Theater Nur Saufen geht noch

Außenseiter auf dem Kreuzweg: Martin Butzke spielt den Titelhelden Vernon Subutex, der seinen Plattenladen verliert, auf der Straße landet und seine Freunde brüskiert. Er ist als Beobachter und Erzähler allgegenwärtig.

(Foto: Maurice Korbel)

Auf zur letzten Party! Das kleine Theater am Neumarkt in Zürich bringt Virginie Despentes' Romantrilogie "Das Leben des Vernon Subutex" auf die Bühne. Peter Kastenmüller nimmt damit seinen Abschied.

Von Egbert Tholl

Das ging schnell. Im Dezember vergangenen Jahres erschien der dritte und letzte Teil von Virginie Despentes' Romanreihe "Das Leben des Vernon Subutex" auf Deutsch, und schon jetzt ist die Trilogie im Zürcher Theater am Neumarkt zu sehen, inszeniert von dessen Leiter Peter Kastenmüller. Es ist nicht das erste Mal, dass man am Neumarkt so prompt reagiert; die Bühnenadaption von Robert Menasses Roman "Die Hauptstadt" erfolgte ähnlich rasant.

Um Despentes' Trilogie gibt es einen ziemlichen Hype, sie hat es sogar - als Buch kurz im Bild - in den jüngsten "Tatort" geschafft. Da ist es erstaunlich genug, dass die Uraufführung am kleinen Neumarkttheater stattfindet, Zürichs zweitem Stadttheater, das freilich nur einen Bruchteil der Subventionen des Schauspielhauses erhält. Aber kleine Häuser können oft schneller agieren - an den Münchner Kammerspielen kommt "Vernon Subutex" erst Ende März heraus.

Es geht um Rock 'n' Roll, um Porno und Drogen und darum, dass das wilde Leben vorbei ist

Der Stoff taugt genauso für die Bühne wie etwa die Romane von Michel Houellebecq. Mit diesen ist er oft verglichen worden, doch während Houellebecq ein Katastrophenszenario nach dem anderen entwickelt, das dann auch noch in Teilen Wirklichkeit wird, kehrt Despentes mit genüsslichem Grinsen die Scherben zusammen. Es geht um Rock 'n' Roll, um Porno und Drogen und darum, dass das wilde Leben vorbei ist. Die Bands haben sich aufgelöst, der größte Star ist eben gestorben und damit einigen seiner Kollegen gefolgt, eine Porno-Queen ist tot, eine andere ließ sich zum Mann umoperieren und gründete ein Start-up-Unternehmen, Drogen verträgt keiner mehr so richtig, nur Saufen geht noch. Und Vernon Subutex - der Nachname verdankt sich einem Heroin-Substitut - verliert seinen Plattenladen, landet auf der Straße, brüskiert seine Freunde mit konsequenter Verweigerung von Hilfe und feiert am Ende seine Auferstehung als Musikschamane im Park. Auf der Bühne wird da eine vogelzwitschernde Hippie-Utopie in einen glitzernden Zukunftstraum überführt, im Buch gerinnt alles zum Fiasko.

Bis zur Pause nach zweieinhalb Stunden lässt Kastenmüller den ersten Teil der Trilogie erzählen, sehr ausführlich, sehr figurenreich - wenn man den Roman nicht kennt, dürfte man da einige Male verloren sein, zumal die Trennschärfe zwischen den einzelnen Charakteren nicht immer hoch genug ist. Schon in den Büchern ist die Titelfigur oft lange abwesend, sie ist wie ein Kameraauge, das dem Leser die vielen anderen Figuren in den Blick rückt. Auf der Bühne ist Subutex Martin Butzke, Beobachter und Erzähler, immer irgendwie anwesend, auch wenn er gar nicht da ist. Butzkes Spiel ist ein Ereignis. Er trägt eine unendliche, poetische Müdigkeit in sich, wandelt sich zur Rock-Ikone, wenn er hinter einem alchimistisch ausstaffierten DJ-Pult Musik auflegt oder in sich versunken, aber mit höchster Noblesse tanzt. In der anrührendsten Szene kniet Butzke in Unterhosen auf dem Zickzacklaufsteg, um den herum das Publikum sitzt, streckt die Hand aus, bettelt, blickt ins Leere. Und wird von den zur Meute mutierten Kollegen mit Dreck beschmiert. Jetzt ist er endgültig der Außenseiter, Abschaum, und das letztlich nur, weil er der einzige in diesem viereinhalb Stunden währenden Panoptikum ist, der sich nicht verbiegt. Schließlich wäscht ihn Marie Bonnet unter der Dusche, Butzke erwacht aus seiner Versteinerung und fällt zitternd und nackt auf den Bühnenboden. Herzzerreißend.

Immer wieder, aber nicht durchgehend, drängt der Abend zu emotionalen Ausbrüchen. Neben Butzke spielen sieben Schauspielerinnen und Schauspieler in aufregenden Kostümen von Aino Laberenz 18 Figuren. Manche werden griffig, manche huschen vorbei. Es herrscht eine eher epische Grundstruktur, aus der heraus immer wieder echte Spielszenen entstehen. Einer schlägt seine Frau, ein anderer säuft sich fast zu Tode, manche träumen noch von einem großen Erfolg, Probleme mit dem Altern - alle sind so um die 50 - haben die meisten. Gut geht es denen, die den wilden Aufbruch von einst in knallharte Geschäftsinteressen umgewandelt haben und zu massiven Arschlöchern wurden. Despentes' Resümee der französischen Gesellschaft als Sammelsurium von Gescheiterten oder radikalen Egoisten ist verheerend. Auf der Bühne wird daraus, vor allem dank der fabelhaften Musik von Polina Lapkovskaja, die letzte Party des verlorenen Haufens derjenigen, die noch an die eigene Freiheit geglaubt haben. Sie werden, ähnlich wie beim Pariser Bataclan-Attentat, niedergemäht von einem rachsüchtigen Produzenten, der seinen Erfolg bedroht sieht. Doch es mäandert noch die silbrige Utopie durch den Raum.

Ein halbes Jahr noch bleibt Peter Kastenmüller in Zürich; er hat viel dazugelernt

Als Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler 2013 das Theater am Neumarkt übernahmen, wollten sie in etwa das machen, was sie an den Münchner Kammerspielen unter Frank Baumbauer mit der soziokulturellen Performance-Plattform "Bunnyhill" mitentwickelt hatten. Nur viel größer sollte es sein. Nach der ersten Saison wurden ihnen stattdessen die Auslastungszahlen derart um die Ohren gehauen, dass in der Kulturpolitik schon über die Abschaffung des Hauses nachgedacht wurde. Doch da hatte Kastenmüller bereits begriffen, dass mit Diskursplattformen und schnell hingerockten Abenden die Positionierung zwischen Schauspielhaus einerseits, freier Szene wie dem Theater an der Winkelwiese und dem hervorragenden Produktionshaus Gessnerallee andererseits nicht gelingen kann.

Die Lage entspannte sich dann bald; die aktuellen Auslastungszahlen seien, so verlautet es aus dem Theater, die besten der vergangenen zehn Jahre, Einladungen zum Schweizer Theatertreffen und anderen Festivals folgten. Kastenmüllers Vertrag wurde um zwei Jahre verlängert, er hat viel gelernt, gibt auch zu, dass die Qualität der Arbeiten zwischen kleinstem Stadttheater-Gegurke und Kammerspiele-Niveau pendelte. Einige echte Coups sind ihm gelungen, den "Vernon Subutex" kann man getrost dazurechnen, neben so Abenden wie das Theaterrockkonzert "Bilder deiner großen Liebe" von und mit Sandra Hüller nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf. Ein halbes Jahr bleibt ihm noch in Zürich. Dann übernehmen drei Frauen das Haus: Julia Reichert, Tine Milz und Hayat Erdoğan.