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Theater mit Flüchtlingen:Angekommen

Die Flüchtlingskrise beherrscht die Theaterlandschaft, künstlerisch und in konkreten Projekten. Wie viel daran ist Kunst - und wo beginnt die Sozialarbeit?

Zum Beispiel Mannheim. Auf der zwecks Kleinbürgermilieuzeichnung besonders schäbig und beengt gehaltenen Bühne im Nationaltheater steht der sture Eddie und sagt trotzig: "Ich verlange Respekt." Eddie ist vor vielen Jahren ins Land gekommen und hat es als Einwanderer zu etwas gebracht. Den Respekt, den er für sich selber einfordert, verweigert er jedoch seinen beiden illegal nachgereisten Cousins, die bei ihm unterkommen. Dass der junge Rodolpho seiner Ziehtochter Catherine den Kopf verdreht und sie heiraten will, treibt Eddie in eine solche rasende Eifersucht, dass die Situation eskaliert. Erst denunziert er die Illegalen, dann provoziert er einen Messerkampf, bei dem er stirbt. Fremdenhass innerhalb der Familie. Ein Migrantenschicksal.

Eddie ist die Hauptfigur in Arthur Millers sozialrealistischem Drama "Ein Blick von der Brücke" aus dem Jahr 1955. Ursprünglich angesiedelt im Einwanderermilieu italienischer Hafenarbeiter im New York der Fünfzigerjahre, spielt es in Mannheim andeutungsweise im Hier und Heute und bildet als stundenkurze Parabel das dramatische Vorspiel zu dem Rechercheprojekt, das im Anschluss folgt.

Dieses trägt den Titel "Mannheim Arrival" und versammelt Geschichten von Flüchtlingen, die hier leben, warten und um ihre zurückgelassenen Angehörigen bangen. Entstanden sind diese sehr persönlichen Menschen- und Fluchtporträts aus Interviews, die der Kulturjournalist Peter Michalzik (unter Mitarbeit von Lea Gerschwitz) geführt und zu einem Theaterabend arrangiert hat. Vorgelesen werden sie von den Schauspielern, die zuvor das Arthur-Miller-Stück gespielt haben. Sie fungieren als Paten für die Geflüchteten, stellen diese vor und leihen ihnen ihre Stimme - und zwar in deren Beisein. Die meisten sitzen ihrem Vortrags-"Paten" auf einem Stuhl gegenüber. Die Atmosphäre ist freundschaftlich. Man umarmt sich, lächelt, gibt sich die Hand. Auf einer Riesenleinwand sieht man private Fotos. Zwischendurch gibt es lässig-afrikanische Musik, gespielt von einer Flüchtlings-Band.

Es ist ein sensibler Doppelabend, den Mannheims Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski da als Hauptbeitrag zu seinem Spielzeit-Motto "Integration durch kulturelle Teilhabe" inszeniert hat - eines von vielen Projekten, mit denen Theater derzeit auf die Flüchtlingskrise reagieren, eines der ambitioniertesten. Schon in der Auswahl zum Berliner Theatertreffen im Mai - mit Einladungen wie Elfriede Jelineks Flüchtlings(chor)stück "Die Schutzbefohlenen" in der Regie von Nicolas Stemann oder Yael Ronens Balkankriegs-Recherche "Common Ground" - hat sich jene Repolitisierung abgezeichnet, der viele Bühnen zuvor mit ihren Anti-Pegida-Protesten Ausdruck verliehen hatten. Das Theater muckt auf - und mischt sich ein.

Jetzt, in der neuen Saison, da selbst die politisch aufgewecktesten Spielpläne von der Aktualität überrumpelt worden sein dürften, gibt es die vielfältigsten Spontanaktionen, mit denen die Schauspielhäuser sich engagieren und Asylsuchenden auch konkret helfen wollen - von Benefizkonzerten über Spendenaktionen bis hin zu Workshops und Begegnungsfesten. Kaum ein Haus, das nicht wenigstens eine Lesung ansetzt. Das Internetforum nachtkritik.de dokumentiert Beispiele für das Hilfsengagement einzelner Theater. Die Liste #RefugeesWelcome ist seitenlang und wird immer wieder aktualisiert.

Flüchtlinge sind nicht mehr wegzudenken, auch im Haus von Eddie nicht: Szene mit Asylbewerbern aus Arthur Millers Stück "Ein Blick von der Brücke".

(Foto: Hans Jörg Michel)

Als gesellschaftliche Institutionen mitten in der Stadt begreifen sich die Theater über ihren ästhetischen Kulturauftrag hinaus nicht nur als Foren, sondern durchaus auch als Aktivisten im öffentlichen Diskurs, begreifen Öffnung, Partizipation, Einmischung als Teil ihres Auftrags. Sie nehmen Stellung, setzen Zeichen, machen - buchstäblich - ihre Türen auf. Bühnen wie das Hamburger Schauspielhaus oder das Deutsche Theater in Berlin stellten Flüchtlingen Matratzen-Notquartiere bereit. Auf dem Dach des Berliner Ensembles (BE) ließ Intendant Claus Peymann eine Fahne anbringen mit der Aufschrift: "Wo Häuser brennen, brennen auch Menschen" - aus Protest "gegen die Barbaren, die immer wieder Flüchtlingsheime in Brand setzen". Flüchtlingen bietet das BE Freikarten an. Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Gorki Theaters, will Asylsuchenden "ganz praktisch" dabei helfen, Anträge und Formulare auszufüllen. Das Schauspiel Köln hat eine langfristige Patenschaft für zwei Flüchtlingsunterkünfte übernommen. Und das Hamburger Thalia Theater hat in vier Wochen 40 000 Euro Spenden eingesammelt. Das Geld soll direkt an Flüchtlingsinitiativen gehen.

Neben all diesen soziokulturellen Aktionen - vulgo: Sozialarbeit - ist die Flüchtlingsproblematik auch künstlerisch eine Herausforderung. Hier gestaltet sich die Umsetzung problematischer. Wie das oft Unfassbare auf die Bühne bringen? Wie das Leid der anderen darstellbar machen? Wie mit ihrer Stimme sprechen?

Der gesellschaftliche Umgang mit Flüchtlingen war schon vor 2500 Jahren ein Theaterthema, als Aischylos sein Drama "Die Schutzflehenden" schrieb. Die fünfzig Töchter des Danaos fliehen darin aus Ägypten, weil sie die Söhne des Aigyptos, ihre eigenen Vettern, heiraten sollen. Von diesen verfolgt, gelangen sie nach Argos, der Heimat ihres Geschlechts, wo sie bei König Pelasgos um Aufnahme flehen. Dieser gerät in einen moralisch-politischen Konflikt. Aus Gewissens- und rechtlichen Gründen muss er den Frauen Asyl gewähren, politisch riskiert er dadurch jedoch Krieg. Aischylos' Drama diente Elfriede Jelinek als Grundlage für ihr viel gespieltes Werk "Die Schutzbefohlenen" - das aktuelle Flüchtlingsstück schlechthin - und wird jetzt in so mancher Dramaturgie wieder herausgeholt. Am Schauspiel Leipzig hat Enrico Lübbe beide Texte in Korrespondenz gestellt und als Doppelprojekt inszeniert. An der Eckfassade des Theaters hängt dazu ein Bekennertransparent mit einem Goethe-Zitat: "Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter."

Der Grundverdacht ist, dass das Leid der Menschen künstlerisch ausgenützt wird

Viele Theater machen ihre eigenen Flüchtlingsprojekte, bringen - oft als Bürgerbühnenproduktion - "echte" Flüchtlinge mit ihren Einzelschicksalen oder ganze Flüchtlingschöre auf die Bühne. In dem Projekt "Ankommen - Unbegleitet in Hamburg", das am Samstag am Thalia Theater Premiere hat, erzählen acht Jugendliche aus Somalia, Afghanistan, Pakistan und Benin, wie das ist, als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sich in Deutschland zurechtfinden zu müssen. So authentisch und berührend solche Projekte oft sind, sie entgehen nie ganz dem Grundverdacht, das Leid der Menschen künstlerisch auszunutzen. Auch Stemann sah sich diesem Vorwurf ausgesetzt, als er bei der Uraufführung der "Schutzbefohlenen" eine Flüchtlingsschar auf die Bühne brachte. Menschliches Anschauungsmaterial zur Beglaubigung des Gesagten? Wie instrumentell oder gar dekorativ ist die personifizierte Authentizität?

Das sind Fragen, die sich - und denen sich - das Theater stellen muss. Auch im Mannheimer Miller-Stück kommen Flüchtlinge vor. In traumartigen Zwischeneinlagen rennen, tänzeln oder quengeln sie über die Bühne: Allgegenwärtige, die aus unserem Alltag nicht mehr wegzureden, wegzudenken sind. Eigentlich eine schöne Idee. An der Behutsamkeit, mit der das inszeniert ist, und der eigenen Überlegung, ob das politisch okay ist, merkt man jedoch die Befangenheit aller: die des Regisseurs genauso wie die des Publikums. Wir sind in dieser Thematik alle noch Unsichere, Suchende, Lernende. Wichtig ist, man weicht nicht aus. Wichtig ist aber auch: man ruht sich nicht aus. "Die Menschen, die bei uns ankommen, müssen auch auf der Bühne vorkommen", davon ist der Mannheimer Schauspielintendant Kosminski überzeugt. Er nennt das "Arbeit an der künftigen Gesellschaft". Flüchtlinge auf der Bühne, das sei aber auch "aktive künstlerische Integration": Die Arbeit für die Bühne stärke das Selbstwert- und Zugehörigkeitsgefühl.

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Im Projekt "Ankommen - Unbegleitet in Hamburg" am Thalia-Theater erzählen minderjährige Flüchtlinge vom Leben in Deutschland.

(Foto: Fabian Hammerl)

Eines, sagt Kosminski, müsse aber klar sein bei all den Flüchtlingsprojekten in den Theatern: "Wenn wir mit ihnen arbeiten, übernehmen wir Verantwortung. Wer Theater mit Flüchtlingen macht, muss sich um die soziale Integration kümmern, um Arbeit, Ausbildung, Sprache, Lebensumstände." Dass das Geld kostet, ist auch klar. In Mannheim geht das Flüchtlings-Doppelprojekt mit einer sozialen Offensive einher, unterstützt von Wirtschaft, Politik und diversen Hilfsorganisationen. Das sieht dann so aus, dass die mitwirkenden Flüchtlinge Bildungsgutscheine und "individuelle, auf das jeweilige Bildungsniveau zugeschnittene Qualifikationsangebote" bekommen. Sprachförderung zum Beispiel oder berufsvorbereitende Kurse.

Auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit - und letztlich auf eine "Konversion" - angelegt ist auch die Initiative "Munich Welcome Theatre" der Münchner Kammerspiele. Sie sieht eine Öffnung des Theaters für die Themen Flucht, Ankunft und Asyl vor - und zwar sowohl inhaltlich "als auch in den Strukturen und beruflichen Qualifizierungsmöglichkeiten". Bei einem "Open Border Kongress" am vergangenen Wochenende haben die Kuratoren Björn Bicker und Malte Jelden mit einem umfangreichen Programm aus internationaler Panel-Experten-Kompetenz und buntem Performance-Treiben die Schleusen dafür schon mal geöffnet. Intendant Matthias Lilienthal bezeichnete diesen Kongress als ein "klares politisches Statement" und versprach bei einer Podiumsdiskussion, die Münchner Stadtgesellschaft mit ihrem Migrantenanteil von 37,2 Prozent langfristig auch an seinem Haus spiegeln zu wollen.

Der Migrations-Hype im Theater sei vorbei, so Lilienthal, "was nun kommt, sind die Mühen der Ebene", sprich: die Umsetzung im Alltag. "Man kriegt dafür keine Blumen. Umso stärker muss man das Thema behaupten."