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Theater:Politparolen, wie Lametta gehängt

Nuran David Calis präsentiert sein Terrorismus-Drama "Kuffar. Die Gottesleugner" in einer Uraufführung am Deutschen Theater Berlin. Leider ist es etwas grob gezeichnet.

Zyniker könnten des islamistischen Terrorismus für eine Themenbeschaffungsmaßnahme der Theater halten: Stücke, die sich in Terrorismusanalyse versuchen, garantieren zumindest gesteigerte Aufmerksamkeit und den auf den Bühnen oft so schmerzhaft vermissten Thrill. Kein Wunder, dass sie sich in den aktuellen Spielplänen einer regen Konjunktur erfreuen. Sollte man in den entsprechenden Inszenierungen nicht unbedingt mehr, oft sogar eher weniger erfahren als in der Tageszeitung des Vertrauens, demonstrieren die Theater mit ihrer Stoffwahl doch zumindest energischen Gegenwartsbezug. Aber wenn Nuran David Calis jetzt seinen Beitrag zu diesem Genre liefert, wäre es mehr als unfair, ihm lediglich Themenverkaufskalkül zu unterstellen. Calis ist kein Zyniker, dafür interessiert er sich zu sehr für seine Figuren und ihre Konflikte. Auch deshalb gelingt dem Autor und Regisseur immer wieder ein so warmherzig persönlicher wie genauer Blick auf seine Protagonisten.

Sein neues Stück "Kuffar. Die Gottesleugner", das er jetzt in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin uraufgeführt hat, verbindet drei Biografien und unterschiedliche Formen politischer Gewalt, terroristische und staatliche. Ayse und Ismet gehen 1980 als linksradikale Türken in den Untergrund, Bekannte von ihnen waren für einen Bombenanschlag in Istanbul verantwortlich. Nach dem Militärputsch werden ihre Freunde inhaftiert und gefoltert, sie fliehen in den Westen. Dreieinhalb Jahrzehnte später leben sie recht saturiert in der Bundesrepublik, aber ihr Sohn Hakan verbringt seine Tage in der Moschee und seine Nächte im Internet. Der pummelige Junge radikalisiert sich zügig und predigt auf seinem eigenen Youtube-Kanal gottgefälligen Hass auf den Westen und einen selbst gebastelten Islamismus mit skurrilen Glaubensvorschriften - zum Beispiel dem Vorschlag, sich nach den Stuhlgang beim Allmächtigen für diese Verunreinigung zu entschuldigen. Christoph Franken spielt ihn klischeefreudig als Messie mit verfettetem Haar, der in schwachen Minuten gerne mal brüllt, die Demokratie sei nicht halal. Dass der verschwitzte Hakan sich gerne ausgiebig filmt, könnte darauf verweisen, dass sein Geltungsbedürfnis noch ein wenig größer als seine Glaubensfestigkeit ist. Seine Mutter (Almut Zilcher) umtütelt ihn gnadenlos liebevoll bis zur Debilität, sein Vater (Harald Baumgartner) drischt in Artikeln für eine Gewerkschaftszeitung eitel-geschwätzige Phrasen - da kann man die Hassanfälle des übergewichtigen jungen Mannes sogar verstehen. In den zu Spießern wie aus einem Boulevardschwank gewordenen Eltern lässt sich die Wut der Radikalen von einst (eher kraftvoll breitbeinig als nuanciert gespielt von Ismail Deniz und Vidina Popov) kaum noch ahnen.

Das Psychogramm eines langsam zum Fanatiker mutierenden Losers könnte spannend sein, weil Calis auf die üblichen Dämonisierungen verzichtet, seinen Protagonisten eher verstehen als reflexhaft verurteilen will. Aber nicht nur die Konstruktion, die Revolteposen des Nachwuchs-Islamisten mit den einstigen Untergrund-Aktivitäten seiner Eltern zu parallelisieren, ist arg mechanisch.

Die Oberflächen-Regie macht die Figuren zu reinen Thesenträgern. Eltern und Sohn sind keine Charaktere, die die Chance hätten, so etwas wie eine Entwicklung durchzumachen, sondern Pappkameraden, an denen die austauschbaren Politparolen befestigt werden wie Ideologie-Lametta am Weihnachtsbaum. Selbst die Berichte über die Foltertechniken des türkischen Militärs sind hier nur ein unkompliziert verfügbares und herbeizitiertes Versatzstück aus den Annalen staatlicher Gewaltpraxis.

Die gespenstischen Echos zwischen der Militärdiktatur der Achtzigerjahre und Erdogans autoritärem Regime, aber auch zwischen dem damaligen kurdischen Terrorismus und den jüngsten Attentaten, bringt die Aufführung nicht zum klingen - dafür sind die Figuren und ihre Handlungsmuster entschieden zu grob gezeichnet.