Theater Peter Brook mit "The Prisoner"

(Foto: Simon Annand)

Von Martin Krumbholz

Es grenzt an ein Wunder, dass ein Vierundneunzigjähriger noch die Kraft und den Willen aufbringt, ein Theaterstück zu schreiben, zu inszenieren, auf Tournee zu schicken, sei es auch so klein und fein wie dieses: "The Prisoner". Gezeigt hat sich Peter Brook, der wohl bedeutendste und einflussreichste Theaterschöpfer des 20. Jahrhunderts, bei der Premiere in Recklinghausen so wenig wie seine Co-Regisseurin Marie-Hélène Estienne. Der kurze Abend im Kleinen Festspielhaus ist jedoch ein unverkennbarer Brook: Archaisch ist die Geschichte, unprätentiös sind die Schauspieler, sparsam die szenischen Mittel.

Es ist fast ein wenig paradox: So unermesslich Brooks Einfluss auf die heutige Theaterszene ist (der "leere Raum" hat ebenso Schule gemacht wie der Verzicht auf Requisiten), so sehr ist eine Brook-Inszenierung inzwischen das Kontrastprogramm zu beinahe allem, was in der Szene angesagt ist. Dieses Theater ist von Grund auf entschlackt, seine einzige Idee ist diese: Der Schauspieler im Raum, der eine Geschichte erzählt.

Die Bühne ist mit einigen Ästen, Blöcken und Steinen bestückt. Die Schauspieler treten auf und wieder ab, sie scheinen mit ihren Figuren verschmolzen und sind es doch nicht, denn auch hier spielen die meisten mehrere Rollen. Die Story, das überrascht nun kaum, kennt keine Nebenstränge, keine Arabesken; einmal erzählt jemand einen Witz, das ist der einzige "Exkurs". Es geht um Inzest, um einen Vatermord, also um Schuld und Sühne.

Der junge Mann, der seinen Vater aus Eifersucht erschlagen hat, sitzt nicht im Gefängnis, sondern davor. Das ist die Pointe. Er könnte jederzeit weggehen, aber er tut es nicht. Das Bewusstsein seiner Schuld hat von ihm Besitz ergriffen, aber innerhalb der Mauern wäre das Gefühl der Sühne klar definiert. Hier ist es das nicht. Die (äußere) Freiheit wird zur eigentlichen Strafe. Der Mann unterhält sich mit einer hergelaufenen Ratte (eine wunderbare Szene), teilt sein Essen mit ihr, wird gebissen, schlägt sie tot. Er verzweifelt, denn alles scheint sich ins Gegenteil zu verkehren. Und doch erzählt dieser Theaterabend auf die denkbar einfachste Weise von der Würde des Menschen.