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Theater:Nichts für Luschen

'Wallenstein' an der Schaubühne

Ingo Hülsmann als Wallenstein und Lise Risom Olsen als Astrologin.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Krieg ist der Vater aller schlechten Dinge: Schillers "Wallenstein" an der Berliner Schaubühne.

Monika Grütters hat ihre Einsatzbereitschaft für das Schauspiel schon oft unter Beweis gestellt. Zum Beispiel durch die Einrichtung eines Theaterpreises für kleine und mittlere Bühnen. Und auch bei der Eröffnung des Berliner Theatertreffens am Freitag fand die Staatsministerin für Kultur und Medien wieder klare Worte, um die "grandiose Vielfalt" der deutschen Theaterlandschaft hervorzuheben.

Die Vielfalt ist auch eine der Formen und Stile. Zu den zehn "bemerkenswertesten" Inszenierungen, die nach Berlin geladen wurden, zählen Bearbeitungen, Textmontagen, Installationen - aber kein einziger klassischer Theatertext ist dabei (zumindest kein unüberschriebener). In Karin Beiers zur Eröffnung gezeigten Inszenierung "Schiff der Träume" vom Hamburger Schauspielhaus springt einer der an Bord gekommenen "afrikanischen Flüchtlinge" ins Parkett und sagt, was er tun würde, wenn er im Theater das Sagen hätte: Erstens Nacktheit abschaffen, zweitens deutsche Stücke spielen. Schiller zum Beispiel.

Gibt's nicht mehr? Aber hallo! Einer der Schiller-Klassiker schlechthin hatte tags zuvor an der - von der Theatertreffen-Jury notorisch übergangenen - Berliner Schaubühne Premiere: "Wallenstein". Schwere deutsche Dramenkost, drei Teile ("Wallensteins Lager", "Die Piccolomini", "Wallensteins Tod"), 7500 Verse, nichts für Luschen. Peter Stein hat die Trilogie 2007 in einer Berliner Brauereihalle ungekürzt inszeniert, mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle. Zehn Stunden hat das damals gedauert. Michael Thalheimer, der das Vorspiel "Wallensteins Lager" bis auf minimale Anleihen weglässt, braucht an der Schaubühne drei Stunden - was für einen radikalen Text-Komprimierer wie ihn ungewöhnlich lang ist und um so schwerer wiegt, als er seine so schlüssig gekürzte Fassung ohne Pause durchspielen lässt (Dramaturgie: Bernd Stegemann).

Drei Stunden sitzt man an diesem düster-schweren Abend wie gefangen in einem Kessel, und das Kriegsgetöse, dem man ausgesetzt wird, ist auch ein Text(stahl)gewitter: gnadenloses Versbombardement, oft laut, oft dröhnend, unerbittlich. Kein wohlfeiles Abnicktheater. Thalheimers statuarisch-strenge Monumentalregie ist "ein roh gewaltsam Handwerk" wie der Krieg. Hier entkommt man Schillers Sprache nicht, der Zuschauer ist buchstäblich in ihrer Gewalt. Dagegen mag wehren, wer sich will. Man kann sich ihr aber auch, ausgehungert womöglich durch zu viel läppisches Nonverbal-Performancetheater, fasziniert und konzentriert ergeben. Sich diesem sehr deutschen "dramatischen Gedicht" aus dem späten 18. Jahrhundert über einen historischen Entscheidungsmoment einer noch viel länger zurückliegenden Zeit, nämlich inmitten des Dreißigjährigen Krieges, in Thalheimers gnadenloser Brennglas-Regie auszusetzen, ist erschlagend. Aber es ist auch ein Textabenteuer.

Von Anfang an herrscht Krieg, lichttechnisch heißt das: Finsternis, soundtechnisch: Gewummer, permanente Detonation. Schon wenn man den Theatersaal betritt, hängen Rauchschwaden in der Luft, als dünste die Bühne die Gräuel der Schlachtfelder aus. Minutenlang lässt Thalheimers Musikbeauftragter Bert Wrede den Saal erzittern, als rückten Fluggeschwader heran, die Beleuchtung (Norman Plathe) ist zwielichtig diffus. Auf der nebelverhangenen Bühne baumelt ein Pferdekadaver in der Luft, ein halber Gaul, blutverschmierte Lemuren vergehen sich daran. 15 Jahre Krieg. Allerorten nur Degeneration. Die Bühne von Olaf Altmann zeigt mehr und mehr ihren Verliescharakter - ein Käfig aus Gitterrosten, höllenschwarz, nirgends ein Entkommen. Die Schauspieler sind hinten im Dunkeln postiert wie Schachfiguren auf der Grundlinie. Wer dran ist, macht einen Zug Richtung Rampe und sondert mit Blick ins Nichts seinen Text ab, danach: Zurück ins Glied!

Wallenstein ist von Anfang an auf der Bühne. In einem kalten Lichtstrahl sitzt, nein: fläzt er breitbeinig in einem Stuhl und ist die Sonne, um die alles kreist, die Macht an sich, der Mensch in seiner absoluten Selbsterhebung und Selbstgenügsamkeit, nicht wahrhaben wollend, dass sich schon längst andere machtpolitische Konstellationen ergeben haben. Wallenstein, der bei seinen Leuten populäre Feldherr in Diensten des Kaisers in Wien, verhandelt heimlich mit den Schweden, um in deutschen Landen endlich einen Frieden herbeizuführen. Aber man weiß nicht: Meint er es ernst, oder ist das nur taktisch, und ist er nicht in einer kompletten Agonie - oder Melancholie - gefangen, so sehr, wie er zaudert und zweifelt? Jedenfalls ist "Wallenstein" auch ein Drama der Blockade, der Frage des rechten Augenblicks: ob und wann und mit wem ein Mensch das Ruder des Schicksals noch herumreißen kann.

So, wie der formidable Schiller-Sprecher Ingo Hülsmann da fast den ganzen Abend in seinem Stuhl verharrt, vollkommen auf sich selbst fixiert, ist diese Blockierung augenfällig. Dem mit seinem hochgewachsenen Körper manchmal zu Manierismen neigenden Hülsmann tut das Sitzen gut. Wiewohl körpergestisch beeinträchtigt, strahlt er äußerte Alphatier-Gorilla-Potenz aus. Bärtig, bestückt mit Ringen, Orden und einer durch die geöffnete Uniform auf der Brust blitzenden Goldkette ist er auch ein Gangsta-Rapper, lässt "Die letzten Tage im Führerbunker" ebenso anklingen wie den Colonel Kurtz im "Herz der Finsternis". Ein Monolith der Macht, ein Ego-Monster, das der Krieg gebar. Letzte menschliche Züge lassen ihn an die Sterne glauben - der Astrologe Seni steht ihm in Gestalt von Lise Risom Olsen zur Seite - und an seine Freundschaft mit Octavio Piccolomini (hinterhältig: Peter Moltzen). Aber Octavio wird Wallenstein verraten, ebenso wie der ihm einst getreue Butler (Urs Jucker), der den Feldherrn am Ende übertrieben blutrünstig töten und seine Leiche im jäh einsetzenden Sprühregen über den baumelnden Pferdekadaver hieven wird.

Wo so radikal die Zersetzungsprozesse des Krieges hervorgekehrt werden, haben die nebenherlaufenden Aktionen und Beziehungsgeflechte wenig Chance, das muss man in Kauf nehmen in Thalheimers konsequent fatalistischer Lesart. Illo, Graf Terzky und all die Pappenheimer bleiben Bauern(opfer) in Thalheimers Schachzugregie, und dass der Regisseur auch den Frauen kein starkes Gegengewicht einräumt, enttäuscht. Gräfin Terzky ist bei Regine Zimmermann eine laszive Wörterhexe in immer neuen Fummeln, Wallensteins verstörte Gattin (Marie Burchard) macht auf Lady Macbeth, und Tochter Thekla (Alina Stiegler), die nichts anderes als Krieg kennt, spricht wie mechanisch: ein Mädchenautomat. Der Liebe zwischen ihr und dem aufrechten Max Piccolomini (sich inbrünstig gut bewährend: Laurenz Laufenberg) wird nicht annähernd eine Chance eingeräumt, aber es gibt eine intensive Streitszene zwischen Max und seinem Vater.

Krieg entmenschlicht. Krieg erzeugt Zombies. Krieg ist der Vater aller schlechten Dinge. Thalheimers "Wallenstein" hat eine große Kraft ex negativo.

© SZ vom 09.05.2016
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