Theater Neues aus dem Nachbarland

Eine Utopie, wie Polen im Jahr 2118 aussehen könnte, entwerfen die Geschwister Jaśmina und Piotr Polak in dem Stück "The Polaks explain the Future".

(Foto: Maurycy Stankiewicz)

Beim Festival "Warszawa - Munich" sind Produktionen aus Warschau an den Kammerspielen zu sehen, inszeniert von einer jungen Generation polnischer Regisseure

Von Christiane Lutz

Es sei doch erstaunlich, sagt die Dramaturgin Valerie Göhring, wie wenig wir über Polen wüssten, obwohl Polen unser direktes Nachbarland sei. Sie selbst wusste auch wenig, als sie von den Kammerspielen mit der Aufgabe betraut wurde, ein kleines Festival zu kuratieren. "Viele denken, im polnischen Theater würden Fahnen verbrannt und an Kreuze gepinkelt", sagt Göhring, "nur weil der kroatische Regisseur Oliver Frljic solche Mittel verwendet und in ,Der Fluch' einen Skandal in Polen ausgelöst hat." Weil also viel Verwirrung in der deutschen Wahrnehmung der osteuropäischer Länder herrsche und so viel verallgemeinert würde, auch was das Thema Nationalismus betrifft, wollte Göhring das Festival erst "This Is Not Hungary" nennen. Sie entschied sich aber doch für "Warszawa - Munich", sicher ist sicher.

Drei Produktionen sind nun in München zu Gast, sie stehen für die junge Generation von Regisseuren und vor allem Regisseurinnen, die derzeit die polnische Theaterszene prägen. Diese Generation nennt sich "Post-Theater" und definiert sich unter anderem darin, dass sie Hierarchien ablehnt, flexibler künstlerisch arbeitet und das traditionelle Verhältnis vom Künstler zum Zuschauer neu definieren will. Themen, die sie umtreiben sind zum Beispiel Feminismus, Nationalismus und der Frage danach, was Kunst und Theater überhaupt leisten können.

In vielen Städten Polens würden derzeit Gelder für Theater gestrichen, Ensembles schrumpfen, das berühmte "Divine Comedy Festival" sei verkleinert worden, sagt Göhring. Viele Künstler ziehen deshalb oft gezielt nach Warschau, wo die Bedingungen für ihre Kunst noch etwas besser sind. Die Vernetzung unter den jungen Theatermachern, meint Göhring, sei sehr gut, man unterstütze sich gegenseitig. Auf einer Reise nach Warschau schaute sich die Dramaturgin so viele Produktionen wie möglich an und entschied sich schließlich für drei, die sie nun nach München eingeladen hat.

Das ist zum einen das Stück "Fantasia" der jungen Regisseurin Anna Karasińska. Die Regisseurin sitzt dabei im Zuschauerraum und weist den Schauspielern auf der Bühne spontan ihre Rollen zu. Dabei entstehen kleine Miniaturen, die mit den Theatererwartungen und der Gutgläubigkeit der Zuschauern spielen will.

"Cezary Goes To War", die zweite Produktion, ist die Geschichte des Regisseurs Cezary Tomaszewski. Er erzählt von seinen Erfahrungen als schwuler Mann beim Militär. In Fittness-Outfits singen die queeren Schauspieler dann polnische National-weisen, um die Absurdität des von extremen Männlichkeitsbildern geprägten Militärs offenzulegen.

Als drittes ist "The Polaks Explain The Future" dabei, eine Musikperformance von zwei schauspielernden Geschwistern. Die heißen wirklich "Polak" mit Nachnamen, also "Pole". Die beiden entwerfen für ihre sterbende Großmutter ein utopisches Szenario, wie Polen im Jahr 2118 aussehen könnte, wenn die Polak-Geschwister das in der Hand hätten.

Die Münchner Kammerspiele selbst steuern ihre eigene Produktion "Jedem das Seine" bei. Sie stammt von der polnischen Regisseurin Marta Górnicka, die bekannt für ihre chorischen Performances ist, bei denen Themen wie Populismus, Faschismus und Feminismus skandierend, singend und in rhythmischen Choreografien verhandelt werden. In Gesprächen mit den Künstlern hat Valerie Göhring die Erfahrung gemacht, dass es den polnischen Künstlern wichtig sei, sich nicht ausschließlich über politische Themen zu definieren. Viele wollten kein Theater zu Rechtsruck und Populismus machen, nur weil die Gesellschaft gerade einen Rechtsruck erlebt. Daher hat Valerie Göhring den politischen Diskurs ins Rahmenprogramm des Festivals verlegt. Auf mehreren Panels sprechen deutsche und polnische Soziologen und Theatermacher dann über Demokratie, Frauenrechte und Populismus.

Warszawa - Munich, Donnerstag bis Sonntag, 14. bis 17. Februar, Kammerspiele