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Theater:Nach der Liebe greifen

Bovary, ein Fall von Schwärmerei
Staatstheater Augsburg

Seltsame Schwarmwesen in weißen Gewändern mit futuristischem Faltenwurf bevölkern die Bühne: Ute Fiedler, Karoline Stegemann, Jeanne Devos (von links) überschreiten in diesem Regiekonzept auch Gender- und Figurenbindung.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Die deutschsprachige Erstaufführung von Ivana Sajkos "Bovary, ein Fall von Schwärmerei" am Staatstheater Augsburg

Der Popsong, der nach den Wünschen der Autorin den Abend eröffnen soll, fehlt. Stattdessen herrscht bewegungslose Stille auf der Augsburger Brechtbühne im Gaswerk. Sechs Akteure - drei männlich, drei weiblich - halten unter einer eindrucksvollen Wolke aus Glyzinien-Zweigen die Luft an. Und plötzlich lässt eine der Schauspielerinnen einen Arm pendeln und ein kniender Kollege antwortet mit einem Zucken. Die Figuren erwachen aus dem Bild, um sich den ersten Monolog zu teilen.

In Ivana Sajkos "Bovary, ein Fall von Schwärmerei" ist er Justin zugeteilt, den die kroatische Dramatikerin in ihrer Flaubert-Coverversion als Haupterzähler installiert. Dem im Roman unauffällig omnipräsenten Gehilfen des Apothekers gehört eine von sieben Stimmen, die sie in die Gegenwart herüberhallen lässt. Darunter natürlich auch die von Emma, ihrem Mann und ihren beiden Geliebten. Hie und da wird etwas Roman-Handlung aufgepickt, die jedoch nur als Vehikel dient, um die Konsum- und Liebessucht der Titelfigur als universal zu behaupten. Ob wir nun in der Provinz sind, in Paris oder Berlin, ob wir das Jahr 1857 schreiben oder 2026, ist bei Sajko egal: "Es ist wichtig, dass es nicht gerade jetzt ist und nicht hier, denn die Welt ist ein hässlicher, grausamer und langweiliger Ort."

Es geht um Langeweile, Realitätsflucht und Imagination in diesem "Fall von Schwärmerei", den die sprachgewaltig philosophierende Autorin auch den "Fall des Irrationalen" nennt, der Emma Bovary dazu treibt, sich zu verschulden und in die Arme von Männern zu werfen, die glamouröser zu sein scheinen als der ganz und gar gewöhnliche Landarzt, den sie geheiratet hat. Dass die Ernüchterung stets kurz nach dem Rausch kommt, kennen wir. Doch wo sich Emmas Sehnsucht nach dem Unmöglichen aus der Lektüre schlechter Romane speiste, sind heute Werbung, Film und Popmusik unsere Wunschfabriken.

Nicole Schneiderbauer, die die deutschsprachige Erstaufführung der 1916 in Zagreb uraufgeführten Stückes besorgt, lässt zwar von Emmas Versuch erzählen, "das Leben als ein Lied zu leben". Sie interessiert sich jedoch weniger für die Inhalte dieses Liedes als für Atmosphäre. Bowies "Let's Dance" wird gesungen, allerdings stark verlangsamt und verzerrt - wie in Trance.

Einzelne Textbausteine werden elektronisch vertont und die ganze, von Stefanie Sixts malerischen Schwarz-Weiß-Videos überzogene Bühne sirrt, kracht und tönt. Sie ist bevölkert von seltsamen Schwarmwesen in weißen Gewändern mit futuristisch anmutendem Faltenwurf (Bühne und Kostüme: Miriam Busch), die ohne feste Gender- und Figurenbindung Texte sprechen. Jeanne Devos, Ute Fiedler, Klaus Müller, Roman Pertl, Thomas Prazak und Karoline Stegemann sind ein homogenes Team, das mit gewollt fehlkoordinierten Körpern das Nichtzusammenpassen der Eheleute illustriert, die Tanzszene aus Vincente Minnellis Bovary-Film von 1949 atmosphärisch nachbuchstabiert oder Emmas Selbstmord nachstellt. Während Flaubert kaum ein grausiges Detail ausspart, wird hier einfach jemand auf ein paar Dielenbretter gelegt. Der Rest sind Worte.

Schneiderbauers choreografisch-performativer und sehr artifizieller Ansatz ist ästhetisch ansprechend, bisweilen aber auch etwas selbstverliebt. Er lädt selbst zum Träumen ein, zum Nachdenken aber kaum. Und den, der Flauberts Roman nicht kennt, wird der Abend vermutlich reichlich verwirrt entlassen.

Bovary, ein Fall von Schwärmerei, nächste Aufführung: Fr., 17. Januar, 19.30 Uhr, Staatstheater Augsburg, Brechtbühne im Gaswerk