Theater Norm oder Traum

Drei Wesen aus drei Welten: Carolyn Breuer, Berivan Kaya und Fatima Dramé.

(Foto: Peter Schultze)

"Vom Fliehen und vom Fliegen" im Hofspielhaus lädt die Zuschauer ein, tief in ihre Seelen zu blicken

Von Christiane Lutz

Träume zu haben, das ist gar nicht so einfach, wie man meinen könnte. Die namenlose Frau jedenfalls, die sich auf der Bühne des Hofspielhauses in ihrem Bettlaken unruhig hin und her wälzt, die hat keine Träume. Dafür führt sie ein Leben, so strukturiert, dass das einzig asymmetrische der Schnitt ihres Kleides ist. Aufstehen, gurgeln, Tee kochen, zur Arbeit in ein Callcenter, wo sie eine Nummer ist und Menschen mit Nummer anspricht. Nach Hause, schlafen, von vorn.

Es ist ein sehr bedrückendes Bild der menschlichen Existenz, das Regisseur Sebastian Brummer in "Vom Fliehen und vom Fliegen" zeichnet. Ein Stück, dem eine Parabel von Ingeborg Bachmann zu Grunde liegt. Sofort fühlt sich jeder angegriffen: Bin ich das nicht auch manchmal?

Dann, eines Tages, verliert die Frau ihre Schlüssel, der Rhythmus ihres Tages ist augenblicklich gestört. Sie landet in einem kuriosen Geschäft, in dem eine kuriose Gestalt kuriose Kistchen anbietet. Träume, angeblich. Die Namenlose lässt sich verführen, einen auszuprobieren.

Berivan Kaya zieht als traumwandelnde Namenlose sofort in ihren Bann. Sie spielt mit einer fast magnetischen Schwere, jedes Wort wiegt 20 Kilo. Ihr Gegenpart ist Fatima Dramé als überdrehte(r) Ladenbesitzer(in), der/die Routine nicht mal in ihren Bewegungen kennt, die herum stakst, rülpst und zwischendurch (ganz hervorragend) singt. Dann ist da noch ein Geisterwesen, ein Schatten, der seinen Menschen verloren hat und nun herumirrt. Ihn spielt die grandiose Saxofonistin Carolyn Breuer, die immer wieder auch auf ihrem Instrument spielt.

Klar, was hier die Botschaft ist: Du hast die Wahl, wie du bist. Norm und Realität sind auch nur eine Konstruktion. Warum sollten der Schatten und die durchgeknallte Träumeverkäuferin weniger Berechtigung haben, als ein Job im Callcenter? Die Namenlose gerät in einen Strudel ungekannter Gefühle. Sie genießt, sie freut, sie fürchtet sich. Ob sie bereit ist, Herrin ihrer eigenen Träume zu werden, bleibt offen.

"Vom Fliehen und vom Fliegen" ist ein dunkler, schwerer Abend, der zum Blick in die eigene Seele auffordert. Regisseur Brummer beweist eindrucksvoll, dass in dem winzigen Hofspielhaus durchaus auch komplizierte Geschichten bestehen können.

Vom Fliehen und vom Fliegen, Samstag, 20. Januar, 20 Uhr, weitere Termine folgen, Hofspielhaus, Falkenturmstraße 8