bedeckt München

Theater-Premiere:Biblischer Heidenspaß

Volkstheater München Mauricio Hölzemann, Luise Deborah Daberkow Die Goldberg-Variationen

Derber Schmerz: Mauricio Hölzemann, Luise Deborah Daberkow.

(Foto: Arno Declair)

Die Erschaffung der Welt als Theater: Christian Stückl setzt am Münchner Volkstheater George Taboris "Goldberg-Variationen" mit dem Holzhammer der Überzeichnung in Szene. Ein grandioser Saisonstart in Biergarten-Atmosphäre.

Von Christine Dössel

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und als er sprach "Es werde Licht!", da wurde Licht. Als der Theaterregisseur Mr. Jay auf einer Probe dasselbe verlangt, spielt erst mal der Computer verrückt. Die Scheinwerferbatterie, die dann gleißend aufstrahlt, ist auch nicht gerade die Krönung der Schöpfung. Womit die wichtigste Lektion schon gelernt wäre: "Scheitern gehört zum Theater." Was daraufhin folgt, ist eine Serie von Probenpech und Pannen, flankiert von jeder Menge Kalauern, Pointen, Juden-, Gottes- und Bibelwitzen, wie sie im deutschsprachigen Theater so unverfroren, frivol und sarkastisch nur ein George Tabori zu einer göttlichen Komödie kumulieren konnte. Der 2007 gestorbene "Spielmacher", wie er sich nannte, war ein genialisch verschmitzter Dramatiker und Regisseur mit jüdischen Wurzeln und jüdischer Chuzpe. In seinem Stück "Die Goldberg-Variationen" aus dem Jahr 1991 verquickt er die biblische Schöpfungsgeschichte mit einer Theaterprobe, auf der just diese Genesis in Szene gesetzt werden soll. Und siehe, es ward ewiges Chaos.

Der Intendant des Münchner Volkstheaters Christian Stückl hat Taboris "Goldberg-Variationen" aus der Kiste der lange nicht mehr gespielten Stücke hervorgekramt, das ist allein schon ein Verdienst. Und es ist auch eine kleine Ersatzbefriedigung für die vermasselten, wegen Corona auf 2022 verschobenen Passionsspiele in Oberammergau, deren Spielleiter Stückl ist. Der Regisseur scherzte vorab, so komme er doch noch zu einer Kreuzigung. Denn damit endet Taboris respektlose Bibelklamotte. Sie ist eine Regisseurspassion, ein Theaterkreuzweg, vor allem aber eine Genesis: die Erschaffung der Welt als Theater und das Theater als die Erschaffung der Welt.

Hinter der Komödie steckt Tragik - der Antisemitismus bleckt die Zähne

Der Regisseur, der in Taboris Stück ein Best-of der Heiligen Schrift inszeniert, angefangen bei Adam und Eva über einschlägige Szenen des Alten Testaments bis hin zum Tod des "netten jüdischen Jungen" am Kreuz, heißt Mr. Jay - Jay wie Jahwe. Ein Regiegott. Pascal Fligg spielt ihn herrlich abgefuckt als coolen Regiezuhältertypen irgendwo zwischen Rainer Werner Fassbinder und Ersan Mondtag. Getönte Sonnenbrille, Schnauzer, Adidas-Jogginganzug. Dauerrauchend wie Christian Stückl. Die Karikatur eines Regiechauvis mit fiesen Anwandlungen. "Du bist eine alte Nutte, die einen Orgasmus vortäuscht", sagt sein Assistent Goldberg. Darauf Jay: "Und du bist ein Jude, der das Maul halten sollte." Sein Judenhass tritt immer deutlicher zum Vorschein. Bis er Goldberg ans Kreuz schlagen lässt und mit einer mechanischen Lanze (sie stammt aus Oberammergau) durchbohrt. Denn das ist das grandios Perfide an Taboris hinterfotziger Backstage-Comedy: dass hinter der Bibelkomödie eine Menschheitstragödie steckt und der Antisemitismus die Zähne bleckt.

Stückl, der wegen Corona sein Team bereits im Mai in die Sommerpause schickte und dafür jetzt schon in die neue Spielzeit startet, hat sich von Stefan Hageneier eine erhöhte Bühne mit schwarzer Guckkastenrahmung in den Garten des Volkstheaters bauen lassen. Darauf angedeutet ein Theaterraum mit leerer Spielfläche und rückwärtig ein paar Sitzreihen, links und rechts davon postiert zwei Musiker. Die Zuschauer, 110 sind zugelassen, sitzen auf Abstand an kleinen Tischchen und dürfen während der Vorstellung auch etwas trinken, es herrscht Biergartenatmosphäre. Auch bei den Abläufen auf der Bühne sind die coronalen Probleme gut gelöst. Dass unter Hygiene- und Distanzvorgaben gespielt wird, vergisst man beinahe, so fetzig geht es zu.

Dass Stückl mit dem Holzhammer der Überzeichnung inszeniert, robust und krachert, in geistiger Verwandtschaft zu Monthy Pythons "Das Leben des Brian", ist der Situation ebenso geschuldet wie letztlich angemessen und stört nur manchmal. Taboris Humor ist derb und zotig ("das Pimmelreich ist nahe"), der verträgt das. Der zugrunde liegende Schmerz kommt trotzdem zutage. Letztlich sind die "Goldberg-Variationen" ja doch ein eschatologisches Stück mit genialen Dialogwitzen, als solches unkaputtbar, auch wenn über einige Kalauer die Zeit hinweggegangen ist.

Am Ende steigt "Goldie" vom Kreuz und erfindet die Nächstenliebe

Stückl inszeniert das Stück mit Comic-Rasanz in einer auf fünf Figuren reduzierten Fassung. Den "Laufburschen" Goldberg spielt Mauricio Hölzemann als Schlacks mit Kippa, ein Typ, den man leicht unterschätzt, was man nicht sollte. Bei den Proben kommt es zur "Kostümkrise", weil sich die Diva Teresa Tormentina weigert, "in diesem Pornopoem" als Eva nackt aufzutreten. Luise Deborah Daberkow nutzt ihre Auftritte für hinzugefügte feministische "Me Too"-Seitenhiebe. Ihr Kollege Raamah (Timocin Ziegler) trägt als Adamskostüm einen Schamhaarzottelbart mit Feigenblatt und ist auch als Abraham im familiären Schlagabtausch ein rustikalhumoriger Kerl. Der junge Cengiz Görür, allseits "Frischling" genannt - er ist Schauspielanfänger an der Falckenberg-Schule und hätte in Oberammergau den Judas spielen sollen -, ergänzt den Heidenspaßtrupp in biblischen Sidekick-Rollen von der Schlange im Paradies über den beinahe vom eigenen Vater gemeuchelten Isaak bis hin zum Soldaten, der die Kreuzigung en detail referiert. Der Regisseur will den Tod des Juden besonders lang. "Nur das Schlimmste ist gut genug!" Doch es ist ja nur Theater. Am Ende steigt "Goldie" vom Kreuz, erfindet schnell die Nächstenliebe und erhebt sich selber zum Regisseur.

Die Konsequenz, mit der Stückl an seinem Lebensthema arbeitet, der Auseinandersetzung mit Katholizismus, Glauben und Antisemitismus, ist bezwingend und erfrischend. Am Sonntag erhielt er für sein Engagement für "Offenheit, Mut, Toleranz und Gedankenfreiheit" den Abraham-Geiger-Preis. Er hat ihn mehr als verdient.

© SZ vom 27.07.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema