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Berliner Freilichttheater:Tüffi muss es reißen

Pressebilder: Tartuffe
oder Das Schwein der Weisen
von PeterLicht frei nach Molière
Regie: Jan Bosse

Endlich wieder in ihrem Element: Die Schauspieler des Deutschen Theaters Berlin spielen bei Wind und Wetter vor ihrem Haus (vorne rechts: Felix Goeser, links Moritz Grove).

(Foto: Arno Declair)

Echte Schauspieler auf einer echten Bühne: Das Deutsche Theater Berlin beglückt das Publikum mit "Tartuffe oder Das Schwein der Weisen".

Von Sonja Zekri

Vieles ist schön an diesem Abend, aber am schönsten ist, dass das Wort Corona nicht fällt. Keine Andeutung, nicht mal in aerosolhaft winziger Dosierung. Die Rahmenbedingungen sind pandemisch, das schon. Menschen sitzen bei Wind und Regen auf einer Tribüne vor dem Deutschen Theater in Berlin, mit Pelzkragen, Decken und Schirmen wie auf einer Polarkreuzfahrt. Der Intendant Ulrich Khuon bittet inständig, bei Verschlechterung "keine individuellen Entscheidungen zu treffen". Das steht nicht zu befürchten. "So lange ohne Theater", seufzt eine Besucherin. "Wie haben wir das nur ausgehalten?", eine andere. Ein solches Publikum ist nicht leicht zu vertreiben.

Und dann spielt das Ensemble auf den Treppenstufen des Theaters das Wetter ohnehin an die Wand. "Tartuffe oder Das Schwein der Weisen", die Molière-Interpretation des Musikers und Autors Peter Licht, ist eine belebende Text-Dusche, die alle Diskurs-Schlacken und Emo-Blockaden wegspült. War ja doch bestenfalls "mittelungeil", das Jahr, zumal im Theater, weit entfernt vom Zustand der "Vollgeilheit", dabei wollen doch alle "ins Geile", wie Regine Zimmermann als "Herr Frau Pernelle" festhält, wobei die Frage ist, ob Tartuffe, genannt Tüffi, wirklich so geil ist, wie Pernelles Sohn Orgon, genannt Orgi, behauptet.

Der Titelheld betrachtet in seiner phallokratischen Weltsicht den "Penis als Chance"

Drinnen im Deutschen Theater wird Sebastian Hartmanns "Zauberberg"-Inszenierung vor leeren Rängen für das Finale des Theatertreffens gestreamt, draußen lässt der Regisseur Jan Bosse die "Tartuffe"-Schauspieler vor, am und auf dem Theater spielen. Orgi - bei Felix Goeser eine patriarchale Schwundstufe auf goldenem Hochsitz- hat den Tüffi aus Verdruss über die "Mitte" mit ihren "Okay-Leuten" in "Okay-Schläppchen" angeschleppt. Dass Orgi einfach so "eine neue Figur in unseren Sozialbezug einfügen" will, begeistert anfangs nicht alle, aber dann fassen sie doch Vertrauen. Zwar will Tüffi nicht nur Orgis Frau Elmire (Natali Seelig) "kontextualisieren", also verführen, sondern alle anderen auch, aber besser als Mittelungeilheit ist auch das. So schlüpfen sie in madenartige Nacktanzüge und erwarten rührend hoffnungsvoll Tüffis "Workshop".

Božidar Kocevski spielt diesen Tüffi als anfangs buchstäblich grunzendes Macho-Schwein, breitet aber nach einem herrlich lüsternen Solotänzchen seine phallokratische Weltsicht aus, in der sich das "Penishafte der Welt" und das "Penishafte des Kapitalismus" verbinden zum "Penis als Chance". Daran ist nichts klemmig oder klebrig, sondern von einer so unschuldig offenen Gier, dass Orgis Familie ihm nicht mal richtig böse ist, als sie feststellt, dass der Tüffi nur ein "normaler Sex-Schamane" ist, der die Kursgebühren für seine "School of Ausstülpung und inneren Frieden" abkassieren will.

Allmählich lässt der Regen nach, der Sturm legt sich. Sanft nieseln die Achtsamkeitsfloskeln und Befindlichkeitsleerstellen herab. Während man der kunterbunten, am Ende vor Kälte zitternden Truppe bei ihrer gescheiterten Expedition ins Äußere zusieht, echten Schauspielern auf einer echten Bühne, nach all dem einsamen In-sich-Hineinhören und verstopfendem Social-Media-Konsum, da wirkt der Gedanke an ein bisschen "Ausstülpung" gar nicht mal so schlecht, irgendwie befreiend. Aber vielleicht ist das auch nur der fast vergessene Effekt, den gutes Theater hat. Am Ende ein ungewohntes Geräusch. Ach, stimmt, so klingt Applaus.

© SZ
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