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Theater ohne Bühne:Weg vom Bildschirm!

Prinzessinendramen

Regisseurin Paulina Neukampf und Dramaturgin Romi Domkowsky spielen Jelineks „Prinzessinnendramen“ per Audiospur in den Alltag ein.

(Foto: Isabel Machado Rios)

Theater kontaktlos: Paulina Neukampf inszeniert Elfriede Jelineks "Prinzessinnendramen" in der Innenstadt von Oberhausen. Wer die Audio-Einspielung im Ohr hat, dem kommt jeder Passant suspekt vor.

Von Cornelia Fiedler

Dass sich Oberhausen einmal nach Freiheit anfühlen würde - vor Corona war das kaum denkbar. Plötzlich ist es so, plötzlich ist es herrlich, durch die sonnigen Straßender Ruhrgebiets-Stadt zu laufen, Smartphone in der Hand, Elfriede Jelinek auf den Ohren. Plötzlich ist es das intensivste Erlebnis seit Beginn des Homeoffice, sich zu fragen, ob der Typ in der Jogginghose auf dem Marktplatz, der erst so lange provokant guckt und dann einen Kopfstand inmitten Bier trinkender Kumpanen vorführt, zum Stück gehört, oder nicht.

Weg vom Bildschirm, raus in die Stadt zu gehen und Jelineks "Prinzessinnendramen" als Audio-Spaziergänge über drei Abende hinweg zu inszenieren, diese Idee kam Regisseurin Paulina Neukampf und Dramaturgin Romi Domkowsky ewährend der Proben. Geplant war eine Online-Premiere, wie sie viele Theater jetzt reflexartig ansetzen. Was aber derzeit fehlt, sagen die beiden, ist ja keine weitere Videokonferenz, diesmal mit Schauspielerinnen, die patriarchale Märchenmotive zerfleddern. Es ist das Unmittelbare, das Live-Erlebnis, im Theater wie in der sozialen Interaktion.

Das Oberhausener Theater wagt sich hinaus - und findet dort berührende Perspektiven

So kommt es, dass das Publikum nun in Zweierteams auf Abstand durch die Stadt stromert. Dazu hört man kurze Jelinek-Hörspiele: Schneewittchen sucht die Wahrheit und findet den Tod; Dornröschen lebt nur für den männlichen Blick; Rosamunde steuert in eine Zwangsehe. Einer der Wege führt vom leeren Kino, das die renommierten Kurzfilmtage absagen musste, vorbei an leeren Restaurants und dem früheren Wohnhaus von Christoph Schlingensief bis zum besagten Marktplatz. Dort hängen Menschen herum, die die Gesellschaft genauso abgeschrieben hat, wie derzeit die Kulturschaffenden: als angeblich nicht systemrelevant.

Auffällig ist: Es sind vor allem Männer, die in der Pandemie den öffentlichen Raum besetzen. Und die Frauen? Für die gibt's Frauenparkplätze. Diese werden zur Bühne für Agnes Lampkin. Im roten Trainingsanzug schreitet die Schauspielerin langsam die Parkhaus-Rampe herab, fixiert uns mit strengem Blick, sicher, fast bedrohlich, einen Selfie-Stick schlenkernd. Dann der Twist: auf ihrem Smartphone erscheint ein Mann. Jetzt ist er es, der sie fixiert - und die eben noch starke Frau nimmt für ihn eine Mädchen-Pose nach der anderen ein. Danke "Germany's Next Topmodel", danke Instagram.

Dass Oberhausen sich als erstes Theater wieder in die Stadt hinaus wagt und dort neue und unerwartet berührende Perspektiven eröffnet, ist charakterisstisch: Vom interkulturellen "D.Ramadan" mit Fastenbrechen über Stadtteil-Inszenierungen bis zum aktuellen Bürger-Filmprojekt "Die Pest" steht die Intendanz von Florian Fiedler für den engen Kontakt zur Stadtbevölkerung. Dass die Stadt dessen Vertrag nun nicht über das Jahr 2022 hinaus verlängert und argumentiert, es sein "keine emotionale Bindung" des Publikums entstanden, rückt die Kulturpolitik selbst in die Nähe absurden Theaters.

Die kurzen, im Stadtraum inszenierten Szenen illustrieren den Text nicht, sie sind eher lockere Assoziationen: Bilder der Bedrohung, der Nähe, der Macht. Statt als Schneewittchen im Sarg aus Glas zu liegen sitzt Schauspielerin Lise Wolle im Schaufenster eines Perückenstudios - auch so ein Ort an dem Schönheit konstruiert, oder während der Chemotherapie rekonstruiert wird. Irgendwann steht sie auf, legt ihre Fingerspitzen an die Scheibe. Als auch von außen eine Hand das Fenster berührt, rinnt eine Träne ihre Wange herunter. So schlimm und schön hat sich die Sehnsucht nach Nähe trotz Social Distancing lange nicht angefühlt.

Ein ungeplant spektakuläres Finale ergibt sich beim Audiowalk "Rosamunde". Zu Jelineks gewohnt wort- und wortspielreichem Text betreten wir den "Museumsbahnsteig" des LVR-Industriemuseums. Zwei Schauspielerinnen warten schon. Auf dem angrenzenden Platz zwischen Gleisen und Hauptbahnhof stehen junge Männer herum, mehr als die erlaubten zwei, quatschen, rauchen, zwei beginnen einen Boxkampf. "Hätte ich vielleicht ein Mann sein sollen? Wäre das besser gewesen?", fragt die sanfte Frauenstimme aus dem Kopfhörer. Plötzlich rennen die Jugendlichen nach rechts davon, beeindruckend koordiniert und schnell. Auftritt links: ein Polizist, Sekunden später drei weitere in martialischer Montur. Auch sie rennen. Die Jungs sind längst weg. Aus dem Kopfhörer erklingt die Textzeile "Hass, Hass, Hass". Zufälle gibt's.

© SZ vom 29.04.2020

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