieler mimt, für seine Söhne nur kränkende Bemerkungen übrig hat, sein eigenes Leid betrauert und seine Autorität nur noch daraus gewinnt, dass er einen qualitativen Unterschied macht zwischen seiner Sucht und der seiner Frau. Whiskey sei Medizin, Morphium der Stoff, der ihre Liebe zerstört habe. Ausreden, nichts als Ausreden.

Perceval inszeniert diese unauflöslichen Dramen mit einem feinen Gespür für die Reste der Intimität, die sich auch dort noch festkrallen, wo Versager ständig Versager demütigen. Und diese Momente werden umso anrührender, je mehr diese Attacken ein Eingeständnis der eigenen Schwäche miterwähnen. Vor allem der Sohn Edmund (Nikolay Sidorenko) entlockt seinen Eltern in zärtlicher Defensive rührende Ansätze der Selbstkritik und Ehrlichkeit, meist in Momenten halb komatischer Erschöpfung nach vollen Dosen Betäubungsmitteln. Der Ältere (Seán McDonagh), der seinem Vater in allen schlechten Lebensentscheidungen folgte und deswegen als sein Alter Ego von ihm besonders grausam verhöhnt wird, reagiert dagegen mit Offenheit und Zorn, beides gleich hilflose Verhaltensweisen in einem Haushalt der Lebenslügen.

Die größte Sucht ist die Eitelkeit. Sie macht Lösungen unmöglich

Der spartanische Rahmen und die präzise Spielweise dieser Anordnung lässt die Rollen wachsen zu Ikonen vor neutralem Hintergrund, zu exemplarischen Versionen einer vollkommen verfahrenen Kommunikation - wie sie auch außerhalb der Familie im öffentlichen Leben zum brüllenden Standard des Bigotten geworden ist. Perceval zeichnet ein privates Abbild der polternden Gesellschaft, wo Zorn, Lüge und Selbstbetrug die Interessen maskieren und die Eitelkeit als größte Sucht vernünftige Lösungen unmöglich macht.

Neben dieser Parallele zur Weltbühne ist diese Inszenierung wegen ihrer Konzentration auf die Kraft großen Schauspiels berückend. Sie bietet die mitfühlende Ansicht eines privaten Untergangs in sprachlichen Nebelkammern. Diese ärztliche Beobachtung menschlicher Zwänge ist durch Empathie erwärmt. Diese Inszenierung stellt einen Spiegel der Beziehungsfähigkeit auf, die jedem, der diesem Zerfall zusieht, die Frage übergibt, ab wann schamhafte Lügen zu menschlichem Elend werden.

© SZ vom 20.11.2019

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