Theater Menschmaschine

Grandiose Marionetten: Valerio (Magdalena Müller, links) und Leonce (Annett Segerer).

(Foto: Christian Flamm)

Büchners "Leonce und Lena" in Wasserburg

Von Egbert Tholl, Wasserburg

Die Maschinistin spricht. "Das Gefühl, dass etwas Leben habe, sei das einzige Kriterium in Kunstsachen." Die Maschinistin, Susan Hecker, ist streng. Sie herrscht über die Automaten, Menschmaschinen in Dosen aus Wickelfalzrohren. Sind diese Automaten Nachbildungen von Menschen, oder bildet man die Menschen den Automaten nach, und wir merken das gar nicht mehr, weil wir an den Holzpuppenidealismus glauben wollen?

"Leonce und Lena" ist Georg Büchners grimmigstes Stück, was man oft vergisst, weil der Autor selbst es als "Lustspiel" bezeichnete. Jetzt hat es Uwe Bertram am Theater Wasserburg inszeniert, und zwar so konsequent wie mutig, so spröde wie aufregend. Dafür haben er und alle Mitwirkenden Erstaunliches gebastelt. Das Theater Wasserburg ist ein modernes Haus, es verfügt über eine fahrbare Technikbrücke. Die ist nun vollgestopft mit Röhren und Ventilen, zum optischen Industriedesign kommt das nicht weniger imposante akustische von Nik Mayr, es dröhnt, zischt und hämmert. An der Technikbrücke hängen vier große Dosen, in denen hocken vier Schauspielerinnen, anfangs leblose Kreaturen, die die Maschinistin nach ihrem Belieben zum Leben erweckt. Dann zucken sie und tanzen sie, obwohl sie sich kaum bewegen können. Die Maschinistin zieht an Seilen, ordnet die Vier immer wieder neu, schafft so die Konstellationen des Stücks, das von hinten nach vorne und quer durch die Mitte erzählt wird, immer völlig klar und kommentiert von der Maschinistin oben auf der Technikbrücke mit weiteren Büchnersätzen, aus "Dantons Tod" oder "Woyzeck". Der Abend ist auch eine Feier der Sprache, ein rhetorisch anspruchsvolles Faszinosum. Nicht nur Susan Hecker, auch die Vier in den Dosen, Amelie Heiler, Magdalena Müller, Annett Segerer und Regina Alma Semmler, bedienen Büchners Aberwitz mit gleißender Sprechkunst und leuchtenden Gesichtern - das ist alles ungeheuer verblüffend.

Man kann sich natürlich fragen, wo man da hineingeraten ist, aber das tut man bei "Leonce und Lena" ohnehin. Büchners Stück ist eine Parabel über die Nutzlosigkeit lächerlicher Herrschaftsformen, in denen nichts Sinnvolles zu tun ist, weshalb der gelangweilte Leonce und sein fauler Freund Valerio das vollendete Nichtstun propagieren. Um das zu erreichen, werden Untertanen, sofern man sich ihrer erinnert, in Funktionsmechanismen arrangiert. Bei Bertram schlägt das um auf alle Figuren, und Büchners Vorführen von marionettenhafter Determiniertheit der menschlichen Existenz, der sinnentleerte Aberwitz geistreicher Unterhaltung, das Sterben der Liebe und des Individuums werden zum bezwingenden Menetekel. Darüber weht eine Arie von Puccini vorbei, eine Erinnerung.